Interview mit unserer Zeitung Berben: Bin Rock, nicht Volksmusik

Von Stefanie Adomeit | 13.09.2011, 13:29 Uhr

Deshalb wohnt sie in einem Berliner Hotel. Obwohl sie eine Wohnung in der Stadt hat. Auf der Hotelterrasse am Gendarmenmarkt schließt ihr knopfäugiger Hund Paul in der Hoffnung auf Brosamen Spontanfreundschaften mit anderen Gästen, während Iris Berben über Augenringe, Mut, Verkäuferinnen in Fettnäpfchen und ihr altes Kind spricht.

Das, wie ich finde, Erotischste an Ihnen, Ihre Stimme, können unsere Leser nicht erleben. Mit dieser Stimme haben Sie gerade eine Dokumentation über die Hausfrau der 50er- und 60er-Jahre besprochen. Wie passen die, Umfragen zufolge, erotischste Frau Deutschlands und die klassische deutsche Hausfrau zusammen?

Dieses Frauenbild der 50er- und 60er-Jahre ist mir ja nicht fremd. Aber sich so von einem Mann aus dem Leben herauskatapultieren zu lassen, das kannte ich nicht. Das hat mir meine Mutter anders vorgelebt. Aber ich fand es spannend zu zeigen, dass diese Zeit der Selbstaufgabe für Frauen nicht allzu lange her ist. Die Emanzipation ist relativ neu. Deshalb sollte man behutsam mit ihr umgehen. Ich weiß, dass ich mich da auf dünnem Eis bewege, aber es gibt gerade bei jungen Leuten einen Trend zu sehr konservativen Denkens- und Lebensformen.

Wäre das für Sie eine Möglichkeit gewesen, pure Hausfrau zu sein?

Vor dieser Frage habe ich nie gestanden. Ich bin sehr früh und in einer unruhigen Zeit Mutter geworden und habe für uns beide sorgen müssen.

Die klassische Familie gibt im Idealfall Geborgenheit. Wo finden Sie diese Geborgenheit?

Der Beruf gibt mir Geborgenheit. Wenn die Zutaten stimmen, man umgeben ist von Kollegen, die Komplizen sind, ist es ein sehr wohliges Gefühl. Mein Beruf ist zum Glück ganz nah am Leben. Du suchst Schnittstellen zu deinen Figuren. Und je älter du wirst, desto mehr sind es. Geborgenheit ist auch meine winzige Familie. Das Verhältnis zu meiner Mutter und einem sehr kleinen Kreis von Freunden. Denn jeder hat dünnhäutige Momente, in denen er Menschen braucht, die einen mit allen Unsicherheiten, Ungerechtigkeiten und Launenhaftigkeiten ertragen.

Sind Sie denn launisch?

Ich bin kein launischer, aber ein schneller Mensch. Und ich fordere diese Schnelligkeit auch oft von meiner Umwelt. Da muss ich mich manchmal bremsen.

Über solche Befindlichkeiten weiß die Öffentlichkeit wenig.

Das soll sie auch nicht. Dinge wie Schmerzen, innerliche und äußerliche, gehören nicht an die Öffentlichkeit. Das ist ein Bereich, den ich schütze.

Viele Promis behaupten, das sei unmöglich.

Das stimmt nicht. Du kannst vieles steuern. Manches verselbstständigt sich in der Gier mancher Presseorgane. Das kann man bejaulen, ändern wird man es nicht.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie abends nach der Geborgenheit der Dreharbeiten ins Hotel kommen und alleine sind?

Ich drehe lieber nicht von zu Hause aus. In Hotels fühle ich mich wohl, auch sie geben mir Geborgenheit. Dieser Rückzug ist wichtig, wenn man 16 Stunden intensiv und intim mit Menschen zusammen ist. Und ich halte mich sehr gut aus.

Wie viel Selbstbewusstsein und Selbstgewissheit ziehen Sie aus Ihrem Beruf?

Das ist schon ein prägendes Stück Leben. Es läuft parallel zu dem, was ich mir auch sonst vom Leben nehme. Gucken, neugierig bleiben, lieber die krummen Wege als die Autobahn nehmen, weil du da mehr siehst. Natürlich ziehe ich Selbstbewusstsein daraus. Ich traue mir Meinungen zu, weil ich glaube, dass sie fundiert sind.

Denken Sie bei den krummen Wegen auch an Ihre Schulzeit?

Ach ja, ich bin dreimal aus Internaten geflogen. Aber damals flogst du echt für Kleinigkeiten, und die Lehrer waren ein ganz anderes Kaliber. Da hatten wir wirklich den Muff der 50er- und 60er-Jahre. Und ich war sicher ein anstrengendes Kind. Heute würde man sagen: Aha, ein interessiertes Kind. Früher hat das gestört.

Es gibt in Ihrem Beruf viel Anerkennung, aber auch einen enormen Druck – gut auszusehen, schlank zu sein.

Obwohl wir zum Glück noch weit vom amerikanischen System entfernt sind. Ich kenne niemanden in Deutschland, der eine Rolle nicht bekommen hätte, weil er zu viele Pfunde auf die Waage bringt. Ich esse wie ein Scheunendrescher und habe noch nie eine Diät gemacht. Da habe ich einfach Glück. Aber ich wäre nicht unglücklich, wenn es anders wäre. Aber Sie haben natürlich recht. Mich hat man lange auf Äußerlichkeiten reduziert. Da habe ich so eine Rotzigkeit entwickelt, dass ich dachte, mehr als bei „Sketchup“ kann ich nicht tun.

