Der beste Film zur Finanzkrise „Der große Crash – Margin Call“

Von Daniel Benedict | 28.09.2011, 15:32 Uhr

Wer mit schmalem Budget Stars für sein Spielfilm-Debüt gewinnen will, muss sympathisch sein – und ein richtig gutes Drehbuch vorlegen. J. C. Chandor hat für seinen Thriller zur Finanzkrise nicht einen Star bekommen, sondern ein ganzes Ensemble – und das sogar zweimal: Tim Robbins und Ben Kingsley hatten schon zugesagt, als der Dreh verschoben werden musste. Zum neuen Termin hatten sie keine Zeit – stattdessen drehte Chandor mit Kevin Spacey, Jeremy Irons, Demi Moore, Stanley Tucci und Paul Bettany. Zachary Quinto, der junge „Spock“ aus dem letzten Star-Trek-Film, ist an „Der große Crash – Margin Call“ nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Produzent beteiligt.

Der Film, der in Berlin um den Goldenen Bären konkurrierte, erzählt die letzten 24 Stunden vor dem Crash einer Bank – nach dem Vorbild der Lehman-Brothers. Anfangs glaubt man noch an eine schlichte Polemik: Kevin Spacey kämpft sich als mittlere Führungskraft auf den Fluren des Geldinstituts durch lauter Angestellte mit Umzugskiste: Soeben wurde die Abteilung für Risiko-Management aufgelöst. Wenig später weint er – allerdings nicht aus Mitgefühl mit den Kollegen. Sein Hund liegt im Sterben. So sind sie!, denkt man also: Den zynischen Finanz-Verbrechern sind ihre privaten Wehwehchen näher als das globale Finanzsystem. Aber Chandor will seine Figuren gar nicht verhöhnen. Im Gegenteil: Der Spacey-Charakter bekommt so viel Tiefe, dass später bei der Hunde-Bestattung sogar das Publikum weinen dürfte.

Ungebrochen negative Charaktere sind in „Margin Call“ die Ausnahme. Der Finanzthriller steht damit konträr zu Oliver Stones „Wall Street“-Filmen. Der Kino-Veteran personalisierte die hochkomplexe Finanzwelt in einer einzigen dämonischen Figur: Gordon Gekko. Der Debütant ist viel klüger und begreift die Börse als System: Etagenweise nimmt Chandor sich alle Hierarchie-Ebenen der Bank vor; hier herrschen zwar ganz unterschiedliche Haltungen zur Ethik des Handels. Allen gemeinsam ist aber die Alternativlosigkeit ihres Verhaltens. Auch jene, die den Crash mit all seinen katastrophalen Folgen voraussehen, wirken brav an ihm mit. Und andersherum macht selbst der Konzernchef, dessen Entscheidungen die Welt ins Chaos stürzen, in einem wunderbaren Monolog seine Haltung plausibel.

Pro Einstellung ein guter Einfall: „Margin Call“ überzeugt nicht nur in seinen Thesen und im Dialog; Chandor gewinnt dem Büroflur-Setting auch ein Feuerwerk großartiger Szenenauflösungen ab. Wer ein Gespür dafür gewinnen will, woran gerade die Welt zugrunde geht, sollte ins Kino gehen.

„Der große Crash – Margin Call“. USA 2011. R: J.C. Chandor. D: Kevin Spacey, Paul Bettany, Jeremy Irons. 109 Minuten. Ab 6 Jahren.