Autor und Musiker im Interview Sven Regener: „Ich bin zu 37 Prozent Herr Lehmann“

Von Melanie Heike Schmidt | 27.01.2018, 10:33 Uhr

Sven Regeners Romane sind Bestseller, seine Band Element of Crime ist eine feste Größe in der Musiklandschaft. Im Interview mit unserer Redaktion spricht der in Berlin lebende Künstler über das Schreiben trauriger Songs, seine Romanfiguren und die Anfangszeiten als junger Musiker im Berlin der Achtzigerjahre.

Sein Debütroman „Herr Lehmann“ aus dem Jahr 2001 hat sich bislang rund eineinhalb Millionen Mal verkauft, seine Band Element of Crime füllt Säle wie die Hamburger Elbphilharmonie, und zu seinen Lesungen strömen Hunderte: Sven Regener ist einer der bekanntesten und vielseitigsten Künstler im deutschsprachigen Raum. Wir treffen ihn am Abschlussabend der Lesereise zu seinem neuesten Roman „Wiener Straße“ in Hannover zum ausführlichen Interview. Darin spricht der Autor und Musiker über Signierstunden, übers Songschreiben und darüber, wie viel von ihm persönlich in seinen Romanfiguren steckt.

Herr Regener, seit September sind Sie mit Ihrem neuen Roman „Wiener Straße“ auf Lesereise, mit mehr als 20 Lesungen hatten Sie in den letzten Wochen ein volles Programm. Was passiert, wenn die Tour zu Ende ist, fallen Sie in ein Nach-Lesereise-Loch?

Nein, ganz und gar nicht. Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich damit dann durch bin, weil wir mit der Band, also mit Element of Crime, gerade neue Songs schreiben. Wenn ich diese ganzen Lesungen vor mir habe, dann bringt mich das immer sehr raus, und ich kann mich auf so etwas wie das Schreiben von Songtexten nicht konzentrieren.

Im Newsletter von Element of Crime steht: „Wir schreiben gerade fröhlich traurige Songs.“ Wie geht das?

Wir schreiben fröhlich – also als Adverb – traurige – also als Adjektiv – Songs. Ganz einfach.

Muss man nicht ein bisschen traurig sein oder wenigstens melancholisch, um traurige Songs zu schreiben? Oder eine Beziehungskrise haben?

Nein. Das ist ja kein Tagebuchschreiben. Wenn Sie heute einen Tagebucheintrag machen und Sie schreiben etwas Trauriges rein, obwohl es Ihnen super geht, das wäre komisch. Aber wenn Sie schon eine Zeitlang am Leben sind, dann werden Sie sich an alles Mögliche erinnern können. Man kann ja auch eine Blumenwiese malen ohne in dem Moment auf einer Blumenwiese zu stehen.

Ok…

… und trotzdem versteht man was von Blumenwiesen, weil man ja schon mal welche gesehen hat. Kunst ist kein Tagebuch. Und Kunst ist auch kein Journalismus, wo man eins zu eins abbilden muss, was in diesem Moment passiert. Es ist das ganze Leben, das dort hineinfließt. Und Kunst ist kreativ. Das trägt es in sich, dass man sich was ausdenkt, dass man etwas schafft, was es vorher nicht gab, und nicht einfach nur aus der Natur etwas abmalt, was man gerade erlebt hat.

Nervt es, dass die Leute immer fragen, wie viel das alles mit Ihnen selbst zu tun hat?

Nein, das kann man nicht sagen. Die Leute interessiert das halt, weil sie auch wissen wollen, ob man sozusagen der Typ aus dem Kunstwerk ist. Wenn Sie einen Roman lesen, dann fragen Sie sich halt: Ist das jetzt dieser Herr Lehmann-Typ? Und ich würde sagen: zu 37 Prozent vielleicht.

Sie sind zu 37 Prozent Herr Lehmann?

