Fünf Jungs fliegen hoch hinaus Die Flying Igel sind ganz nah am Fan

Von Martina Grothe | 15.09.2011, 16:41 Uhr

Facebook – nirgendwo geht der Daumen schneller nach oben als hier. Das mag Vor- und Nachteile haben. Für die „Flying Igel“ aus Ulm ist es momentan sicherlich Ersteres. Die fünf jungen Straßenmusiker waren gerade auf Deutschland-Tour. Auch in Osnabrück schauten sie für ein paar Tage vorbei, und wenn man ihrer Facebookseite trauen kann, haben sie von hier eine Menge Fans mitgenommen. Doch wie wichtig ist Facebook eigentlich für Musiker?

Eminem, Rihanna, Lady Gaga und viele andere sind da, und sie alle scharen viele Millionen Fans um sich. Allein für Eminem haben 46867738 auf den „Gefällt-mir“-Button geklickt. Die „Flying Igel“ haben diese Zahl noch nicht ganz erreicht, sie liegen bislang bei 863 Fans. Beachtlich, wenn man bedenkt, dass Koray, Stefan, Gabriel, Tobias und Chrubi erst seit Kurzem die „Flying Igel“ sind.

Die Jungs sind zwischen 17 und 24 Jahre alt und kennen sich schon lange. Die Band haben sie vor wenigen Wochen gegründet und dann spontan beschlossen, in den Sommerferien auf Tour zu gehen. Sie tourten durch Nürnberg, Dresden, Berlin, Lübeck, Osnabrück und Köln. Sie schafften es, die Menschen zum Stehenbleiben zu animieren – auch im Regen.

Die Jungs lieben Musik, Menschen und Gott. Sie haben eine Homepage, sie nutzen Facebook und Youtube. Sie haben noch kein ausgefeiltes Marketingkonzept für ihre Band, sind herrlich unverbraucht, wollen den Menschen einfach nur ein Lächeln auf die Lippen zaubern und ein bisschen Geld verdienen. Der 20-jährige Schlagzeuger Gabe lenkt die Geschicke der Band im Netz. Sein Plan: „Eine richtige Homepage braucht man zwar irgendwie, aber hauptsächlich nutzen wir Facebook.“ Warum? „Die klassische Website ist nicht mehr in. Fast jeder ist bei Facebook, es ist einfacher, Nachrichten zu teilen, einfacher, zu interagieren“, sagt Gabe. Und das stimmt – jedenfalls im Moment.

Facebook hat etwa 750 Millionen Nutzer, davon leben über 20 Millionen aktive allein in Deutschland. Aber aus Erfahrung wissen wir, was heute in ist, kann morgen out sein. Viele einst beliebte soziale Netzwerke sind schon lange auf dem absteigenden Ast. Myspace spielte für die Musikbranche eine große Rolle, bis es neben Facebook auf das Abstellgleis geraten ist. Jetzt verliert das Netzwerk pro Monat Millionen Nutzer, die Büros in Deutschland sind schon seit Monaten dicht. Noch sind bekannte Musiker auf Myspace vertreten, doch mit der schwindenden Nutzerzahl werden auch die Stars verschwinden. Wird es Facebook irgendwann ähnlich ergehen? Darauf gibt es vorerst keine Antwort. Marketingexperten warnen jedenfalls davor, alles auf die Karte Facebook zu setzen.

Für die „Flying Igel“ ist das alles momentan allerdings noch kein Thema. Sie sind noch ein bisschen überwältigt von ihrer kleinen Deutschland-Tour. „Das war ein richtig, richtig schönes Erlebnis“, sagt der 19-jährige Gitarrist und Sänger Tobi. Aber noch ist die Musik ein Hobby. Die Jungs legen Wert auf eine solide Ausbildung, ihre Religion, die Band kommt erst danach. Doch Tobi träumt dennoch schon ein bisschen und sagt: „Wenn wir unser Hobby zum Beruf machen könnten, wäre das natürlich das Beste, aber es haben schon viele versucht, und man muss richtig, richtig gut sein. Vielleicht werden wir ja noch entdeckt.“

René Pickhardt ist Doktorand am Institute for Web Science and Technologies an der Universität in Koblenz. Er schreibt in dem Blog allfacebook.de, dass die Zusammenarbeit mit einer Plattenfirma immer noch essenziell sei, doch durch den Zusammenbruch der Tonträgerindustrie müssten auch diese Einsparungen vornehmen. und deshalb seien die meisten Bands im Online-Marketing oft auf sich allein gestellt. In seinem Beitrag beschreibt er, wie Künstler Facebook nutzen sollten, welche Chancen es birgt. Dabei sei es wichtig, von der Geheimniskrämerei, die in der Branche so beliebt sei, Abstand zu nehmen, die Fans in freundschaftlichem Ton zu informieren, aber neben der üblichen Promotion auch mal Persönliches aus dem Bandalltag preiszugeben – zum Beispiel Schnappschüsse aus dem Bandleben. Um die Fans bei der Stange zu halten, spricht Pickhardt von folgender Faustregel: „Welche Info von meiner Lieblingsband würde ich sofort mit all meinen Freunden teilen?“

Die „Flying Igel“ machen in Hinblick auf ihr eigenes Marketing demnach schon instinktiv einiges richtig. Auch wenn der Hinweis auf die Fanpage nur dezent aus dem Gitarrenkoffer hervorlugt, die vielen freundlichen Kommentare auf der Facebookseite sprechen für sich. „Ihr seid einfach genial; es war sehr schön euch zuzuhören. Kommt mal wieder nach Osnabrück“, schreibt Serdar. Und Tete: „Ihr seid so was von geil! Richtig coole Musik macht ihr! Und tolle Stimmen. Ich wünsche euch alles, alles Gute, ich hoffe, dass aus euch noch etwas Großes wird!“ Die Flying Igel antworten mit einem schlichten „Yeah!“. Höchstpersönlich natürlich – noch. Stars wie Eminem oder Lady Gaga werden die Millionen Anfragen wohl kaum noch selbst in Angriff nehmen. Für die „Flying Igel“ ist die Fanpflege noch überschaubar. „Und wenn es irgendwann dann Millionen sind, sehen wir weiter“, sagt Gabe. Die Band geht übrigens in den nächsten Sommerferien vielleicht wieder auf Tour. In der Zwischenzeit wollen sie ihre Fans auf Youtube beglücken.