Der Freizeitspaß im Selbstversuch Warum Escape Rooms in Deutschland boomen

Von Karsten Grosser | 17.09.2016, 10:22 Uhr

Escape Room, Live Escape Game oder Exit Game – die Namen für den boomenden Freizeitspaß in Deutschland sind vielfältig. Doch dahinter verbirgt sich immer dieselbe Art Spiel: Menschen lassen sich in einen Raum einschließen und versuchen, innerhalb einer vorgegebenen Zeit aus dem Raum zu entkommen. Wir haben es ausprobiert – und sind nun infiziert...

Grins nicht so blöd, du Affe! Das braune Stofftier hockt auf einem Regal und blickt verächtlich auf mich herab. An einem Nagel in der vergilbten Tapete baumelt ein Büstenhalter. Daneben hängt Marilyn Monroe und flirtet mit mir. Die drei leeren Bierdosen in der Ecke sind so leer wie mein hämmernder Schädel. Was für eine billige Absteige! Wie bin ich nur in dieses heruntergekommene Hotelzimmer gekommen? Ach ja: Junggesellenabschied. Und heute ist meine Hochzeit. Ich will hier raus! Aber verdammt: Wer hat die Tür abgeschlossen…?

„Hilflos in Hamburg“

Die Zeit läuft. 59 Minuten und 59 Sekunden stehen auf dem digitalen Timer über dem Türrahmen. Eine Stunde bleibt, um aus dem Zimmer zu entkommen. Und das ist die Wirklichkeit. Die Junggesellen-Story mit den Namen „Hilflos in Hamburg“ dient nur als Dekor. Ausschmückung. Beiwerk. Ich bin auch nicht allein, wir sind zu zweit. In einem sogenannten Escape Room. Im zweiten Stock eines Bielefelder Geschäftshauses. Ziel ist es, innerhalb der vorgegebenen Zeit den Schlüssel zu finden, der uns die Tür in die Freiheit öffnet. Uns das Spiel gewinnen lässt. Vorher müssen wir jedoch Rätsel lösen. Viele Rätsel. Gemeinsam als Team.

Escape Rooms boomen in Deutschland. Mittlerweile gibt es diesen Freizeitspaß hierzulande in mehr als 100 Städten . Mehr als 500 Räume zählen die Experten von EscapeRoomGames.de . Und es werden immer mehr. Eduard Maibach, Betreiber dieser Website, rechnet damit, dass es demnächst mehr als 1000 Anbieter geben wird. Die Szene professionale sich derzeit stark, beobachtet der 31-Jährige, der bereits mehr als 50 Räume selbst ausprobiert hat.

Plötzlich klingelt es

Wir erleben gerade erst unsere Premiere. Und starten in eine äußerst intensive Stunde. Konfrontiert mit allerlei Nummernschlössern. Wie lauten nur die Codes? Um das herauszufinden, müssen wir Aufgaben lösen, Rätsel knacken. Eines nach dem anderen. Um zunächst nicht zugängliche Gegenstände zu finden, neue Hinweise zu erhalten, um schließlich die Schlösser zu öffnen. Wir ziehen Schubladen auf, hören den Anrufbeantworter ab, wundern uns über das Gekritzel an den Wänden. Wir knautschen ein altes Hemd, schlagen Karl-May-Romane auf, tasten den Affen ab. Diskutieren, fantasieren, probieren. Und plötzlich klingelt das Telefon: Gamemaster Elmar Böhmer, Betriebsleiter bei Escape Hunt in Bielefeld, meldet sich und hilft uns auf die Sprünge. Per Videoübertragung hat er registriert, dass wir nicht weiterkommen. Nun tragen wir Informationen zusammen, notieren Ergebnisse auf dem Schreibboard. Kombinieren, verwerfen und finden endlich den Code für das erste Zahlenschloss.

Computerspiele als Vorbild

Als Vorbild für die realen Escape Rooms dienten Computerspiele. Sogenannte Point&Click-Adventures, bei denen die Spieler mit der Maus über Gegenstände fahren und diese anklicken, um Informationen zu erhalten. Im Jahr 2010 übertrug eine japanische Firma das Prinzip in die reale Welt und richtete den ersten stationären Escape Room ein. Als Keimzelle solcher Räume in Europa gilt die ungarische Hauptstadt Budapest. Heute gibt es dort Dutzende unterschiedlicher Escape Rooms als Touristenattraktionen. Nach Deutschland schwappte das Phänomen im Jahr 2013. Damals startete in München der erste Anbieter. Trotz des aktuellen Booms meint Experte Maibach, die Szene stecke hierzulande noch in den Kinderschuhen. Maßstäbe setzten die Betreiber in Asien, wo es bereits 4-D-Abenteuer und Virtual-Reality-Konzepte gebe. Christoph Sonnenberg-Westeson vom Portal Escape-Game.org bestätigt diese Entwicklung: „Technische Innovationen befriedigen den Spieltrieb.“

Wir fühlen uns auch ohne allzu großen technischen Schnickschnack herausgefordert. Wir knobeln uns – auch dank einiger Anrufe – zunehmend erfolgreich durch die Rätsel, doch am Ende läuft die Zeit ab, bevor wir den letzten Schlüssel gefunden haben. Die Tür muss von außen geöffnet werden. Verloren! Aber an Ehrgeiz haben wir gewonnen.