Ja. Aber das gilt auch für Karl Schmidt oder Chrissie oder die anderen Figuren. Ich kann mich mit all diesen Leuten identifizieren, so wie ich auch ins Theater gehen kann und mich mit Hamlet identifizieren kann, obwohl ich kein dänischer Prinz aus dem 15. Jahrhundert bin. Auch Shakespeare war das übrigens nicht, und trotzdem konnte er darüber schreiben. Die Probleme versteht man ja trotzdem.

Ein bekanntes Lied von Element of Crime heißt „Delmenhorst“. Sind die Delmenhorster eigentlich sauer auf Sie?

Nein, die freuen sich.

Warum? Weil sie noch nie so besungen wurden?

Eine Stadt, über die es ein Lied gibt, ist irgendwie glamouröser als eine Stadt, über die es kein Lied gibt.

Dieses Interview wird auch in Delmenhorst gelesen. Finden Sie das gut?

Ja, sehr gut.

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Haben Sie Lampenfieber bei Lesungen oder Konzerten?

Ja, ein bisschen.

Hilft etwas dagegen, ein Schnaps etwa oder ein Ritual?

Nein, man muss da durch. Ich bin aber ganz gut darin, mich dagegen zu wehren. Lampenfieber ist ja eine Form von Angst, die muss man überwinden. Aber das fällt mir nicht sehr schwer, ich mach das ja auch schon so lange.

Zu viel Kontakt zum Publikum scheinen Sie aber nicht zu mögen. Signierstunden nach Lesungen sind beispielsweise nicht so Ihr Ding. Oder hat sich das geändert?

Ich mach das jetzt immer, ja. Weil die Leute das so gerne wollen. Viele bringen extra ihre Bücher von zu Hause mit. Eine Lesung damit zu beginnen, dass man den Leuten sagt, dass man keine Signierstunde hinterher macht, das ist dann immer gleich so negativ. Also habe ich mir gedacht, dass ich meine Angst vor den vielen fremden Leuten überwinden sollte.

Ist es denn wichtig, was die Leute von Ihnen halten? Die haben Sie ja auch vorher schon gemocht als Sie noch keine Signierstunden gegeben haben.

Es geht nicht darum, was die von mir denken, sondern darum, was die Leute abtörnt, weil man etwas nicht macht, was sie gerne hätten. Man muss nicht alles machen, was die Leute gerne hätten, das meine ich nicht. Aber es ist schon besser, wenn so ein Abend allen Spaß macht und Freude bringt. Und die anderen Kollegen machen es ja auch, warum sollte ich da eine Sonderposition einnehmen? Man muss auch aufpassen, dass man nicht zu sehr abhebt.

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Was ist schöner, Musiker zu sein oder Schriftsteller?

Musiker.

Warum?

Weil Musik schöner ist. Musik ist die Mutter aller Künste, ist die geheimnisvollste Kunst und die rätselhafteste und die am direktesten auf das Gefühl gehende, auch auf das eigene. Sie können einen Song tausendmal spielen, und es ist jedes Mal wieder gut und etwas Tolles. Wenn Sie ein Buch geschrieben haben, ist das vorbei, das haben Sie geschrieben, das war’s. Sie können es noch, wie ich jetzt, ein paar Abende lang irgendwo vorsingen, das macht auch Spaß. Aber das hat eigentlich mit Schriftstellerei nicht mehr viel zu tun, sondern eher mit Schauspielerei oder jedenfalls mit den darstellenden Künsten. Meistens werden ja auch Hörbücher von Schauspielern eingelesen.

Sie lesen Ihre Bücher auch selbst ein.

Ja, das ist auch ok. Das kann ich, und das funktioniert auch gut. Aber es ist eher eine Performance-Tätigkeit. Wenn man Schriftstellerei und Musik vergleicht, muss ich sagen: Musik ist das Größte, was den Spaß betrifft. Aber ich möchte auf das andere nicht verzichten. Wenn ich eine gute Idee habe für einen Roman, ist es eine große Befriedigung und ein großes Vergnügen, diesen Roman zu schreiben. Dann kann man sehr glücklich sein, weil einem das gelungen ist. Aber danach ist es vorbei. Musik macht man immer, jeden Tag.

