Köchin für müde Seemänner Ungewöhnlicher Arbeitsplatz: Lotsen-Stewardess im Leuchtturm

Von André Klohn | 21.02.2017, 21:30 Uhr

Rührei „Mexiko“ kostet hier nur 2,20 Euro - trotz fantastischer Aussicht auf die Ostsee. Lotsenstewardess Jutta Steffen bekocht müde Seeleute auf Deutschlands einziger Lotsenstation - auf einem Leuchtturm in der Kieler Bucht.

Das herannahende Schiff reißt die Möwen auf der Ostsee jäh aus ihrem Schlaf. Rund ein Dutzend Vögel fliehen in den tiefschwarzen Morgen - nur angeleuchtet vom Scheinwerfer des Lotsenversetzbootes. Jutta Steffen ist mit der „Bülk“ unterwegs zu einem der ungewöhnlichsten Arbeitsplätze der Gastronomie. Die 49-Jährige bekocht auf m dem Kieler Leuchtturm als Lotsen-Stewardess müde Seemänner. „Der Job erfüllt mich total“, sagt sie.

Seit gut einem Jahr arbeitet die Norddeutsche bei Wind und Wetter in der Lotsenstation im Leuchtturm. Sie hatte sich initiativ beworben. „Ich hätte für diesen Job jeden Posten aufgegeben“, sagt sie. Morgens um 6.00 Uhr nimmt sie das Boot von Laboe aus mit auf See. Ihre Augen leuchten, wenn sie über ihre tägliche Seefahrt spricht. „Manchmal sehe ich auf dem Weg zur Arbeit Schweinswale. Das ist für mich irre.“

Einen ihrer Gäste sammelt das orangefarbene Boot auf dem Weg zum Leuchtturm gleich mit ein. Ein Lotse klettert über eine wacklige Strickleiter vom 168 Meter langen Frachter „Alsterdijk“ herunter auf das knapp 17 Meter lange Boot. Dann geht es mit Tempo weiter zum Leuchtturm. Der dient der Lotsenbrüderschaft, wie der Zusammenschluss der Lotsen heißt, als Station. Sie begleiten die aus der Ostsee kommenden Schiffe in die Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals und andersherum. Mit Booten setzen sie von und zum Leuchtturm über.

Mehr als ein kurzes „Moin“ ist bei Steffens Ankunft auf dem 1967 fertiggestellten Leuchtturm nicht zu vernehmen. Geschwind huscht die Lotsenstewardess in ihre Kammer im Fuß des Leuchtturms. Nach ein paar Minuten taucht sie in Schürze in der Messe des Leuchtturms wieder auf. Es ist mittlerweile 6.30 Uhr. Die drei Tische der Messe sind noch verwaist. Steffen ist trotzdem mächtig am Wuseln. „Kaffee, Brötchen, das muss als erstes fertig sein.“ Die Schnitzel klopft die Köchin selbst. Auch für die Bestellung beim Lebensmittelgeschäft an Land ist sie zuständig. Dabei ist Sorgfalt oberste Pflicht, denn „schnell mal eine Tüte Milch holen“ geht auf See schlecht.

Rund neun Stunden dauert ihr Arbeitstag. Sie kocht währenddessen für bis zu 20 Leute. In der Messe stehen zwei Kühlschränke, vollgepackt mit Gerichten unter Folie, denn die Lotsen setzen rund um die Uhr zum Leuchtturm über. „Wenn man 6, 7 Stunden unterwegs, dann ist so ein Rührei schon eine Lebensrettung“, sagt Lotse Daniel-Philipp Riehl. Er blickt von der Wache über die Ostsee und koordiniert die nächsten Fahrten seiner Kollegen. „Die Messe rettet einen öfter“, sagt er.

Besonders anspruchsvoll sind hungrige Seemänner nach Steffens Erfahrung nicht. „Schnitzel, Frikadellen, Bratwurst - das geht eigentlich immer“, sagt sie und brät das frische Hackfleisch für den Schmorrkohl an, den sie an diesem Tag im Angebot hat. Parallel entsteht in ihrer Küche mit Meerblick ein Streuselkuchen. „Was gibt’s denn heute“, will einer der Bootsführer von ihr wissen. Das Essen ist günstig. Drei Spiegeleier mit Speck, Brötchen und Butter gibt es bei ihr für 2,50 Euro. Das halbe Hähnchen kostet 2,60 Euro. Wie gemacht für einen kurzen Stopp während des Segeltörns in der Kieler Bucht? „Nein, Segler dürfen hier nicht anlegen“, sagt Steffen resolut.

Aber auch so ist für sie genug zu tun. „Manchmal geht es hier zu wie im Taubenschlag“, sagt die Lotsenstewardess. Auf der Küchenablage stapeln sich noch die leeren Teller der vergangenen Nacht. Während der Spüler ihr diese Arbeit abnimmt, ist Steffen in die untere Ebene des Leuchtturms gestiegen, um selbst Hand anzulegen. Eines der acht Betten muss gemacht werden. Sie stehen für den Notfall bereit oder wenn einer der Lotsen sich zwischen zwei Törns einfach mal hinlegen will. Denn manchmal dauert es, bis das nächste Schiff kommt.

Steffens Tagesablauf ist dagegen jeden Tag gleich. Sie kocht nicht nur, sie macht auch sauber. „Das ist das Beste, was mir beruflich passiert ist“, sagt sie. Zuvor hat sie für ältere Menschen in einer Einrichtung für Tagespflege gekocht. Seit einem Jahr bedient sie nur noch männliche Gäste. Denn Lotsinnen gibt es in diesem Revier noch nicht. Ihre Ellenbogen habe sie aber noch nicht einsetzen müssen. „Die sind alle nett. Und wenn etwas ist, habe ich ja meinen Kochlöffel.“

Dann geht es weiter mit der Buchhaltung. Die Lotsen zahlen nicht bar, sondern schreiben an - auf kleinen Zetteln mit Lotsennummer. Nach neun Stunden hat sie es dann geschafft. Die Küche blitzeblank, der Kühlschrank voller leckerer Gerichte. Dann steigt sie auf das kleine Lotsenboot und fährt zurück nach Laboe. Am nächsten Tag wird Steffen mit dem Boot wieder kommen. Denn: „Mein ganzer Freundeskreis sagt: Du gehörst da auch hin.“