Blümchenkaffee zur Vesperzeit Quakenbrück: Kartoffelernte in alter Zeit

Von Hans Robbers | 22.09.2011, 10:49 Uhr

Kartoffeln waren und sind hierzulande ein wichtiger Bestandteil des Essens. In den vergangenen Wochen war wieder Erntezeit. Heute kommen dabei moderne Maschinen zum Einsatz. Das war früher ganz anders, wie sich Hans Robbers erinnert. Hier seine Geschichte.

In Zeiten der 30er- und 40er-Jahre des vorigen Jahrhunderts beispielsweise, da verbrachten wir Kinder im Herbst die Nachmittage oft damit, etliche Zentner Kartoffeln zu sammeln. Im Artland und auch anderswo war es damals üblich und wohl auch erforderlich, dass Kinder in fast allen Familien Tag für Tag ihren Beitrag für das „tägliche Brot“ – besser für die täglichen Kartoffeln – leisten mussten. Vor allemFamilien, die keinen landwirtschaftlichen Betrieb hatten, ernteten ihre Kartoffeln so. Dort, wo es möglich war, übernahmen die Väter das „Ausmachen“. Sie hoben die Stämme mit der Forke aus dem Boden und schüttelten sie dann möglichst so, dass sich die „Früchte“ vom Kraut lösten. Wir Kinder hoben die Kartoffeln auf und legten sie in einen Drahtkorb. Bei den im Garten geernteten Kartoffeln wurde der Inhalt des Korbes direkt ins Haus gebracht. Bei den auf den kleinen Feldern geernteten Knollen wurde der Inhalt des Korbes jeweils in eine am Feldrand abgestellte Karre geschüttet.

Zuerst wurden in jedem Jahr die „Töchterknollen“ der im April gepflanzten „Mutterknollen“ der Frühkartoffeln – zum Beispiel der Sorte „Holländer Erstlinge“ – geerntet, und zwar jeweils am frühen Vormittag des 29. Juni, des früheren kirchlichen Feiertages „Peter und Paul“, damit sie mittags zusammen mit den ersten geernteten Erbsen gegessen werden konnten. Die Frühkartoffeln ernteten die Familien je nach Bedarf.

Die anderen Kartoffeln, solche der Sorten „Flava“, „Industrie“ und „Blaue Odenwälder“, ernteten wir etwa ab September. Auch diese Kartoffelstämme hob der Vater mit der Forke aus. Die Körbe, die mit bis zu zehn Kilo Kartoffeln gefüllt sein konnten, entleerten wir an unserem fünf Zentner fassenden Harzer Handwagen. Mit diesem Wagen karrten wir alle Kartoffeln von unsern Feldern nach Hause. Dort ließen wir bei trockenem Wetter die Kartoffeln an der Südseite des Hauses in der Nähe der Fensteröffnung zu unserm Keller auf eine freie Fläche rollen und trocknen. Dann sortierten wir sie nach den Vorgaben unseres Vaters. Die für unsere Familie bestimmten Kartoffeln, etwa vier Zentner pro Familienmitglied, ließen wir über eine speziell dafür aus Brettern geschaffene Rutsche in den Keller rollen, und zwar in die dort dafür vorgesehenen Kartoffelhocks. Es gab jeweils ein Hock für festkochende, eines für mehlig kochende und eines für kleine Kartoffeln. Die erhielten später die Schweine. Beim früher sehr arbeitsintensiven Ernten von Kartoffeln waren viele Arbeitskräfte notwendig. Daher halfen mein jüngerer Bruder und ich bis 1949 nachmittags auch in landwirtschaftlichen Betrieben aus – manchmal sogar nach Vermittlung der Volksschule. Lohn erhielten wir in Form von Speisekartoffeln. 50 Kilo für etwa fünf Stunden Arbeit. Dazu: Vesperbrot gegen 16 Uhr und Abendbrot ab 19 Uhr. Den Weg zu den Betrieben und auch den Nachhauseweg legten wir zu Fuß zurück, weil wir kein Fahrrad hatten.

Landwirte, die mehrere Pferde einsetzen konnten, holten die gereiften Kartoffelstämme mit einer zweirädrigen, von zwei Pferden gezogenen Spezialmaschine aus dem Boden heraus. Mit einem Kartoffelroder, dessen neigungsverstellbare Spatenpflugschar beim Fahren die Stämme hochschob und dessen Schleuderradstern die Kartoffeln dann etwa drei Meter weit aufs Land schleuderte. Dieser „Stern“ wurde beim Fahren der Maschine durch deren Greiferräder angetrieben.

Die „Sucher“ (meistens Kinder) hatten die gerodeten und weit auseinanderliegenden Kartoffeln in einen Drahtkorb zu legen und dann auf einem Ackerwagen auszuschütten.

Besonders gern halfen wir als Kinder einem Bauern in Osteressen bei der Kartoffelernte. Dieser „servierte“ uns die aufzulesenden Kartoffeln auf einem etwa 30 Zentimeter schmalen Streifen. Mit einem Vorratsroder, bei dem ein besonders konstruiertes großes Spezialrad neben dem „Schleuderstern“ mitrollte. Der „Stern“ schleuderte die Kartoffeln nicht aufs Feld, sondern in dieses nach außen „ausgebauchte“ Rad. Von dort aus rollten sie in „Reih und Glied“ auf den Boden.

Höhepunkte der arbeitsreichen Nachmittage der Kartoffelernte, an denen wir zumeist barfuß arbeiteten, waren immer die Zeiten, in denen alle in der Ernte Mitwirkenden sich stärken konnten. Zur Vesperzeit bot die Frau des jeweiligen Hauses grundsätzlich auf dem Acker an: „Blümchenkaffee“ , Schwarzbrot aus der nächsten Mühlenbäckerei und selbst gebackenes Brot gab es. Etwas für damalige Zeiten ganz Besonderes bot uns damals die Frau des Bauern mit dem Vorratsroder zum Abendbrot an: Bratkartoffeln, gebratene Hähnchen und Apfelmus.

Der jährliche Kartoffelbedarf pro Person in Deutschland war, soweit mir bekannt, in den Jahren des Zweiten Weltkrieges und in den Jahren danach auf 200 Kilo festgesetzt. Heute beträgt der jährliche Verbrauch pro Person noch 70 Kilo. Davon 35 Kilo als Veredelungsprodukte (Pommes). Auf den Feldern sind heute bei den großen Produzenten selbstfahrenden Vollernter im Einsatz, die vier Reihen gleichzeitig ernten. Das ist effektiv. Ein Gemeinschaftsgefühl entsteht aber nicht.

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