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Ist es nicht langweilig, immer die gleichen Songs zu spielen?

Ab und zu schreibt man ja auch neue, damit habe ich ja jetzt gerade wieder angefangen. Dazu kommt natürlich: Wir haben mit Element of Crime unsere eigenen Songs, das sind jetzt etwa 150, und dann haben wir jede Menge Coversongs, die wir auch spielen können. Wenn wir wollen, können wir wochenlang jeden Abend ein anderes Repertoire zusammenstricken. Ansonsten könnten Sie ja auch einen Dirigenten fragen, ob es langweilig ist, immer wieder Beethovens Fünfte zu dirigieren. Ich denke, nein. Das ist ja das Tolle an Musik, man kann es wieder und wieder machen. Und es ist eben nicht langweilig.

In Bezug auf das Hören kann ich das nachvollziehen. Aber gilt das auch für den Macher der Musik?

Das ist dasselbe, denn man ist sein erster Hörer. Das ist schon toll. Musik machen!

Wie entstehen die Songs von Element of Crime?

Wie meistens bei Rockmusik ist erst die Musik da, so ist das auch bei uns. Wir sind ja eine Band, und ich singe zuerst nur „blablablablabla“. Dann muss ich irgendwann den Text machen, damit bin ich auch die ganze Zeit geistig zugange. Deswegen hab ich auch gesagt, dass es mir, während ich noch Lesungen gebe, schwer fällt, mich auf das Schreiben neuer Songtexte zu konzentrieren. Man tut das ja nicht zu einer bestimmten Zeit am Tag, sondern trägt es die ganze Zeit mit sich herum.

Sie setzen sich also nicht um neun Uhr morgens an den Schreibtisch und sagen sich: So, heute muss ich drei Texte fertigschreiben.

Nein, das geht nicht. Ein Text dauert ja wochenlang teilweise. Man muss auf die Idee warten. Mit den Wörtern spielen. Sich die Musik immer wieder vergegenwärtigen. Das kann man nicht durch einen Willensakt einfach so hinhauen.

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Wie groß ist die Schnittmenge zwischen dem Publikum bei Ihren Lesungen und den Konzerten von Element of Crime? Ich zum Beispiel habe bereits Ende der 80er die Musik gehört. Später kamen dann Ihre Bücher. Ich kenne aber viele, die erst die Bücher gelesen haben und anschließend entdeckten, dass es hinter dem Schriftsteller Sven Regener noch eine weitere, musikalische Welt gibt.

Mein Name Sven Regener ist erst ins Spiel gekommen durch die Literaturgeschichte, er steht eben auf den Büchern drauf. Bei der Band Element of Crime kann man den Namen des Sängers kennen oder auch nicht. Wie heißt noch mal der Sänger von Queens of the Stone Age? Fällt mir grad nicht ein. Schande für mich, aber egal. Was ich sagen will: Viele kannten Element of Crime, haben aber die Verbindung erst später hergestellt. „Herr Lehmann“ war wirklich ein mächtiger Hit, das Buch hat sich anderthalb Millionen Mal verkauft. Das ist schon sehr viel. Aber das sind nur Zahlen, da gibt es keinen direkten Zusammenhang. Man kann die Bücher mögen und die Musik von Element of Crime doof finden und umgekehrt. Ich versuche auch, das immer getrennt zu halten. Man kann die Leute nicht in die künstlerische Beinschere nehmen und sagen: Wenn Du das eine gut findest, musst Du das andere auch gut finden. Gerade bei Musik funktioniert das nicht, Musik ist so sehr Geschmackssache.

Vor 30 Jahren kam das erste Lied von Element of Crime mit deutschem Text heraus, vorher waren alle Songs auf Englisch. Die Änderung hat damals viele Fans aufgeregt, es war die Zeit, wo alle die kleinen Flaggen von ihren Parkas geknibbelt haben, weil sie diese Deutschland-Sache irgendwie seltsam fanden. Und plötzlich kommt eine Band wie Element of Crime darauf, auf Deutsch zu singen. Warum haben Sie das gemacht?

