Fluten spülen Hausgiebel fort Völlener harrt als Kind auf Dachboden aus

15.02.2012, 14:36 Uhr

„Pleitje-Gerd“ hat den richtigen Riecher. „Heute Nacht kriegt ihr die Matratzen nass“, sagt der erfahrene Ems-Fischer Gerd Wolters, den alle nur „Pleitje-Gerd“ nennen, am Abend des 16. Februar 1962 zu Johann Hinrichs. Der damals 32-Jährige, der mit seiner Familie in einem Haus direkt am Emsdeich nahe der Papenburger Seeschleuse in Völlen lebt, mag es zunächst nicht glauben – obwohl Wasser und Deichkrone in diesen stürmischen Stunden schon eine Linie bilden. Hochwasser sind sie hier seinerzeit gewohnt. „Wir sind damit im Prinzip groß geworden“, erinnert sich Johann Hinrichs’ Sohn Bernd 50 Jahre nach der Sturmflut im Gespräch mit unserer Zeitung. Er ist zwölf, als etwas passiert, womit niemand rechnet. Der Deich bricht – und zwar genau vor dem Haus, in dem die Familie Hinrichs damals zusammen mit einer zweiten Familie zur Miete wohnt.

Johann Hinrichs sprintet nach Hause, die Flutwelle direkt auf den Fersen. „Alle aus den Betten, rauf auf den Dachboden“ – mit diesen Worten reißt der 32-Jährige Frauen und Kinder gegen Mitternacht aus dem Schlaf. In Windeseile raffen sie Bettzeug und Decken zusammen und erklimmen den Dachboden. Zu diesem Zeitpunkt hat die Flutwelle das Haus längst umtost. Wasser dringt ins Gebäude ein. „Es stand überall etwa einen Meter hoch“, erinnert sich Bernd Hinrichs. Zehn Kinder, das jüngste davon noch keine 18 Monate alt, und drei Erwachsene verharren in den kommenden Stunden auf dem Dachboden. „Wir konnten nicht weg, die Strömung war zu stark“, sagt Hinrichs. Irgendwie war es seiner Familie gelungen, ein frisches Rosinenbrot, das seine Mutter gebacken hatte, sowie ein Kaninchen bei der Flucht auf den Dachboden mit in Sicherheit zu bringen. Doch die Sicherheit ist trügerisch.

Das unentwegt nachströmende Wasser leistet ganze Arbeit. Urplötzlich reißen die Fluten den vorderen Giebel des Hauses komplett weg. Einfach so. Der Rest des Gebäudes bleibt glücklicherweise stehen. „Dabei hätte es leicht komplett weggerissen werden können“, sagt Hinrichs. Er ist sich sicher: „Wir hatten großes Glück. Wenn das Haus zusammengebrochen wäre, wären wir alle weg gewesen und durch die von der Flut zerstörten Gewächshäuser in der Gärtnersiedlung gespült worden.“Angst habe er damals dennoch nicht gehabt. „Natürlich steckte uns allen der Schreck in den Gliedern. Für mich war das Ganze aber trotzdem wohl mehr ein Abenteuer“, meint er.

Noch in derselben Nacht rücken die ersten Bundeswehrsoldaten als Katastrophenhelfer an der Deichbruchstelle an. Von Kameraden angeleint, arbeiten sie sich auch zu dem einsturzgefährdeten Haus ohne Vordergiebel vor. „Sie haben versucht, uns einzeln herauszuholen“, erinnert sich Hinrichs. Er selbst sei damals in den Nacken eines Soldaten geklettert. Mithilfe eines Seils sollte es in Sicherheit gehen. „Aber dann ist der Soldat entweder ausgerutscht oder in ein Loch getreten. Auf jeden Fall bin ich urplötzlich kopfüber im Wasser gelandet“, berichtet Hinrichs. Glücklicherweise hätten beide Halt an einem Stapel Dachziegel vor dem Haus gefunden, der trotz der starken Strömung „wie durch ein Wunder“ stehen geblieben sei.

Nach und nach werden alle 13 vom Wasser eingeschlossenen Hausbewohner geborgen und zunächst in die benachbarte Gastwirtschaft Pannenborg gebracht. „Sie lag etwas höher als unser Haus. In der Kneipe stand nur wenig Wasser“, erinnert sich Hinrichs. Dass bei der Bergung der 22 Jahre alte Soldat Manfred Bahstan praktisch vor der Haustür des einsturzgefährdeten Gebäudes sein Leben verliert, bekommen die Geretteten zunächst gar nicht mit. Stattdessen ist Familie Hinrichs in Sorge um den kleinen Reinhard. Der damals nicht einmal anderthalb Jahre alte Bruder von Bernd Hinrichs ist verschwunden. Ist er womöglich ertrunken? Die Familie befürchtet das Schlimmste. Erst später stellt sich heraus, dass Soldaten das offensichtlich unterkühlte Kleinkind vorsichtshalber ins Marienkrankenhaus nach Papenburg gebracht haben – ohne jedoch die Eltern darüber in Kenntnis zu setzen. „Wir hatten ihn verloren, und niemand wusste etwas“, berichtet Hinrichs.

Mit Amphibienfahrzeugen der Bundeswehr werden die Geretteten zur Jugendherberge nach Papenburg gefahren. Dort finden sie für einige Tage Unterschlupf. Die Betreuung übernimmt eine Gruppe des in der Fehnstadt wenige Jahre zuvor gegründeten Malteser-Hilfsdienstes. Für die Helfer um Hella Kröger ist es der erste größere Einsatz. Die Flut kommt für die Papenburgerin völlig überraschend. „Das war mich damals gar nicht vorstellbar“, berichtet sie. Und doch ist sie gleich losmarschiert, hat sich bei den Verantwortlichen gemeldet und die Hilfe der Malteser angeboten. Knapp ein Jahr später bekommen die Helfer, darunter auch Kröger, vom Land Niedersachsen eine Gedenkmedaille samt Urkunde verliehen.

Familie Hinrichs zieht es indes zurück an den Deich. Nachdem sie vorübergehend in der Völlener Ortsmitte gewohnt hat, errichtet sie nur rund 100 Meter von ihrem früheren Zuhause am Deich ein neues Haus. Dort steht es noch heute.