Jürgen fotografiert sein Essen Rentner fotografiert Heim-Brei – Was steckt dahinter?

Von Sarah Engel | 02.07.2015, 14:40 Uhr

Sein Essen beschäftigt ganz Deutschland: Seit wenigen Tagen sorgen die Brei-Bilder eines Renters für Aufsehen, die auf der Facebook-Seite „Jürgen fotografiert sein Essen“ veröffentlich werden. Eine Bekannte des Heimbewohners Jürgen erhebt schwere Vorwürfe gegen die Einrichtung Pro Seniore. Doch das Heim dementiert. Es steht Aussage gegen Aussage.

Jürgen E. möchte nicht mehr im Heim bleiben. Das sagt zumindest Eva Patricia Rußegger mit Nachdruck. Vor einigen Tagen begann Rußegger Fotos ihres Bekannten Jürgen, der eine schwere Lungenkrankheit hat und in einem Nürnberger Seniorenheim lebt, auf Facebook zu veröffentlichen. Außer viel Brei ist – an den meisten Tagen – auf den Bildern nicht viel zu sehen. Der 63-jährige Jürgen fotografierte seine Mahlzeiten und veröffentlichte sie zunächst über sein persönliches Facebook-Profil. Später erstellte Rußegger die Facebook-Seite „Jürgen fotografiert sein Essen“ und postete hier die Bilder. Binnen kurzer Zeit hatte die Seite 30000 Fans und die Medien berichteten über den Inhalt von Jürgens Teller.

Jürgen kann nicht mehr alleine leben

Rußegger ist Schweinezüchterin und stellvertretende Vorsitzende von „Die Partei“ in Österreich. Seit einigen Monaten kenne sie den ehemaligen DJ, sagt sie. Jürgens Krankheit lässt es nicht mehr zu, dass er alleine lebt. Zudem kann der 63-Jährige nicht selbstständig aufstehen. Daher lebt er mit Unterbrechungen seit zwei Jahren in verschiedenen Heimen. Am 12. Mai 2015 wurde er in einem Heim von Pro Seniore in Nürnberg untergebracht. Davon erfuhr Rußegger über eine gemeinsame Freundin. Diese hätte nach einem Besuch zunächst geglaubt, dass Jürgen E. in einem Hospiz untergebracht sei. Nach ihren Schilderungen rief Rußegger sofort ihren Parteifreund an. „Nein, ich bin in einem Altenheim. Aber ich will hier raus“, habe Jürgen zu ihr am Telefon gesagt. Zudem habe ihr Freund seit dem Einzug in die Nürnberger Betreuungseinrichtung massiv abgenommen, sagt sie. Liegt es etwa an der Kost des Heims?

Nährstoffe über püriertes Essen

Peter Müller, Pressesprecher von Pro Seniore, dementiert dies vehement. Aufgrund seiner Erkrankung müsse Jürgen E. püriertes Essen zu sich nehmen. Denn sollte er sich verschlucken, könne er ersticken. Daher zerkleinern die Pfleger sein Essen und hätten ihm zudem Flüssignahrung angeboten. Doch Jürgen verweigere Letztere. „Er hat gesagt, das sei Astronautennahrung und die esse er nicht“, sagt Müller, der seit zwei Tagen intensiv mit den Pflegerinnen des Rentners spreche und im Gespräch mit unserer Redaktion auf dem Weg nach Nürnberg war. Dabei sei dieses das teuerste und nährstoffreichste Essen, das es auf dem Markt gebe. „Das bekommen die Radprofis auf der Tour de France“, sagt der Pressesprecher.

Jürgen hält sein Gewicht

Zudem wäre es am sichersten, wenn Jürgen sein Essen über einen Strohhalm aufnehmen würde. Doch das Heim zwinge seine Bewohner nicht, bestimmte Nahrung aufzunehmen. Daher wolle Pro Seniore auch unpürierte Lebensmittel, wie Kuchen oder Hähnchen anbieten, um den Alltag mithilfe der Mahlzeiten angenehm zu strukturieren. Dennoch müsse das Essen mundgerecht zerkleinert werden, um Jürgen alle Nährstoffe zukommen zu lassen. Nach Aussage von Peter Müller gelingt das mit Erfolg. Der 63-jährige Bewohner sei bereits mit geringen Gewicht bei Pro Seniore angekommen. „Wir haben es geschafft, dass er sein Gewicht hält. Das ist schon eine Leistung“, sagt Müller.

