Reformationsjubiläum Lutherjahr 2017: Was bleibt?

Von Stefanie Witte | 28.12.2017, 06:13 Uhr

Was bleibt vom Lutherjahr 2017? Woran wird man sich erinnern? Was ist schief gelaufen? Und wie geht es weiter? Der Rückblick zum Jahresende:

Der Luther des Jahres 2017 ist knapp 7,5 Zentimeter groß, trägt einen bodenlangen schwarzen Umhang aus Plastik und neigt dazu, nach vorne zu kippen, wenn er seine goldene Bibel vor sich ausstreckt. Martin Luther als Playmobilfigur: Daran entzündete sich im Jahr des Reformationsjubiläums zum einen der Vorwurf des Personenkultes. Anderen galt das Figürchen als Inbegriff der Kommerzialisierung. Zwischen Luther-Socken, Luther-Keksen, Luther-Lätzchen und Luther-Bier sei der Kern des Jubiläums, der Glaube, verschüttet worden. Beim Publikum kam der kleine Reformator jedenfalls an. Über eine Million Mal ging er über die Ladentheke.

Was also bleibt – neben der Plastikfigur – vom Lutherjahr 2017? Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, sagte am Reformationstag im Oktober: „Von Wittenberg ging eine spirituelle Erneuerung aus, die Menschen in Bewegung gesetzt hat.“ Da schwang der Wunsch mit, auch von der gigantischen Jubiläumsfeier und ihren tausenden Einzelveranstaltung möge ein solcher Impuls ausgehen. Reformationsbotschafterin Margot Käßmann ergänzte: „Ich wünsche mir, dass vom Reformationsjubiläum 2017 eine Aufbruchsstimmung ausgeht.“

„Grummelige Meckerstimmung“

Der theologische Aufbruch blieb jedenfalls zu Jahresbeginn erst einmal im Ansatz stecken. Im März hatte es bei den Protestanten heftig gekriselt. Renommierte Theologen hatten kritisiert, dass die politischen Botschaften der Kirche nicht viel mit Luther zu tun hätten, dass es den Feierlichkeiten an Substanz mangele. Der Vizepräsident des Kirchenamts der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD), Thies Gundlach, beklagte daraufhin, die Theologen verfielen bei jedem EKD-Vorschlag in eine „grummelige Meckerstimmung“.

Da ging der AfD-Auftritt beim Kirchentag im Mai fast unter. Auch dem war eine intensive Debatte vorausgegangen: Soll die AfD auf Podien mitdiskutieren oder nicht? Am Ende beantworteten die Veranstalter diese Frage mit Ja. Trotz Petition dagegen. Der Aufschrei nach der Veranstaltung blieb aus.

Umso lauter fiel dafür der Jubel aus, als der Superstar des Kirchentages die Bühne betrat. Der hieß nicht Luther, sondern Obama. Als der amerikanische Ex-Präsident vor dem Brandenburger Tor mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über Gott und Kirche plauderte, reckten tausende Besucher die Hälse, streckten Handys und Kameras in die Höhe, um ein Erinnerungsfoto zu schießen. Für die, die dabei gewesen sind, wird es einer der Gänsehaut-Momente sein, an die sie sich anschließend erinnern.

Posaunen auf dem Markt

Und dann waren da die zahllosen kleinen Veranstaltungen unabhängig von den Massentreffen. In Nürnberg nahmen 45 Gemeinden an einer Wallfahrt teil. Ein Lutherschiff machte in norddeutschen Häfen auf das Jubiläum aufmerksam und in Detmold erfüllten Posaunenklänge den Marktplatz, als sechs Gemeinden einen ökumenischen Gottesdienst mit 800 Besuchern feierten. Wie viele Menschen tatsächlich mit dem Lutherjahr in Berührung kamen, lässt sich schwer messen. Allein in Bremen zählte die EKD rund 100 Veranstaltungen anlässlich des Jubiläums.