Die Endorphine tanzen

Nur wenige Tage später nehmen wir uns den nächsten Raum vor. „Hilflos in Hamburg“ ein zweites Mal zu spielen, machte keinen Sinn. Wer die Rätsel kennt, braucht keinen zweiten Durchlauf. Der Wiederspielreiz geht gegen Null. Für uns heißt es nun, den Mord an einen Bielefelder Geschäftsmann aufzuklären. Für das erste Rätsel benötigen wir noch reichlich Zeit, doch dann macht sich die bereits gesammelte Erfahrung bezahlt. Plötzlich flutscht es. Ein Schloss nach dem anderen öffnet sich. Wir haben einen Lauf. Die Endorphine tanzen, Euphorie kommt auf. Und dennoch wird es knapp. Aber dieses Mal schließen wir die Tür auf. Von innen. Zwei Minuten und vierzehn Sekunden stehen noch auf der Uhr. Geschafft! Wir sind glücklich und zufrieden.

Hilfen auf dem Fernseher

„Etwa 70 bis 80 Prozent der Teilnehmer schaffen es vor Ablauf der Zeit, den Raum zu verlassen“, sagt Elmar Böhmer, der vier Räume im Angebot hat. Häufig sei der Erfolg abhängig von den Tipps. Und von der Erfahrung der Spieler. „Je öfter du spielst, desto pfiffiger wirst du.“ Das möchte ich ausprobieren. Dieses Mal sind wir zu viert. Der Escape Room „The Quest“ in Georgsmarienhütte ist als typische Studentenbutze eingerichtet. Schreibtisch, Sofa und Regale. Und ein Fernseher. Auf dem Bildschirm läuft der Timer rückwärts. Unerwartet gongt es. Das TV-Gerät zeigt eine Abbildung des grünen Regals in der Ecke. Johanna Guss vom Veranstalter Exitcache weist uns auf diese Weise darauf hin, dass wir dieses Möbelstück noch einmal etwas genauer untersuchen sollten. Tatsächlich: Wir entdecken einen Gegenstand, den wir vorher übersehen haben. Insgesamt benötigen wir nur drei Tipps. Ansonsten harmonieren wir gut. Teilen uns auf, sprechen uns ab und schließen zehn Minuten vor Ablauf der Zeit die Tür in die Freiheit auf. Triumph!

Stasi und Alien-Raumschiffe

Dass es in der vergleichsweise kleinen Stadt Georgsmarienhütte einen Escape Room gibt, sieht Christoph Sonnenberg-Westeson als Trend. Während in Metropolen wie Berlin, Hamburg oder Köln bereits zahlreiche Herausforderungen zur Flucht einladen, werde sich der Hype zunehmend in der Fläche ausbreiten, meint der 46-Jährige. Nordhorn und Rheine sind weitere Beispiele dafür. Die Themen der Räume sind vielfältig. Oft geht es darum, einen Mord aufzuklären oder aus einem Gefängnis auszubrechen. Doch die Fantasie der Betreiber kennt keine Grenzen. Mal werden Bombenentschärfer gesucht, mal muss man vor der Stasi flüchten, mal findet man sich an Bord eines Alien-Raumschiffes wieder.

Beliebt als Teambuildung

Die meisten Räume sind für Gruppen von zwei bis sechs Leuten ausgelegt. Ob Kinder oder Teenager mit hinein dürfen, hängt in vielen Fällen von Thema ab. In Abhängigkeit der Anzahl variieren die Eintrittspreise in der Regel zwischen 15 und 60 Euro pro Person. Eduard Maibach empfiehlt, maximal zu viert zu spielen. „Ansonsten geht der Reiz etwas verloren, weil jeder nur noch einen Teil der Aufgaben wirklich wahrnimmt.“ Christoph Sonnenberg-Westeson hingegen erwartet, dass wegen steigender Nachfrage es bald auch mehr Escape Rooms für größere Gruppen bis zu zehn Personen geben wird. Eine Nachfrage, die etwa von Unternehmen kommt. Einerseits, um als Gruppe etwas zu erleben und das Teambuilding zu stärken. Andererseits auch, um Bewerber zu beobachten und zu beurteilen.

Wer schafft es früher raus?

Eine weitere Zielgruppe sind Junggesellenabschiede. Die Feierlustigen starten mit einem Abenteuer in die Nacht. „Hilflos in Hamburg“ wäre dafür ein optimales Thema. Dieses Szenario lässt sich in Bielefeld nicht nur miteinander, sondern in zwei nahezu identischen Räumen auch gegeneinander spielen. Welche Gruppe schafft es früher raus? Bleibt nur zu hoffen, dass sich die Junggesellen später nicht selbst in eine vergleichbare Situation manövrieren. Wäre doch wirklich blöd, am Morgen der geplanten Hochzeit von einem dämlichen Affen angegrinst zu werden...

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