„Ein Werk für den Glauben“ Seit 55 Jahren: Spanischer Mönch baut allein eine Kirche

Von Ralph Schulze, Ralph Schulze | 25.12.2016, 10:04 Uhr

Der Mann ist ein lebendes Beispiel dafür, dass Glaube und ein fester Wille tatsächlich Berge versetzen kann. Seit 55 Jahren hat der 91-jährige Justo Gallego nichts anderes getan, als vor den Toren Madrids an seinem Gotteshaus zu mauern. Vorn morgens bis abends. In der brütenden Hitze des Sommers und auch in diesen kühlen Wintertagen, die in Zentralspanien die Temperaturen auf Null Grad sinken lassen.

„Ich mache das für meinen Glauben“, krächzt der Alte, der als junger Mann ins Kloster eintrat. Doch nachdem er Jahre später an Tuberkulose erkrankte, musste er den Orden der Zisterziensermönche verlassen, weil man seine ansteckende Krankheit fürchtete. Nachdem er dem Tod von der Schippe gesprungen und er geheilt war, beschloss Gallego, sich mit einer besonderen Gabe zu bedanken: „Ich wollte einen Tempel bauen.“ Das war 1961.

60 Meter Höhe sind das Ziel

Inzwischen ist die „Kathedrale Justos“ zu stattlicher Größe gewachsen: Gut 50 Meter lang und 20 Meter breit. Das Kirchenschiff wird von einer 22 Meter messenden blauen Kuppel gekrönt. Zwei Türme, die noch nicht fertig sind, rahmen das Eingangsportal und sollen einmal 60 Meter hoch in den Himmel wachsen. Der eigenwillige Sakralbau wurde, auch ohne seine Vollendung, schon zum Wahrzeichen des 20000-Seelen-Ortes Mejorada del Campo, rund 20 Kilometer östlich der spanischen Hauptstadt Madrid. Die unglaubliche Geschichte dieses Gotteshauses zieht Touristen und Kirchenfreunde aus aller Welt an und machte Mejorada del Campo zum Wallfahrtsort. Sogar das New Yorker Museum of Modern Art widmete dem originellen Bau schon eine Foto-Ausstellung.

„Der Besuch der Kathedrale ist kostenlos, aber wir übernehmen keine Verantwortung für mögliche Unfälle“, warnt ein Schild am Eingang. Aus gutem Grund: Justo Gallego baut sein Gotteswerk mit himmlischem Beistand, aber ohne Architekten, ohne Maurer und ohne Baugenehmigung. Und mit Materialen, die er auf Schutthalden findet oder von Baufirmen gespendet bekommt. „Es gibt keine Pläne“, sagt Gallego, der mit roter Mütze und blauem Arbeitsmantel inmitten seines Werkes steht. „Alles ist hier oben“, erzählt er und tippt sich mit einem Finger an den Kopf. Er habe viele Bücher über Burgen und Kathedralen gelesen – das muss reichen. „Die wahren Fundamente des Tempels liegen im unverrückbaren Glauben“, heißt es in einer kleinen Dokumentation über die Kathedrale.

Rechtlich ein illegaler Bau

Streng genommen ist Justo Gallegos persönliches Meisterwerk keine Kathedrale, weil sie von keinem Bischof geweiht und in Besitz genommen wurde. Rechtlich ist der Tempel vielmehr ein illegaler Bau, den der Ex-Mönch auf einem vom Vater geerbten Acker errichtete und der von der Bauaufsicht still gelegt werden könnte. Wegen dieser Situation tut sich auch Spaniens katholische Kirche schwer, den letzten Willen des Baumeisters anzunehmen und diesen sakralen „Schwarzbau“ als Schenkung anzunehmen.

Doch möglicherweise wird auch hier irgendwann der himmlische Wille siegen. Nicht umsonst wird Gallegos verrücktes Bauwerk in der spanischen Öffentlichkeit bereits als „Kathedrale des Glaubens“ bezeichnet. Der 91-jährige Baumeister, der bis zu seinem letzten Atemzug an seinem Tempel weiterschuften will, gibt sich derweil bescheiden und hat nur zwei Bitten an die Nachwelt: „Ich will in meiner Kirche beerdigt werden.“ Und: „Ich möchte, dass man sich an mich als christliches Beispiel erinnert.“