Falsche Grammatik tut weh Du Lauch, Alter: Erkan Dörtoluk fängt Gespräche aus dem ÖPNV ein

Von Nadine Sieker | 06.04.2017, 08:00 Uhr

Wie laut unterhalten Sie sich in öffentlichen Verkehrsmitteln über Privates? Auf seinem Twitter-Account „Rheinbahn_intim“ sammelt Erkan Dörtoluk Gesprächsfetzen – teils witzig, teils tiefsinnig. Im Interview verrät er, was Grammatikfehler bei ihm auslösen und ob unsere Gesellschaft seiner Meinung nach noch eine Zukunft hat.

 Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Gespräche Ihrer Mitfahrer aufzuschreiben? 

Das hat sich mehr oder weniger aufgedrängt und war ein spontaner Akt der Kreativität, vielleicht auch Schicksal. 2010, als der Benzinpreis durch die Decke ging und in Düsseldorf eine neue U-Bahnlinie durch die Stadt gebaut wurde, Autofahren also ein totaler Albtraum mit unkalkulierbaren Kosten war, bin ich auf den ÖPNV umgestiegen.

 Und da haben Sie dann gemerkt, wie spannend es in der Bahn sein kann? 

Bis dahin bin ich quasi schon drei Mal mit dem ÖPNV zum Mond und zurück gefahren, aber mir ist nie richtig aufgefallen, über was die Leute in der Bahn so reden. An einem Spätsommertag brauchte sie dann ewig, um über eine Ampel zu kommen. Es wurde langsam ruhig, aber zwei ältere Damen merkten das nicht – und redeten laut weiter. Sie zogen kräftig vom Leder. Es ging um Liebe, Drama, Eifersucht, Geld und Arbeit. Auf Facebook habe ich dann probiert, das Gespräch zu protokollieren, weil es von Wortwahl und Slang witzig war.

 Inzwischen veröffentlichen Sie diese Gesprächsfetzen bei Twitter... 

Ja, ich habe mich irgendwann umentschieden. Bei Twitter hat man immer das Gefühl, alles passiert jetzt grade. Ich möchte dieses Live-Gefühl vermitteln.

 Und warum veröffentlichen Sie das überhaupt? 

Anfangs war das nur Entertainment für ein paar gute Freunde, es lief lange unter dem Radar. In der ersten Zeit lasen 13 bis 15 Personen das, was ich unter dem Account „Rheinbahn_intim“ veröffentlichte. Der Account lief so nebenbei. Als ich 2012 gesundheitliche Probleme hatte, musste ich auch kürzere Strecken mit der Stadtbahn oder dem Bus fahren. Dadurch kam eine gewisse Regelmäßigkeit rein und die Zahl der Follower stieg. Am Anfang stand die Idee, einen Denkanstoß zu geben: Auf Social Media willst du deine privaten Geheimnisse nicht preisgeben, warum posaunst du sie in der Öffentlichkeit heraus? (Anm. d. Red.: damals war das Thema Whistleblower gerade aktuell) Ich will den Leuten einen Schubs geben, sich mit dem Thema Privatsphäre zu beschäftigen.

 Haben Sie mittlerweile herausgefunden, warum Menschen in der Öffentlichkeit so laut über private Dinge reden? 

Ich war ein paar Mal mit Journalisten unterwegs, die die Menschen in dem Moment danach gefragt haben. Vielen waren sich dessen gar nicht bewusst. Eine sagte, in der netten Atmosphäre vergesse man, dass andere zuhörten. Manche sind auch der Meinung, dass in der Bahn nur ein paar Leute das Gesagte hören, im Netz aber könne es jeder auf der Welt lesen. Doch wenn man darüber nachdenkt, steigen auf der ganzen Strecke viele Leute ein und aus. Es sind also gar nicht so wenige, die mithören. Ich bin der Beweis dafür, dass diese Theorie ad absurdum geführt wurde.

 

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 Was ist es wert, veröffentlicht zu werden? 

Es geht gar nicht um intime Geheimnisse, sondern um Sachen, die bei einem hängen bleiben, weil sie absurd oder grotesk sind. Bei „Rheinbahn_intim“ ist aber nicht alles auf witzig getrimmt, einiges ist auch sehr fragwürdig. Ich schreibe alles auf, was bei mir eine Reaktion hervorgerufen hat, ein „Aha“, „Ohja“ oder Kopfschütteln. Bei Twitter habe ich 140 Zeichen, das sind fünf oder sechs Sekunden aus dem Leben eines anderen und reicht für eine Skizze der Person. Deshalb kommentiere ich das auch nicht.

 

"Mutti, guck mal.""Was? Pokemon?""Tinder. Der Typ. Wie findest du den?""Männer guck ich erst nach Sonnenuntergang."(Sarah,19, Jutta, 50)- rheinbahn intim (@rheinbahn_intim) 10. September 2016

"Wenn das rauskommt, bin ich erledigt.""Was? Dass du fremdgegangen bist?""Nein... das wäre ja ganz chillig."(Ben, 16, Tobi, 16)- rheinbahn intim (@rheinbahn_intim) 7. September 2016

 Können Sie anhand des Gehörten bestimmen, wie alt eine Person ist und aus welchem Milieu sie kommt? Gibt es also bestimmte Charakteristika? 

