Lukasz, der deutsche Pole Kein Glamour, kein Glanz: Ein Besuch in Gleiwitz, der Heimat des Spätaussiedlerkindes Podolski

21.06.2012, 20:41 Uhr

„Unsere Deutschen“ – die polnische Ausgabe des Magazins „Newsweek“ erzählt in ihrer neuen Ausgabe noch einmal die Geschichte der beiden gebürtigen Polen in der deutschen Nationalmannschaft. Der Tenor: Die Polen fangen an, Miroslav Klose zu respektieren. Aber Lukas Podolski lieben sie wie eh und je.

Und wenn die Deutschen in der zweiten Hälfte der Europameisterschaft, die an diesem Freitag (20.45 Uhr, ZDF) mit dem Viertelfinale gegen Griechenland beginnt, von den Fans des ausgeschiedenen Gastgeberlandes unterstützt werden, dann liegt das an Poldi. Einem Spätaussiedlerkind, das mit zwei Jahren seine Heimat verließ. Auf der Suche nach den Gründen sind wir nach Gleiwitz/Gliwice in Oberschlesien gefahren.

Die Straße ist grau, die Häuser auch. Klapprige Autos, alte Menschen. Hier wohnt die berühmteste Oma der Fußballgeschichte. Nummer 18, Ulica M. Reja im alten Gleiwitzer Arbeiterviertel Sosnica. Kein Glanz, kein Glamour, aber alle wissen Bescheid. „Tak, tak“, sagt die Putzfrau, „hier wohnt die Oma von Lukas. Wir sind alle stolz auf sie und ihren Enkel.“ Darek hat uns in die Straße gefahren, er ist Journalist, er schreibt über Gornik Zabrze und die polnische Nationalmannschaft. Und er kennt Podolski aus einer Zeit, als der noch kein Star des internationalen Fußballs war.

„Oma spricht nicht mit Journalisten“, sagt Darek, „immer, wenn EM oder WM ist, fallen die Reporter hier ein. Sie macht dann gar nicht mehr die Tür auf.“ Über 80 Jahre ist die Frau, die auch in diesem Sommer wieder Besuch von ihrem Enkel bekommen wird. „Das macht der Lukasz immer“, sagt Darek, „dann trägt er ihr die Kohlen aus dem Keller, kauft für sie ein und kickt manchmal mit den Kindern nebenan auf dem Bolzplatz.“

Wir sehen die Hochhaus-Siedlung in der Ulica Wislana ein paar Ecken weiter. Einladend ist es hier nicht, und man kann sich vorstellen, wie es hier aussah Ende der Achtzigerjahre. In einem Land, dessen kommunistisches Regime am Ende war und dessen Menschen keine Hoffnung hatten. Zu Hunderttausenden nutzten Polen mit deutschen Wurzeln ihre Chance, das Land als Spätaussiedler zu verlassen.

Auch der Schlosser Waldemar Podolski und seine Frau Krystyna packten in der Ulica Wislana 1 ihre Sachen, für immer. „Die Bedingungen in Polen wurden immer schlechter“, hat Lukas Podolski einmal erzählt, „aber trotzdem ist ihnen die Entscheidung für Deutschland nicht leichtgefallen.“

Podolski ist gegangen wie so viele, aber er ist im Herzen geblieben. Er spricht gern und gut Polnisch, er singt vor den Länderspielen demonstrativ die deutsche Hymne nicht mit. Er hat eine Polin geheiratet, in Polen natürlich. Und er ist immer offen und freundlich. All das erzählen einem die Menschen, wenn man sie nach Podolski fragt.

Vor allem mit zwei Szenen hat Podolski die polnische Seele berührt. Als er 2008 beim EM-Spiel gegen Klagenfurt zwei Tore gegen sein Heimatland schoss, jubelte er sehr verhalten, ja, er nahm sogar die Hände vors Gesicht, als hätte er etwas angestellt. Er tauschte das Trikot mit Mariusz Lewandowski und lief im roten Hemd mit dem weißen Adler über den Platz hin zu seiner Familie, die auf der Tribüne saß.