Rußegger macht sich Sorgen

Eva Patricia Rußegger hingegen sorgt die Situation. Sie will Jürgen E. nicht nur aus dem Heim holen, sondern zudem auf die miserablen Zustände in Betreuungseinrichtungen aufmerksam machen. „In Solidarität mit den Pflegern möchte ich eine Veränderung erreichen“, sagt die Österreicherin. Es gebe eine gesellschaftliche Verpflichtung, den Bewohnern von Heimen einen besseren Lebensabend zu ermöglichen.

Verhärtete Fronten

Doch mit diesem Engagement soll sich die Situation für Jürgen sogar verschärft haben, behauptet die Bekannte. Mithilfe der Fotos fand die Leitung der Seniorenunterkunft schnell heraus, dass es ihr Bewohner war, der im Netz zur Berühmtheit geworden war. Am Dienstag führten Jürgen, sein amtlich bestätigter Betreuer und die Heimleitung ein Gespräch. Die Freunde des ehemaligen DJs hätte versucht, eine Bekannte als Zeugin in das Gespräch zu schicken. „Sie wurde einfach weggeschickt“, sagt Rußegger. Was genau besprochen wurde, auch darüber gibt es verschiedene Aussagen. Die Fronten sind verhärtet. Während Jürgens Unterstützerin sagt, dass das Heim ihn rauswerfen wolle und ihm verbiete, weiter sein Essen abzulichten, bestreitet Pro Seniore diese Vorwürfe.

Bescheidene Situation

Natürlich sei Jürgen nicht gekündigt worden, heißt es vonseiten des Heims. Er sei zwar kein leichter Bewohner und habe viele Eigenarten, aber aufgrund seiner Vergangenheit würde ihm das niemand verübeln. „Er hat vorher als DJ ein sehr glamouröses Leben geführt“, sagt Müller. „Nun lebt er als unser jüngster Bewohner in einem Heim, in dem unsere Senioren durchschnittlich 80 Jahre alt sind. Das ist eine sehr bescheidene Situation.“

Fotografieren nicht verboten

So sei es kein Wunder, dass er unzufrieden sei. Eigentlich gehöre Jürgen in seinem Gesundheitszustand in ein Krankenhaus. Aber der 63-Jährige sei austherapiert und müsse daher in einem Heim gepflegt werden. Das Fotografieren wolle das Heim ihm deshalb nicht verbieten. „Er kann nicht selbstständig aufstehen und so nicht an den Aktivitäten in unserem Haus teilnehmen. Das Fotografieren hat er für sich entdeckt und es macht ihm Spaß. Warum sollten wir ihm das verbieten?“, fragt Peter Müller. Ein Foto der Facebook-Seite, darauf weißt Müller hin, stamme übrigens nicht aus dem Heim von Pro Seniore. Denn Jürgen habe bereits in anderen Pflegeeinrichtungen sein Essen fotografiert. Das habe er so eingeräumt.

Einladung nach Nürnberg

Unterschiedliche Meinungen prallen in Jürgens Fall aufeinander. Miteinander gesprochen haben die Österreicherin und der Pressesprecher noch nicht. „Frau Rußegger ist nur eine Facebook-Freundin von Jürgen. Sie hat ihn noch nie gesehen“, sagt Peter Müller. „Aber ich würde Frau Rußegger gerne einmal einladen, damit sie sieht, wie wir hier in Nürnberg arbeiten.“

Aussage gegen Aussage

So steht es Aussage gegen Aussage. In einer Sache sind sich Eva Patricia Rußegger und Peter Müller aber einig: Jürgen habe der ganze Hype um seine Bilder sehr überrascht. Er sei verwundert, welche Wellen er mit seinen Fotos im Netz und in den Medien erzeugt habe.

Seite wird unbenannt

Nach dem ganzen medialen Rummel um Jürgen und seine Gerichte aus Brei wird die Facebook-Seite nun auf Jürgens Wunsch umbenannt. „Jürgen befürchtet Konsequenzen, die durch das Fortführen dieser Seite folgen könnten. Wir Admins haben uns daher entschlossen, diese Seite umzubenennen“, schreiben Rußegger und ihre Kollegen am Donnerstagmittag. In Zukunft werde die Seite „Wir fotografieren unser Essen - Residenz Seniorenheim/Krankenhaus“ heißen. An ihrem Vorhaben damit Missstände im Pflegesystem aufzuzeigen, hält die Österreicherin fest.

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