Überhaupt: Die Höhepunkte. Die EKD misst sie am liebsten in Zahlen. Da sind die mehr als 70.000 Zuschauer beim Obama-Besuch, rund 100.000 beim Kirchentag, 1,7 Millionen TV-Zuschauer, die 4000 Mitwirkende des Luther-Oratoriums im ZDF sahen, bis hin zu 82 Millionen Bundesbürgern, die von einem zusätzlichen Feiertag am Reformationstag profitieren. Rückblickend spricht die EKD von vielen tausenden Veranstaltungen mit vielen Millionen Teilnehmern, von einem medialen „Top-Ereignis“.

„Es geht nicht nur um Zahlen“

Beobachter fanden andere Attribute. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung bezeichnete im Juli die Weltausstellung Reformation als „Die Pleite des Jahres“. Nicht einmal 300.000 Besucher hatten eine Eintrittskarte gekauft. Am Ende sorgte das zusammen mit höheren Kosten für die Sicherheit und unerwartet niedrigen Zuschüssen für ein Defizit in Höhe von 6,5 Millionen Euro.

Die Zahlen beim Festgottesdienst in Wittenberg enttäuschten ebenfalls. Nur 120.000 Teilnehmer zählte die EKD. Beobachter zweifeln selbst diese Zahl an. Und so musste der Geschäftsführer des Reformationsjubiläums erklären, beim Kirchentag gehe es nicht allein um Zahlen, sondern um Wirkung und Symbole.

Was bleibt hängen?

Was hatte das Reformationsjahr da zu bieten? Neben Obama ist es vor allem ein Bild, das hängen bleibt: Das von Protestanten und Katholiken, die einen großen Schritt aufeinander zu machen. Der Papst empfing mehrere EKD-Vertreter im Vatikan. Beim ökumenischen Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim demonstrierten die Chefs der beiden Kirchen in Deutschland christliche Einheit. Überall im Land feierten Gläubige ökumenische Gottesdienste.

Und was bleibt im nächsten Jahr von der Lutherdekade, vom Reformationsjubiläum, von Millionen Fernsehzuschauern und hunderttausenden Besuchern? Immerhin eine Party für die eigenen Leute, für Gläubige, die gute Erinnerungen aus Berlin und Wittenberg mit in ihre Gemeinden nehmen.

Kirche abhängig vom Wertewandel

Der Religionssoziologe Detlef Pollack aus Münster fasste es bei der EKD-Synode im November so zusammen: „An vielen Stellen ist ein Aufbruch spürbar, der nun in nachhaltiges kirchliches Handeln überführt werden soll.“ Das könne jedoch nur in Einzelfällen gelingen. Zu sehr sei die Kirche abhängig von wirtschaftlicher Konjunktur und Wertewandel.

Statt sich auf die Auswirkungen des Reformationssommers zu verlassen empfiehlt Pollack, mehr in die religiöse Erziehung von Kindern zu investieren, den Gottesdienst einladender zu gestalten und die Kommunikation zwischen Pfarrern und Kirchenleitung zu verbessern. Der Soziologe vergleicht die heutige Lebenswelt und die Welt, in der Martin Luther, von der Vorstellung der eigenen Sündhaftigkeit angetrieben, ums eigene Heil bangte. Das Reformationsjubiläum habe gezeigt, „wie fremd uns Luther inzwischen geworden ist, wie weit seine Welt von unseren Annahmen über die Welt und das Leben entfernt ist.“

Reformationsbotschafterin Käßmann glaubt: „Dieses Jubiläum wird in die Geschichte eingehen“. Allerdings: Das protestantische Sommermärchen, das viele in diesem Jahr erwartet hatten, konnte mit seinem WM-Vorbild nicht mithalten. Auch wenn aus Sicht der evangelischen Kirche allenthalben Begeisterung zu spüren war – der lutherische Geist erfasste zwar Bildungseliten, Politik und Gläubige, aber abgesehen von einem bundesweiten Feiertag nicht das ganze Land.