Gleiche Rechte Neuseeland erklärt Fluss zum Bürger

Von Barbara Barkhausen, Barbara Barkhausen | 13.09.2016, 14:35 Uhr

Neuseeland will einem Fluss die gleichen Rechte gewähren wie einem neuseeländischen Bürger. Damit kann der Wasserlauf sogar vor Gericht repräsentiert werden. Hinter der gewagten Gesetzgebung steckt die Kultur der Maori.

Juristisch gesehen gibt es kaum eine spannendere Frage: Können ein Stück Land oder ein Fluss vor dem Gesetz wie ein Mensch behandelt werden? In Neuseeland ist genau das möglich: Nachdem 2014 bereits ein Nationalpark den gleichen Status wie ein neuseeländischer Bürger erhalten hat, soll jetzt erstmals auch ein Fluss die gleichen Rechte erhalten und damit legal wie ein Mensch behandelt werden.

Weltanschauung der Maori fließt ein

Hintergrund dieser Entscheidung ist die Kultur der neuseeländischen Ureinwohner, der Maori. Diese wehren sich seit langem gegen den Niedergang ihrer Kultur, die durch die britische Besiedlung und die Christianisierung gefährdet war. Heute haben sie nicht nur Maori als zweite Amtssprache durchgesetzt, sondern auch ihre Spiritualität in die neuseeländische Gesellschaft integriert.

Nach dem Glauben der Ureinwohner sind Menschen auf einer Stufe mit der Natur – seien es Wälder, Flüsse, Berge, Seen oder das Meer. Die Erde – Papatūānuku – ist die große Mutter, die all dies, inklusive Menschen und Tiere, geboren hat. Diese Weltanschauung bildet die Grundlage für die Entscheidung der neuseeländischen Regierung, einen Nationalpark oder wie jetzt geplant einen Fluss wie einen neuseeländischen Bürger zu behandeln.

Ein besonders „schönes“ Gesetz

Die erste Entscheidung in diese Richtung fiel im sogenannten Te Urewera Act 2014, als die Regierung das Besitzrecht am 2000 Quadratkilometer großen Nationalpark Te Urewera auf der Nordinsel Neuseelands aufgab und den Park zur legalen Entität mit „all den Rechten, Fähigkeiten, Pflichten und Verpflichtungen einer legalen Person“ erklärte. Damit werden Entscheidungen bezüglich des Landes ähnlich wie bei einer Firma nun von einem Vorstand getroffen. Sollte die Integrität des Landes gefährdet sein, kann es vor Gericht vertreten werden. Pita Sharples, der damalige Minister für Maori-Angelegenheiten, bezeichnete die Entscheidung in einer Rede als „Alternative zur menschlichen Annahme der Souveränität über die natürliche Welt“.

Auch wenn Te Urewera nun als Bürger und nicht mehr als Nationalpark gilt und damit besonderen Schutz erfährt, dürfen menschliche Besucher das Land nach wie vor besuchen, ohne den Vorwurf des Haus- oder Landfriedensbruchs zu befürchten. Wer aber jagen gehen will, braucht eine spezielle Genehmigung des Vorstandes. Legal gesehen sei die Entscheidung ohne Zweifel „revolutionär“ für Neuseeland, schrieb die Rechtsprofessorin Jacinta Ruru im Fachmagazin „Maori Law Review“. Das Gesetz sei besonders „schön formuliert“ und mache sie „stolz“, Neuseeländerin zu sein.

Streitschlichtung mit inbegriffen

Nach Te Urewera soll nun auch der auf der Nordinsel gelegene Whanganui River, der mit fast 300 Kilometern drittlängste Fluss Neuseelands, die gleichen Bürgerrechte erhalten. Das Parlament wird dies noch vor Ende dieses Jahres ratifizieren. Wie Te Urewera hat auch der Whanganui River eine besondere Bedeutung für die neuseeländischen Ureinwohner, die sich seit 1873 mit der Regierung in einem rechtlichen Streit um den Fluss befinden.

Somit wird die geplante Rechtevergabe nicht nur dem Schutz des Flusses und seiner Ufer dienen, sondern auch einen fast 150-jährigen Streit schlichten. Denn die Entscheidung, einen Nationalpark oder einen Fluss zur eigenständigen Entität zu erklären, bedeutet auch, dass weder die neuseeländische Regierung noch die lokalen Maoristämme Eigentumsrechte anmelden können.