Weil wir auf Englisch irgendwie nicht mehr weiter kamen. Meine Mittel waren auch ausgeschöpft. Die Leute nehmen einen nicht richtig für voll, wenn man als Deutscher auf Englisch textet.

Ist das so?

Ja, schon. Wenn man zum Beispiel exzentrische Sachen in den Texten hat, denken die immer, das sei, weil man die Sprache nicht richtig im Griff hätte. Ein gutes Beispiel ist beim Lied „Weißes Papier“ die Zeile „Die Hose, die Du mir gehäkelt hast“ Wenn ich das auf Englisch mache, kommt jede Minute ein Schlaumeier vorbei, der sagt: Jetzt hast Du aber das falsche Verb genommen. Die Leute glauben nicht, dass man das meint, gerade, wenn man exzentrisch oder auch surreal arbeiten will in den Texten. Als Nicht-Muttersprachler wird man dann nicht ernst genommen. Wir waren zudem sowieso immer in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs, sind kaum je rausgekommen in nicht-deutschsprachige Gebiete. Insofern war das auch kein Verlust, sondern eher so, dass man einen gewissen Schleier wegnahm, der bei den Leuten beim ersten Verständnis noch dazwischen war. Ich glaube, gerade weil das, was wir gemacht haben, immer so ein bisschen abseitig, immer so ein bisschen seltsam war, konnte man es auf Deutsch einfacher zusammenbringen. Außerdem gab es einfach viel zu tun, es gab noch jede Menge Songs auf Deutsch zu schreiben.

Inzwischen ist die deutschsprachige Musikszene riesig. Fühlen Sie sich als Wegbereiter?

Nein. Wir haben das doch alle getan. Ich habe 1982, 1983 angefangen, in Berlin Musik zu machen. Das war auch die Zeit der Neuen Deutschen Welle, da wurde fast nur deutschsprachige Musik gemacht. Und dann waren da Gruppen wie die Einstürzenden Neubauten, die auf Deutsch unterwegs waren. Oder auch Die Antwort, die Band von Bernd Begemann. Die hat auch 85 angefangen genau wie wir, da war die Neue Deutsche Welle gerade tot. Das war wohl auch bei uns einer der Gründe für englische Texte: Wir wollten mit der Neuen Deutschen Welle nicht identifiziert werden. Außerdem dachten wir, dass die Art von Songs, wie wir sie machten, nur auf Englisch geht. Als wir dann merkten, dass es auch auf Deutsch geht, eröffneten sich natürlich neue Möglichkeiten. Parallel kam die Hamburger Schule hoch, auch der deutschsprachige Hip-Hop mit Fanta 4 und anderen. Diese Entwicklung hat aber nichts speziell mit uns zu tun gehabt, sondern lag irgendwie in der Luft.

Woher kam dieser Trend?

Wahrscheinlich kam das durch den mittlerweile erreichten zeitlichen Abstand zur Neuen Deutschen Welle, wo ja dann am Ende auch alles total in die Hose ging.

… und die irgendwann auch nur noch albern war.

Es hat einfach nicht mehr funktioniert, und alle waren irgendwie ratlos. Also hat man andere Sachen probiert.

Zu der Zeit kam aber auch so was wie Eurodance auf.

Au ja, da waren die Deutschen ganz groß!

Waren Sie damals auch bei irgendwelchen Techno-Veranstaltungen, vielleicht beim Mayday oder so?

Ja natürlich. Mein Buch „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ hätte ich ja nicht schreiben können, wenn ich davon nichts wüsste. Ich bin ja auch mit Charlotte Goltermann verheiratet, die mit dem Ladomat-Label eine große Figur im Indie-Techno war. Und ich kannte viele Akteure noch von früher aus Berlin, Dimitri Hegemann zum Beispiel oder Motte oder Jonzon.

