Blutrache unterm Blumenbeet Archäologie als Kriminalgeschichte: Ausstellung in Kalkriese

Von Stephanie Langer | 15.09.2011, 15:55 Uhr

Es ist der 5. März 1983. Im Garten von Familie Schoch wächst der Salat in letzter Zeit ungewöhnlich gut. Weil er schon an die Decke des kleinen Gewächshauses reicht, will Landwirt Erhard Schoch das Beet tieferlegen. Dabei stößt er auf einen Unterkiefer.

Im baden-württembergischen Talheim dachte an jenem Tag niemand mehr an Salat. Archäologen legten im Garten der Schochs 34 Skelette frei. Der „Tatort Talheim“ entpuppte sich als spektakulärer Fund. Denn Knochen und Scherben konnten zurückdatiert werden: Sie sind 7000 Jahre alt. Die Menschen im Massengrab sind keines natürlichen Todes gestorben. In der neuen Sonderausstellung „Steinzeit-Massaker. Tatort Talheim“ im Museum und Park Kalkriese können Besucher ab Samstag die Ermittlungen aufnehmen. Wer steckt hinter der grausigen Tat, wieso mussten sogar Kleinkinder sterben?

Gleich am Anfang der Ausstellung finden Besucher eine Rekonstruktion des Massengrabes. Wie es sich für einen Tatort gehört, ist er mit Flatterband abgesperrt. Auf dem Boden sind Umrisse der 34 Leichen eingezeichnet. Unter ihnen eine junge Frau, vielleicht zwanzig Jahre alt. In der Ausstellung heißt die Frau mit der Fundnummer 84/4 Aaka. Ihre Silhouette führt die Besucher zu einzelnen Stationen. Aaka hatte ein Hüftleiden, schiefe Zähne und war 1,59 Meter groß. Sie wurde mit einer Flachhacke ermordet, die ihr auf den Hinterkopf geschlagen wurde. Eine andere Silhouette zeigt einen etwa achtjährigen Jungen. Auch er ist durch Schläge auf den Hinterkopf gestorben. Wahrscheinlich war er mit Aaka verwandt. So wie sie wahrscheinlich alle verwandt waren, die Toten aus dem Gemüsebeet.

„Lange hat man das Bild einer friedlichen Jungsteinzeit gemalt, aber das stimmt nicht“, erklärt Dr. Christina Jacob, Archäologin vom städtischen Museum in Heilbronn, die den Tatort seinerzeit untersucht hat. Anhand der Verletzungen versuchten die Wissenschaftler, den Tathergang zu rekonstruieren. Die Ausstellung zeigt mögliche Kampfszenarien. Auf die Tatwaffen kann man sich recht genau festlegen. Verletzungen durch Steinbeile, Schuhleistenkeile und Pfeile führten zum Tod. „Die Pfeile konnten nur bei Tageslicht abgeschossen werden“, so Jacob. Im Schlaf wurden die Talheimer nicht überfallen.

Doch was ist das Motiv? „Wir gehen von einer Familienfehde oder Blutrache aus“, so die Archäologin. Aus Habgier sei sicher nicht gemordet worden. „Dann hätte man denen auch ein Bein brechen und die Beute mitnehmen können.“ Dr. Heidrun Derks, Museumsleiterin in Kalkriese, ist überzeugt: „Da sollte keiner gefangen genommen werden.“ Vielleicht sei ein verfeindeter Clan aus dem Nachbardorf über die Talheimer hergefallen. Momentan stehen noch die Ergebnisse der DNA-Analyse aus, die vor 28 Jahren noch nicht möglich war. „Das wäre wunderbar, wenn die Daten noch während der Ausstellung kämen“, hofft Derks.

Die Ausstellung ist ab Samstag bis 8. Januar geöffnet. Führungen sonn- und feiertags um 11.30 Uhr. Führungen am Eröffnungstag: 11.30 Uhr, 13 Uhr, 14 Uhr und 16.30 Uhr. Mehr Infos: www.kalkriese-varusschlacht.de.