Fragen auf dem Feld Lust und Leid eines Flash-Interviewers – ZDF-Mann Büchler will niemanden vorführen

21.06.2012, 20:11 Uhr

Um sich die Frage zu überlegen, hat er zehn Sekunden – denn eher weiß er oft nicht, welcher Spieler ihm gleich gegenübersteht. Das Interview dauert selten mehr als 60 Sekunden, und die ganze Fußball-Nation schaut zu. Denn Boris Büchlers Job beginnt, wenn das Spiel zu Ende ist. Und zwar sofort.

Field-Reporter nennen manche diesen Job. Blitz-Interviewer trifft es besser. Auch, weil sie manchmal die veröffentlichte Kritik trifft wie ein Blitz. Neulich hatte Büchler den Niederländer Rafael van der Vaart vor dem Mikro und setzte an, als er über den Kopfhörer die Info bekam: Stopp, wir gehen erst woanders hin.

Um den geschlagenen van der Vaart bei Laune zu halten, machte Büchler Small Talk, im sicheren Gefühl, nicht auf dem Sender zu sein. War er aber, und prompt gab es hämische Kommentare.

„Muss man damit leben, kann ich auch“, sagt der 42-Jährige, der jeden Kritiker ernst nimmt, aber längst nicht jede Zuschauerkritik liest. „Ich versuche, meinen Stil beizubehalten und gut vorbereitet zu sein. Ich will originelle Fragen stellen, aber muss auch improvisieren können. Eins darf nie geschehen: ein Blackout.“

Ist in den knapp zwölf Jahren, in denen er diesen Job macht, noch nicht vorgekommen. Zuletzt sah er Mats Hummels mit dem Handy in der Hand ankommen und formulierte die Eingangsfrage schnell um: „Hallo, Herr Hummels – hat Ihr Trainer Jürgen Klopp gerade eine SMS geschrieben?“ Hatte er tatsächlich, der Einstieg gelang, das Interview wurde gut.

Büchler sagt, dass das an den Spielern liegt; reifer seien sie, pfiffiger und selbstbewusster. Aus Spielerkreisen hört man, dass sie Büchler wegen seines Fachwissens und seiner fairen Art schätzen, er führe auch nach Niederlagen niemanden vor.

Boris, der Kumpel also? Da wehrt er sich doch deutlich: „Auf keinen Fall. Ich bin kein Sportjournalist der Waldemar-Hartmann-Generation. Wenn sich die Spieler in einem solchen Moment stellen, dann darf man sie nicht vorführen, sondern behutsam fragen. Trainer und Funktionäre darf man ganz anders rannehmen.“

Als Mann für die Flash-Interviews kennen ihn viele Fernsehzuschauer, doch viel aufwendiger ist das, was Büchler hinter der Kamera produziert. Zum Beispiel letzten Freitag einen Film über Bastian Schweinsteiger und dessen Probleme, in Form zu kommen.

Interview mit dem Spieler, Suche nach Bildern und Musik, Entwurf einer Dramaturgie, Schnitt, Kommentar schreiben und sprechen – acht bis zehn Stunden Arbeit investiert er mit zwei Kollegen, bis das Werk perfekt ist. Dauer des Films: vier Minuten und 30 Sekunden.

Heute wird dann wieder blitzinterviewt. Kann sein, dass er Mario Gomez und Sami Khedira als Wunschpartner Mitte der zweiten Halbzeit bei den UEFA-Offiziellen angemeldet hat. Vielleicht hofft er auf Lukas Podolski oder Miroslav Klose – und dann steht plötzlich Jérôme Boateng vor dir –„und du musst in fünf Sekunden wissen, was du ihn fragst“. Denn dann heißt es aus dem Knopf im Ohr: „Achtung – wir sind jetzt live drauf!“ Und über 20 Millionen schauen zu.