Dramatische Rettungsaktion Nur noch Besatzung an Bord der Adria-Fähre

Von dpa | 28.12.2014, 10:33 Uhr

Sämtliche Passagiere sind von der Adria-Fähre „Norman Atlantic“ geborgen. An Bord sei nur noch die Besatzung, sagte der italienische Premierminister Matteo Renzi am Montag in Rom. Bisher wurden fünf Todesopfer gefunden, vier am Montag, ein Toter am Sonntag.

Die italienische Küstenwache teilte mit, dass auf dem Schiff nun noch neun Besatzungsmitglieder seien. Unterschiedliche Angaben gab es zu den Geretteten. Renzi sprach von 407, die Marine von 414. Am Bord der Fähre waren 478 Menschen.

Unter den Passagieren waren nach offiziellen griechischen Angaben auch 18 Deutsche. Zwei davon kamen am Montag mit einem Containerschiff in der süditalienischen Hafenstadt Bari an. Eine Mitarbeiterin des deutschen Konsulats in Bari sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass die beiden aus Saarbrücken und Berlin kommen. Ihnen gehe es gut und sie würden nach Deutschland zurückgebracht.

„Ich habe Tote gesehen“

Das Schiff „Norman Atlantic“ mit 478 Menschen an Bord hatte am Sonntagmorgen vor der griechischen Insel Korfu Feuer gefangen. Einer der Geretteten sprach von Toten auf der Unglücksfähre. „Ich habe vier tote Personen gesehen, mit meinen eigenen Augen, ich bin sicher. Sie waren vor mir“, zitierte die Agentur Ansa einen türkischen Passagier.

Inzwischen ist die Zahl auch offiziell bestätigt. Das Schiffsunglück in der Adria kostete mindestens fünf Menschen das Leben. Das teilten der italienische Premierminister Matteo Renzi und der griechische Minister für Handelsschifffahrt, Miltiadis Varvitsiotis, am Montag mit. Zur Identität der Toten gab es zunächst keine weiteren Angaben. Ein Mann aus Griechenland starb beim Sprung über Bord. Bisher wurden bis zu 70 Menschen in Krankenhäusern in den süditalienischen Städten Lecce, Brindisi und Bari behandelt. Auf dem Schiff der griechischen Anek Lines waren nach Medieninformationen wenige Tage zuvor Mängel festgestellt worden.

Keine Vermissten

Die griechische Regierung teilte am Abend mit, es gebe keine Vermissten. Das Schiff war auf dem Weg von Patras in Griechenland nach Ancona in Italien. Zuletzt trieb es vor der albanischen Küste. Vermutlich entzündete sich das Feuer am Sonntag im Morgengrauen im Autodeck.

Das Feuer breitete sich schnell über das Schiff aus, Passagiere schilderten im griechischen Rundfunk die Hitze und die Verzweiflung an Bord. „Der Boden brannte, als wir zum Rettungsboot gingen“, sagte Athina, die gerettet wurde, im Sender Skai. „Wir stehen draußen an Deck, sind durchfroren und ersticken im Qualm“, sagte Giorgos Styliaras dem Sender Mega Channel. „Das Schiff brennt, die Decks glühen, einige zittern vor Kälte, andere husten vom Rauch“, fügte er hinzu. „Die Frage ist, ob wir es durchhalten.“ Der griechische Verteidigungsminister, Nikos Dendias, sagte, das Schiff habe wegen des Löschwassers sieben Grad Schlagseite.

Mit Hubschraubern gerettet

Das Schiff – gechartert von einer italienischen Reederei – befand sich zum Zeitpunkt des Unglücks etwa 44 Seemeilen nordwestlich von Korfu. Eine andere Adria-Fähre und mehrere Frachter, die in der Nähe waren, eilten zur Hilfe. Das Fernsehen zeigte Bilder, wie Menschen mit Hubschraubern gerettet wurden. Auch Schiffe der Marine sollten helfen. Am Abend konnte ein Schlepper an Bord des immer noch qualmenden Schiffs festmachen. Die Rettung sollte auch nacht weitergehen. Das Schiff sollte später nach Brindisi in Süditalien geschleppt werden.

Das griechische Ministerium für Handelsschifffahrt teilte mit, die Menschen würden mit Hubschraubern ausgeflogen. Die meisten Passagiere stammten aus Griechenland, aber auch Italiener, Schweizer, und Österreicher seien dabei. Das Auswärtige Amt in Berlin war wegen deutscher Passagiere im Kontakt mit den Botschaften in Rom und Athen.

Unterkühlt aber in Sicherheit

Zwei gerettete Frauen, eine davon schwanger, und drei Kinder kamen in ein Krankenhaus in der süditalienischen Region Apulien. Die Kinder seien halbnackt im Wasser gewesen und litten an Unterkühlung, es gehe ihnen allen aber den Umständen entsprechend gut, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. Die Eltern von zwei anderen geretteten Kindern seien noch auf der „Norman Atlantic“.

Ansa berichtete unter Berufung auf den italienischen Kapitän, die brennende Fähre treibe in Richtung Albanien. Das Schiff sei manövrierunfähig.

„Niemand kann etwas machen“, sagte ein Mann dem griechischen Radiosender Skai. Weitere griechische Medien berichteten, Rettungsboote seien abgetrieben worden, bevor Menschen hätten einsteigen können. „Die Leute sind verzweifelt und schreien“, sagte ein weiterer Zeuge im Fernsehen.

Mängel an der Fähre

Auf dem Schiff sollen kurz vor dem Unglück Mängel festgestellt worden sein. Bei einer Inspektion am 19. Dezember seien unter anderem unzureichende Rettungsmittel, undichte Sicherheitstüren und der Zustand der Notbeleuchtung moniert worden, gehe aus einem Bericht der Hafen-Kontrollorganisation Paris Mou hervor. Der Reederei wurde laut griechischen Medien eine Frist eingeräumt, die Mängel zu beheben. Diese Frist war noch nicht verstrichen. Der Reeder Carlo Visentini sagte, das Schiff sei fahrtüchtig gewesen, es habe sich nur um geringere Mängel gehandelt.