Lebensmotto: „Licht im Nebel“ Polnischer Rollstuhlfahrer macht auf Europatour Halt in Neuenkirchen

Von Henning Stricker | 31.07.2012, 06:30 Uhr

Bramsche. Etwas überrascht waren der Neuenkirchener Landwirt Bernward Abing und seine Frau Monika schon, als Sohn Thomas am Sonntagabend ins Haus kam und sagte, dass draußen ein junger Mann aus Polen mit einem Zettel in der Hand stehe.

Dort wartete der 28-jährige Daniel Sampolski, der selber kein Deutsch spricht, aber einen Zettel in der Hand hielt. Darauf stand, dass er für eine vierköpfige Gruppe Nachtquartier suche. Ein Platz zum Zelten würde den vier Reisenden schon reichen.

Für Bernward Abing, der selber schon Erfahrungen mit der Gastfreundschaft unserer polnischen Nachbarn in der Neuenkirchener Partnergemeinde Jeziorany gemacht hat, stand sofort fest, dass die Gruppe auf einer Wiese direkt am Hof zelten könne. Wenig später trafen dann der 40-jährige Przemek Kowalik, seine Frau Barbara und der 68-jährige Zdzistaw Gajda auf dem Hof der Abings ein.

Und damit begann für die Abings ein wohl unvergesslicher Abend. Denn die Gruppe um Przemek Kowalik macht eine Tour quer durch Europa. Diese Tatsache an sich ist sicherlich nicht sonderlich ungewöhnlich, doch Przemek Kowalik ist nicht mit dem Auto oder dem Fahrrad unterwegs, sondern mit einem Elektro-Rollstuhl.

Seit einem Autounfall vor neun Jahren ist Kowalik querschnittsgelähmt. Doch für den 40-Jährigen ist die Behinderung kein Grund, zu Hause zu bleiben. Sein Lebensmotto lautet „Licht im Nebel“ und so bereiste er zuerst seine Heimat Polen von Norden nach Süden und von Westen nach Osten, anschließend folgte eine Tour durch England.

Nach den positiven Erfahrungen seiner ersten drei Touren reist er nun von seiner Heimatstadt Posen aus mit dem Elektrorollstuhl quer durch Europa nach Brest an der französischen Atlantikküste. Begleitet wird er dabei von seiner gleichaltrigen Ehefrau Barbara und zwei freiwilligen Helfern auf Fahrrädern.

Das sind zum einen der 68-jährige Zdzitstaw, und zum anderen der 28-jährige Daniel. Die beiden sind über einen Artikel im Internet auf die Idee von Przemek gestoßen und waren sofort davon begeistert. „Jeden Tag versuchen wir ungefähr 55 bis 65 Kilometer zurückzulegen“, so Zdzistaw Gajda, der von der Strecke selber so viel wie möglich mit dem Fahrrad zurücklegt. Eine stolze Leistung für den 68-Jährigen, der selber schon drei Bypässe bekommen hat, und als einziger der vier Deutsch spricht.

Das Begleitfahrzeug, ein VW-Bus mit Anhänger, den die Gemeindeverwaltung von Wolsztyn (Wollenstein) den vieren zur Verfügung gestellt hat, wird abwechselnd von den drei Begleitern gesteuert. Übernachtet wird auf Campingplätzen oder, wenn keiner in der Nähe ist, eben nach Möglichkeit auf landwirtschaftlichen Gehöften.

Nach einem Abendessen, einer Nacht im Zelt und einem großen Frühstück in der Küche der Abings machte sich am Montagvormittag Przemek Kowalik mit seinem vollgeladenen Elektrorollstuhl und seinen drei Begleitern auf die nächste Etappe. „Wir wollen es heute bis nach Ochtrup schaffen“, so Übersetzer Zdzistaw. Und so verabschiedeten sich die vier mit einem Erinnerungsfoto, ausgetauschten Adressen und Proviant von ihren spontanen Gastgebern in Limbergen.