Die lange Geschichte der Huchthausens Vorfahren von niedersächsischer Familie leben seit 3000 Jahren am gleichen Ort

Von Stefan Prinz | 14.09.2011, 16:54 Uhr

Manfred Huchthausen verreist nicht gerne. Diese Reiseunlust hat sich in seiner Familie vererbt – über sehr viele Generationen. Seit unglaublichen 3000 Jahren leben die Huchthausens immer am gleichen Ort. In einem Tal bei Osterode am Harz. Sie sind nachweislich die älteste Familie der Welt. Aber schon mit der nächsten Generation könnte eine lange Tradition enden.

Wie von einer inneren Sehnsucht gepackt, lässt Manfred Huchthausen an diesem sonnigen Septembertag den Blick in das weite Tal der Söse schweifen. Ein leichter Spätsommer-Wind streicht über die satten Wiesen und abgeernteten Getreidefelder an den Ausläufern des niedersächsischen Harzes. Als Kind hat er hier gespielt und später in seinem Heimatort Förste, einem kleinen Stadtteil von Osterode, eine Familie gegründet. Hier ist er zu Hause. Das wusste er schon immer. Und hier hatten auch seine Vorfahren ihre Heimat. Auch das wusste der 62-jährige Berufsschullehrer.

Die Huchthausens zählten in Förste schon immer zu den alteingesessenen Familien. Lediglich der Großvater hatte mal seine Koffer gepackt und zog in den Nachbarort. „Er kam aber nach ein paar Jahren zurück“, erinnert sich Huchthausen mit einem Lächeln.

Für seine Familiengeschichte interessierte sich der Mann mit dem Vollbart und dem freundlichen Lächeln schon lange. Die Namen seiner Ahnen kann er über 150 Jahre lückenlos zurückverfolgen. Und immer wohnten sie in Förste. Mitten im Dorf, in dem Haus in der Mühlenstraße. Als Handwerker und kleine Bauern verdiente die Familie in früheren Generationen ihren Lebensunterhalt. So, wie auch die meisten ihrer Nachbarn. Es war ein beschauliches, aber zufriedenes Dorfleben.

Vor ein paar Jahren war es mit dieser Beschaulichkeit vorbei. In einem nahen Wald, in der „Lichtensteinhöhle“ fanden Archäologen die Knochen von Dutzenden Menschen aus der Bronzezeit – mindesten 3000 Jahre alt. Die Höhle liegt lediglich zwei Kilometer vom Wohnhaus der Huchthausens entfernt. „Ich kann von meinem Wohnzimmerfenster fast dorthin schauen.“

Die Funde waren für die Forschung ein „unglaublicher Glücksfall“, sagt Ortrud Krause, Museumsleiterin des Höhlenerlebniszentrums in Bad Grund. Sie hat sich intensiv mit diesen frühen Menschen auseinandergesetzt. Das Besondere an den gefundenen Knochen: 90Prozent aller Toten aus der Bronzezeit wurden eingeäschert. Nur diese aus der „Lichtensteinhöhle“ waren völlig unversehrt. Mehr noch: „Die Knochen zeigen kaum Anzeichen von Verfall“, so Ortrud Krause. „Diese Menschen hatten weder Bandscheibenschäden noch Karies.“ Das deute darauf, dass sie einer Herrscherschicht angehörten und nicht schwer arbeiten mussten, vermutet die Expertin.

Die Forscher analysierten daraufhin die DNA in den Knochen und verglichen die Ergebnisse mit dem Erbgut alteingesessener Familien aus Förste. Das überraschende Ergebnis: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sind die Toten aus der Höhle die Vorfahren von Manfred Huchthausen. „Das hat mich umgehauen“, erinnert sich der Lehrer.

Das Erbgut von rund 160 weiteren Förstern zeugt ebenfalls von einer familiären Verbindung mit den Menschen aus der Höhle. Aber nur bei zweien liegt die Wahrscheinlichkeit einer verwandtschaftlichen Beziehung bei fast 100 Prozent – einer davon ist Huchthausen.

Bei keiner anderen Großfamilie auf der Welt konnten bisher Beziehungen festgestellt werden, die so weit in die Vergangenheit reichen. Dass seine Vorfahren möglicherweise die Herrscher des Tals waren, nimmt der zweifache Vater mit Humor: „In den 3000 Jahren hat sich viel geändert“, sagt der Senior mit einem verschmitzten Blick über den Brillenrand.

Aber warum blieb seine Familie Jahrtausende am gleichen Ort? „Hier war früher eine Gegend mit reichen Salzvorkommen.“ Namen wie der des Flüsschens Salza deuten noch heute darauf hin. Möglicherweise hat das Salz den Lebensunterhalt meiner Vorfahren gesichert“ – und sie wollten deshalb nicht wegziehen. „An der Schönheit der Landschaft kann es jedenfalls nicht gelegen haben“, sagt der 62-Jährige mit einem Lachen.

Sohn Volker würde zwar auch gerne in Förste bleiben. „Aber berufliches Weiterkommen ist mir wichtiger“, so der 22-Jährige. Einen Umzug kann er sich deshalb gut vorstellen. So, wie sein älterer Bruder, der bereits das Dorf verlassen hat. Dann wäre es mit der unglaublichen Sesshaftigkeit der Huchthausens vorbei. Manfred wäre der Letzte des Förster Clans – nach 3000 Jahren.