Robert arbeitet für den polnischen Fernsehsender TVP, und seine Stimme zittert ein bisschen, als er von Podolskis erstem Spiel nach der Katastrophe im russischen Smolensk spricht. Dort war im April 2010 die polnische Präsidentenmaschine abgestürzt und 96 Passagiere, darunter Staatschef Lech Kaczynski, ums Leben gekommen. „Er hat einen Trauerflor am Trikotärmel getragen, das werden wir ihm nie vergessen.“

Egal, wen wir fragen an diesem heißen Sommertag in Gleiwitz, alle kennen Podolski. Die wenigsten nennen ihn Poldi, wie ihn die Kölner Boulevard-Presse getauft hat, hier ist er „der Lukasz“. Die Menschen nicken freundlich, loben ihn und kündigen an, dass sie jetzt, nach dem Aus der Polen, Deutschland die Daumen drücken. „Wenn wir es nicht werden können, dann soll es einer von uns werden“, sagt Mariana bei der Mittagspause auf dem Marktplatz.

Allmählich wird uns klar, warum wir in den Sportgeschäften kein Trikot mit Podolskis Namen oder Fanartikel finden. Und warum auf dem Fußball-Büchertisch in der größten Gleiwitzer Buchhandlung zwar Biografien von Rooney, Casillas oder Mourinho liegen, aber nicht ein Buch von oder über Podolski zu haben ist.

„Er ist einer von uns, kein Star aus einer anderen Welt“, sagt Darek später, und das ist die Antwort. Hier, in Gleiwitz, in Oberschlesien, ist Podolski ein Junge von nebenan, der nie richtig weggegangen ist. Einer, der, wenn er zu Besuch kommt, sich nicht im Hotel einquartiert, sondern beim Onkel übernachtet.

Niemand hier wirft ihm vor, dass er für Deutschland spielt. Alle wissen, dass der polnische Fußballverband es schlicht verschlafen hat, ihn rechtzeitig anzusprechen. „Als ich ihn in seinen Anfängen in seiner neuen Heimat in Bergheim besucht habe“, erzählt uns der Reporter Darek, „da hing in seinem Zimmer eine polnische Fahne …“

Deutsch, polnisch, deutsch, polnisch – im Räderwerk der Geschichte haben die Menschen in Oberschlesien besonders gelitten. „Gerade hier können die Leute verstehen, dass einer für Deutschland spielt, aber im Herzen Pole bleibt“, sagt der Fernsehmann Robert.

Derzeit hoffen sie in Oberschlesien, dass ihr Lukasz tatsächlich zurückkehrt – als Fußballer. Gornik Zabrze ist sein Lieblingsverein, ein Verein mit Bergarbeiter-Tradition, das Stadion liegt wenige Kilometer von Gleiwitz entfernt. Und seit Podolski gesagt hat, er werde am Ende seiner Karriere für Gornik Zabrze spielen, fiebern sie diesem Moment entgegen.

Krzystof May, der Technische Direktor des Klubs, spricht von nichts anderem, wenn die Rede auf Podolski kommt. Stolz erzählt er, dass Lukasz ihn eingeladen hat zum Spiel gegen die Griechen, dass er auf der Tribüne einen Ehrenplatz bekommen wird, dass Lukasz nach der Saison Gornik besuchen wird und dass er dann schon mal ein Trikot mit dem Namen „Podolski“ und der Nummer 10 bekommen werde.

Darek wünscht sich das auch. Als wir ihn zum Abschied fragen, was er vom Menschen Lukasz hält, erzählt er von einem seiner letzten Kontakte mit dem Star. Ein Fußballjunge aus Gleiwitz war auf dem Weg zumTraining unter eine Straßenbahn gekommen und verlor ein Bein. Weil das Geld für eine Prothese fehlte, habe man gesammelt. Darek schrieb einen Brief an Podolski, und der schickte sofort zwei signierte Trikots. Die Versteigerung brachte genügend Geld für die Prothese.