Kein Spiegel der Gesellschaft Nur sechs Prozent der deutschen Olympia-Athleten haben Migrationshintergrund

30.07.2012, 19:18 Uhr

Als der Turner Marcel Nguyen zum letzten Mal in London einen wichtigen Wettkampf bestritt, brach sich der Hallensprecher beim Verlesen seines Namens fast die Zunge. Und dabei wählte der Sprecher während der WM 2009 nur die Kurz- und nicht die Langversion: Marcel Van Minh Phuc Long Nguyen.

Nun bei den Olympischen Spielen in London wird Nguyen von Journalisten auf viele Themen angesprochen – seine sportlichen Chancen, seine lang gezogene Brusttätowierung, seine Beziehung zu den Teamkollegen – aber über den Hintergrund seines Namens muss er sich kaum äußern.

Nguyen, 24, geboren in München, hat einen vietnamesischen Vater und eine deutsche Mutter. Er war nie in Vietnam, spricht kein Vietnamesisch und erhält trotzdem immer wieder Post aus Südostasien. „Ich fühle mich mehr als Deutscher“, sagt der Sportsoldat. „Zu vier Fünfteln.“ Es sind Worte, die Sportfunktionäre gern hören: Nguyen steht nicht wirklich für das Thema Integration, dennoch ist er Symbolfigur für die Vielfalt des Sports.

Immer wieder wird die Fußball-Nationalmannschaft als Metapher für Multikulturalismus interpretiert. Wie steht es um die Olympioniken? Der Deutsche Olympische Sport-Bund (DOSB) hat verkündet, dass zwei Dutzend seiner Sportler in London einen Migrationshintergrund haben, bei 392 deutschen Athleten entspricht das einem Anteil von rund sechs Prozent. Insgesamt haben in der Bundesrepublik laut dem Statistischen Bundesamt aber etwa 19 Prozent der Bevölkerung Wurzeln außerhalb Deutschlands. Warum sind die deutschen Athleten kein Spiegelbild ihrer Gesellschaft?

„Im Sport wirkt die soziale Ungleichheit ähnlich wie im Bildungsbereich“, sagt der Sportsoziologe Eike Emrich aus Saarbrücken. „Fußball ist traditionsgemäß ein Arbeitersport, er hat historisch sehr früh einen leichteren Zugang für Menschen mit Migrationshintergrund geboten.“

Laut dem Sportentwicklungsbericht 2010 liegt die Beteiligung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte im Breitensport bei 9,3 Prozent. Der Bericht, der auf nicht repräsentativen Vereinsangaben basiert, weist ein Gefälle auf. Im Fußball gibt er den Migrationsanteil mit etwa 20 Prozent an, bei den Kanuten mit sieben, bei den Schützen mit fünf Prozent. Der Sportsoziologe Silvester Stahl ordnet olympische Sportarten wie Rudern, Reiten oder Hockey eher der bildungsnahen Mittelschicht zu, die Zugangsbarrieren seien allein durch laufende Kosten bemerkenswert.

„Wir müssen zwischen den Geschlechtern differenzieren“, betont Stahl, der an der Sporthochschule Köln lehrt. „Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund sind in Sportvereinen unterrepräsentiert. In vielen ihrer Herkunftsländer ist die Sportbeteiligung von Frauen keine Selbstverständlichkeit.“ Es gibt andere Beispiele: Das Ringen genießt in der Türkei oder im Iran hohe Anerkennung, das wirkt sich auf deutsche Vereine aus, auch das Boxen ist beliebt bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Für Michael Vesper, den Generaldirektor des DOSB, sind Vereine an der Basis wichtige Instanzen für Zuwanderer, um Selbstvertrauen, Deutschkenntnisse und Zugehörigkeit zu entwickeln: „Unsere Mannschaft ist viel bunter und vielseitiger geworden als früher. Heute ist Integration fast nichts Besonderes mehr.“

Im Olympiateam gibt es keine Sportart, zu der besonders viele Mitglieder mit Migrationshintergrund gehören. Die Biografien sind vielschichtig: Die Tennisspielerin Andrea Petkovic zog mit ihren Eltern nach der Geburt aus Bosnien und Herzegowina nach Deutschland. Der Schwimmer Dimitri Colupaev kam im sechsten Lebensjahr aus Moldawien. Die Turnerin Oksana Chusovitina bestritt ihre Wettkämpfe lange für Usbekistan, erhielt 2006 die deutsche Staatsbürgerschaft. Der DOSB möchte mehr auf diese Lebensläufe aufmerksam machen. Er hat Projekte angestoßen, das verbandsnahe Magazin Faktor Sport überschrieb die Debatte mit „Schwarzrotbunt“.

Trotzdem bezweifelt der Sportsoziologe Eike Emrich, dass Vereine und Verbände auf lokaler und regionaler Ebene das gleiche Ziel verfolgen: „Man sollte darüber nachdenken, wie man in den Funktionärsführungsriegen den Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund angemessen abbildet, um den Zugang von Einwanderern zum Sport zu erleichtern.“ Laut einer Studie der Universität Frankfurt sind weniger als fünf Prozent der erwachsenen Migranten in Sportclubs ehrenamtlich aktiv, sie fehlen Kindern und Jugendlichen als Vorbilder in Funktionärs- und Schiedsrichterstrukturen.

Der Migrantenanteil in Deutschland soll noch etwa drei Jahrzehnte wachsen. Künftige Olympiamannschaften werden auf Einwanderer angewiesen sein, um im viel beachteten Medaillenspiegel nicht abzurutschen und staatliche Förderung zu verlieren. Bislang aber haben sich wenige Verbände auf den demografischen Wandel eingestellt. Eine Ausnahme ist der Deutsche Basketball-Bund, der Broschüren an Trainer und Lehrkräfte verteilt. „Es ist wichtig, Hindernisse abzubauen“, sagt der Sportsoziologe Silvester Stahl und meint den sensiblen Umgang mit Nacktheit in Kabinen, Nahrungszubereitung oder der Anmeldebürokratie. „Es geht darum, dass Verbände und Vereine ein qualifiziertes Personal haben, das interkulturelle Kompetenzen hat.“

Der DOSB will die Fachverbände intensiver in die Debatte einbeziehen. Generaldirektor Michael Vesper sagt, es sei eine Frage der Zeit, bis der deutsche Fahnenträger bei Olympia eine Einwanderungsgeschichte hat.