Auffälligkeiten gibt es nur in der Verwendung der Schimpfwörter. In der Altersgruppe bis 25, 30 hat sich das Wort „Alter“ eingeschlichen. Jedes zweite Wort lautet „Alter“ – umso jünger sie sind, umso häufiger verwenden sie es. Man sieht auch, wie Wörter kommen und verschwinden. Eine Zeit lang war „Opfer“ total angesagt, daraus ist jetzt „Lauch“ geworden. Statt „Arschloch“ sagte man plötzlich „Hurensohn“. Das ist im Moment einer der Ausdrücke, die permanent vorkommen.

 Die Namen und das Alter der Sprecher vermitteln dem Leser das Gefühl, zu wissen, wer da spricht... 

Am Anfang habe ich das nicht gemacht. Aber dann wies mich meine Lebensgefährtin darauf hin, dass sie den Dialog nicht einordnen könnte. Also habe ich mir einen Namen überlegt, der zu der Person passt, und ein Alter. Ab da wurde es verständlich.

 Die Grammatikfehler, die viele beim Sprechen machen, sind oft erschreckend. Bekommen Sie keine Gänsehaut, wenn Sie das auch noch so aufschreiben? 

Manchmal sträuben sich mir tatsächlich die Finger. Dann muss sich mein Gehirn verbiegen und es fühlt sich an, als müsste es Limbo tanzen. Und da ist dieser natürliche Drang, das zu korrigieren. Ich muss diese feine Linie finden, dass es nicht unlesbar wird, aber das im Slang bleibt, auf das es ankommt.

 

"Lorenzo textet.""Was?""Ob er Chance bei dir hat.""Wo geht der chillen?""Bei Hauptbahnhof.""Nein."(Alina, 15, Vanessa, 14)- rheinbahn intim (@rheinbahn_intim) 18. März 2017

"Wo bist du? Schule? Warum? Aschermittwoch ist zum Chillen da. Du musst dich auch mal an Deutschland anpassen, Alta." (Emre, 15, iPhone4)- rheinbahn intim (@rheinbahn_intim) 18. Februar 2015

"Gehst du morgen Schule?""Ich hab gerade drei Stunden vor Spiegel gestanden, stress mich bitte nicht!"(Juri, 16, Sofia, 16)- rheinbahn intim (@rheinbahn_intim) 28. September 2016

 Haben Sie noch Hoffnung für unsere Gesellschaft, wenn Sie die junge Generation reden hören? 

„Rheinbahn_intim“ hat mich dazu gebracht, selbst über meine Vergangenheit nachzudenken. Und ich muss sagen: Wir waren alle so. Natürlich kann man Angst um seine Rente bekommen, wenn man da zuhört. Aber das ändert sich leider nicht von Generation zu Generation. Aber die Themen sind andere: Im Bermudadreieck des Konsums in Düsseldorf wird heute hauptsächlich über Mobilfunk, Datentarife und Snapchat gesprochen. Bei uns waren es damals Autos und Aufkleber.

 Wenn Sie inzwischen im ÖPNV unterwegs sind, scannen Sie dann die Fahrgäste und suchen sich einen strategisch klugen Platz? 

Ich habe mal versucht, mich da hinzusetzen, wo ich dachte, dass ich Content bekommen würde. Aber damit ist es genauso wie im Supermarkt, wo man sich immer an der falschen Kasse anstellt. Deshalb versuche ich nicht, das zu erzwingen. Der Mensch ist nur zu einem gewissen Teil vorhersehbar, und diese Unvorhersehbarkeit finde ich gut. Ich habe herausgefunden, dass an der nächsten Ecke schon das nächste gute Gespräch wartet. Das Prinzip von Rheinbahn_intim ist freiwillig. Ich setze mich nirgendwohin, um andere zu belauschen.

 

"Die echten Horrorclowns sitzen morgens in der Bahn neben dir und labern Scheiße ins Telefon."(Nadia, 23)- rheinbahn intim (@rheinbahn_intim) 24. Oktober 2016

"Welches Emoji muss ich bei Happy Birthday machen, damit er nicht denkt, dass ich was von ihm will?"(Lilly, 14)- rheinbahn intim (@rheinbahn_intim) 14. Oktober 2016

"Tue die Mauken runter! Das ist ein Sitz und keine Käseplatte!"(Gisela, 67)- rheinbahn intim (@rheinbahn_intim) 17. September 2016

 Können Sie überhaupt noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein, ohne auf die Gespräche der anderen Insassen zu hören? 

Ich kann das nicht ein- oder ausschalten. Im Urlaub in Thailand habe ich neulich gemerkt, dass es sehr entschleunigend ist, wenn man sein Umfeld mal nicht mitbekommt. Aber wenn dann ein paar Deutsche am Strand liegen, fängt es sofort wieder an. Ich habe auch schon probiert, Gespräche in einer anderen Sprache aufzuschreiben und mit Google Translate zu übersetzen. Das funktioniert aber nicht.

 Wo gibt es die besten Gespräche zu hören? 

Das war mal der Ort entlang der Wehrhahnlinie, wo ich gewohnt habe. Bis vor Kurzem fuhren da sieben verschiedene Linien vorbei. Das gab einen Umschlag von 50.000 bis 60.000 Menschen am Tag. Wenn ich morgens aus dem Haus gegangen bin, habe ich schon eine Haltestelle gekreuzt. Da habe ich die ersten Gespräche aufgenommen. Jetzt ist das Drehkreuz in den Boden verlegt worden und die üblichen Strecken, die ich fahre, sind kürzer als vorher. Jetzt muss ich ein bisschen suchen, weil die Frequenz weniger dicht ist als vorher. Aber ich halte weiterhin Augen und Ohren offen.

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