Und wie wir da gesehen haben: Blond steht Ihnen nicht.

Aber Mann steht mir gut oder alt und skurril. Wobei ich finde, dass Erotik nichts mit Alter zu tun hat oder glatter Haut. Erotik hat mit Lebenserfahrung zu tun, mit dem, was du in den Augen hast.

Im Auftrag meiner Freundinnen muss ich dennoch nach dem ultimativen Schönheitstipp fragen.

Den habe ich nicht. Eine Winzigkeit ist vielleicht, dass ich seit 40 Jahren nicht in die Sonne gehe. Aber es gibt keine Tricks. Ich rauche nach wie vor. Ansonsten bin ich einfach nicht der Typ Frau, der mit Mitte 40 gesagt hat: So, jetzt muss die Frisur anders sein, jetzt muss die Kleidung anders sein. Ich laufe nicht im Mini herum, aber ich möchte, bitte, auch von keiner Verkäuferin hören: Das können Sie aber noch tragen. Ja, ich habe die Haare immer noch lang, es werden weniger, und du schmierst noch mehr Zeug rein, damit’s hält, und du drehst sie länger ein. Ich bin eben lieber Rock’n’Roll als Volksmusik – Rock’n’Roll, Oper und Klassik. Ich habe mal nach einem Film von meinem ungeheuren Mut gelesen, mich so unattraktiv zu zeigen. Da komme ich auch ins Grübeln. Da bin ich nicht unattraktiv, da bin ich ungeschminkt. Ich bin so, wie du mich siehst, wenn ich morgens aufwache – mit roten Adern und Augenrändern. Es ist also mutig, so auszusehen, wie man ist.

Sie sind mit dem Programm „Verbrannte Dichter, verfemte Komponisten“ auf Tournee, lesen aus Tagebüchern Goebbels’ und Anne Franks und denen der ermordeten Journalistin Politkowskaja. Haben Sie das je als gefährlich empfunden?

Nein, niemals. Aber es gibt schon mal Drohungen gegenüber den Veranstaltern, die mich dann fragen, ob ich trotzdem kommen möchte. Aber Angst habe ich nicht. Das wäre ja Platzmachen für die anderen.

Sie standen aber schon unter Polizeischutz.

Ja, aber darüber rede ich ungern. Das gibt den Rechten ja Aufwind.

Braucht man Courage dafür?

Ich brauche sie nicht. Das wird eher von außen so wahrgenommen. Vielleicht brauchen wir auch altmodische Begriffe dafür, dann ist schnell das Wort mutig da, das ich gar nicht mag. Dass ich stärker wahrgenommen werde als viele Menschen, die sich ohne Anerkennung ehrenamtlich engagieren, ist das Pfund, mit dem ich wuchern kann. Auszeichnungen sind dafür da, Themen öffentlich zu machen. Obwohl ich davon abgekommen bin, dass ich etwas erreichen will, was messbar ist. Man wird nichts verändern. Jede Generation muss sich neu damit auseinandersetzen.

Sie sind Mutter eines Sohnes. Wären Sie auch eine gute Tochter-Mutter?

Die Frage ist gemein. Ich hätte gerne mehr Kinder gehabt, da wäre hoffentlich ein Mädel dabei gewesen. Aber so muss ein altes Kind, Oliver wird 40, alles allein aushalten. Und jetzt ist mein Enkelkind auch schon elf Jahre alt.

Haben Sie eine beste Freundin?

Nein. Ich mag auch nicht stundenlang telefonieren und meine Sorgen erzählen. Für mich ist ein Telefon dazu da, um eine Nachricht weiterzugeben.

Wie war Ihr Verhältnis zu Ingrid Steeger, mit der Sie die „Himmlischen Töchter“ gedreht haben?

Auch das war keine Freundschaft. Ingrid ist ein wunderbarer Kumpel, eine ganz liebenswerte Person. Aber wir haben unterschiedliche Leben gelebt.

Betrachtet man Ihre Biografien, erscheint Ingrid Steeger heute fast als tragische Figur, vielleicht auch deshalb, weil sie sich im Gegensatz zu Ihnen nicht genügend verweigert hat.

Nachdem sie vielleicht selbst nicht fähig dazu war, hätte man ihr ein paar gute Menschen an die Seite gewünscht.

Sie haben sich verweigert, in der Schule, dem Führerschein…

Doch, doch, den musste ich ja nachmachen, als man mich erwischt hatte.

Sie sind ohne gefahren...

... und bin verurteilt worden. Ich gehöre tatsächlich zu den Menschen, die vorbestraft sind. Mein Sohn fand das damals irre cool.

Und Sie fahren auch.

Oh ja, richtig gut.

Sie standen auch schon mal vor Gericht wegen Arbeitsverweigerung in einem Film.

Das ist passiert, als sich ein Regisseur absolut unmenschlich verhalten hat – nicht mir gegenüber. So etwas passiert mir heute nicht mehr. Das lote ich vorher aus. Damals war ich ein störrisches Wesen. Aber das war mein Weg. Ja, ich gucke gerne auf mein Leben.