Brauerei in Kirche gegründet Osnabrücks Partnerstadt im Porträt: Die Biertradition ist den Haarlemern heilig

Von Benjamin Kraus | 24.09.2011, 10:06 Uhr

Ein malerisches Backstein-Gebäude mit verschnörkeltem Turm. Bunte, nicht durchsichtige Ornamentgläser in den ovalen Fenstern, die so zusammengefügt sind, dass sie heilige Figuren zeigen: Wir befinden uns ohne Frage an einer heiligen Stätte Haarlems, in Vergangenheit und Gegenwart. Doch wo einst der Altar der Kirche war, steht heute die lange Jopen-Bar.

„Haarlem war einst im Mittelalter eine wichtige Bierstadt. Deswegen wollten wir unbedingt etwas mit Bier machen“, sagt Michel Ordeman. Er gehört zum Gründer- und Gesellschafterkreis der ersten Bier- und Brauereikirche Haarlems: der Jopenkerk, die am Gratieplein unweit des Stadtzentrums seit einem knappen Jahr ihre Pforten für den durstigen Besucher öffnet. Ordeman und seine Leute haben dabei ein tolles Ambiente geschaffen: Braukessel aus Kupfer- und Messing glänzen hinter der Theke und vor den Kirchenfenstern, die verschiedenen Besucherbereiche begeistern durch ihre eigene Aura.

Wer es zünftig mag, setzt sich auf rustikale Bierbänke im Zentrum, wer lieber ein bisschen beobachten möchte, fläzt sich in die gemütlichen Sandsessel und Ledercouches in der Ecke und nimmt ein Buch aus dem bereitstehenden Regal. Und wer das Besondere sucht, erklimmt die Wendeltreppe und findet im ersten Stock einen Raum, der sowohl am Boden als auch an den Wänden und an der Decke mit roten Orientteppichen bedeckt ist. Von der Galerie nebenan kann man sowohl den Trubel der Besucher bei einem Glas Bier als auch die Braumeister bei der Herstellung des Gerstensaftes beobachten.

2005 haben Ordeman und seine Leute die Kirche erworben, die aufgrund einer Gemeindeauflösung nicht mehr genutzt wurde. 15 Jahre hat es gedauert, alle Genehmigungen zu erhalten und die Idee der Brauereieröffnung umzusetzen, die zum 750. Stadtjubiläum entstanden ist. „Damals haben wir spaßeshalber Bier nach dem Rezept von 1407 gebraut, ohne Hopfen, dafür mit einer speziellen Kräutermischung. Würzig und süffig: Das ist so gut angekommen, das wir die Idee unbedingt weiterleben lassen wollten“, erzählt Ordeman.

An der Spaarne residierten noch im Mittelalter über 100 Brauereien, die „Brouwersteur“ war die wichtigste Einnahmequelle der Stadt. Das Reinheitsgebot des Bieres, so rühmt man sich, sei älter als das Bayerische: „Um den Ruf des Haarlemer Bieres und damit den Export zu sichern, wurde es damals eingeführt. Die alten Rezepte wurden im Stadtarchiv aufbewahrt – das war unser Glück“, erinnert sich Ordeman, als er gegen 11 Uhr morgens lässig in seiner Bierkirche sitzt und den Frühstückscappuccino schlürft. Der 41-Jährige ist zum Studieren nach Haarlem gekommen, als es dort längst keine Brauereien mehr gab.

„Wenn Essen und Trinken gut sind, ist das Leben gut“, erklärt er seine Motivation, seine Abschlussarbeit in Gastronomie umzusetzen und mit der Jopen-Brauerei die alte Tradition der Stadt wiederzubeleben. „Der einzige Unterschied zu früher ist, dass wir neben Gerstenmalz auch Weizenmalz und Hafer zum Brauen verwenden und bei unseren Saisonprodukten auch immer wieder neue Kreationen entwickeln“, sagt er und deutet auf das Rosébier: ein Weizenbier mit Himbeersaft, das tatsächlich besser schmeckt, als es diese Beschreibung vermuten lässt.

Wer das Jopen-Bier einmal testen möchte, kann dies auch auf der Osnabrücker Maiwoche tun: Am Nikolaiort, wo regelmäßig die Partnerstädte Osnabrücks ihre Stände aufbauen, ist Haarlems Vorzeige-Gerstensaft stets vertreten. „Mein Cousin Peter hat seine Frau fürs Leben in Osnabrück gefunden: Zusammen mit seiner Daniela organisiert er für uns dort immer den Verkauf“, erzählt Ordeman.

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