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Und Westbam? Der hat früher im Odeon in Münster aufgelegt. In dem Club habe ich seinerzeit Element of Crime zum ersten Mal gesehen, das war 1989 oder 1990.

Westbam, ja. Er war einer der ersten damals. Als unsere erste Platte rauskam, 1986, die „Basically Sad“, da kam auch Westbams erste Single, „Monkey Say Monkey Do“ hieß sie, glaube ich. Beides wurde in derselben Sendung von Burkhard Rausch bei Rias 2 vorgestellt. Ja, ja…

Aber zu der Zeit waren Musikfans doch eher auf Post Punk oder New Wave oder auf irgendwas Experimentelles geeicht. War es nicht uncool, richtige Songs zu schreiben?

Das war halt das, was wir machten. Wir kamen aus diesem Avantgarde-Krach-Rock-Bereich, aber wir hatten da keinen Bock mehr drauf. Wir wollten richtige Songs machen. Ich weiß noch, dass mich die Freundin von so einem Avantgarde-Musiker fassungslos anguckte, als ich sagte: Wir machen jetzt Songs. Sie fragte: So richtig mit G-Dur und C-Dur und so? Ja klar, hab ich gesagt. Aber man darf nicht vergessen, auch im Punkrock wurden richtige Songs geschrieben, ohne Ende sogar, so ist es nicht.

Bei Punk reichen ja drei Akkorde oder zwei.

Bei uns oft auch. Wir haben viele Songs mit nur zwei Akkorden, „Mittelpunkt der Welt“, zum Beispiel. In dem Lied gibt es nur E-Dur und Fis-Moll, und das fünf Minuten lang. Das geht gut. Wir fanden überhaupt das Minimalistische immer sehr interessant.

Junge Musiker greifen meist zuerst zur Gitarre, aber Sie haben Trompete gelernt. Warum?

Ich hab auch erst Gitarre gelernt, mit zehn Jahren. Aber ich wollte gern noch Trompete spielen, also hab ich damit angefangen. Mit 15.

Das fanden Ihre Eltern bestimmt gut, oder? Hätte ja auch Schlagzeug sein können.

Meine Eltern waren erstaunt, dass ich überhaupt musikalisch war, insofern war ihnen das alles recht. Das fand ich irgendwie sehr cool.

Wie sehen Sie sich heute, sind Sie ein Rockstar? Popstar? Einfach nur ein Star?

Ich glaube, mit Element of Crime sind wir so eine Art Indie-Rockstars. Aber mehr auch nicht. Es ist eine Band, die man nicht unbedingt kennen muss.

Naja, aber Sie füllen damit die Hamburger Elbphilharmonie…

Wenn man in Deutschland lebt und kennt Die Ärzte nicht oder Die Toten Hosen oder Die Fantastischen Vier, das wäre komisch. Element of Crime kennt man nur, wenn man sich für diese Art Musik auch interessiert. Was sehr angenehm ist. Da kennt einen nicht jeder. Und es kennen einen auch nicht all die, die einen doof finden, denn die kriegen das gar nicht mit. Das ist eine sehr privilegierte Position.

Wo soll es denn noch hingehen mit Element of Crime? Die Elbphilharmonie ist ja schon High End.

Nein, das ist nicht High End. Da ist einfach nur ein Seitenweg, den man mal ganz kurz beschreitet, um das auch mal gemacht zu haben.

Und was sagen die Fans dazu, motzen sie? So ein Protzbau? Ihr Kapitalisten?

Ja, nein, ach... Ich sag es mal so: Wir machen ja Rockmusik, und Rockmusik hat eigentlich in philharmonischen Sälen nichts zu suchen.

Aber die Einstürzenden Neubauten haben dort doch auch gespielt.

Ja, aber das müssen die selber begründen. Meine Begründung ist so: Wir machen Rockmusik und haben eigentlich nichts in philharmonischen Sälen zu suchen, aber es ist interessant, das mal zu machen. In etwa so, wie wenn man ab und zu in einem Theater spielt. Aber im Grunde genommen gehören wir ins Berliner Tempodrom oder in Hamburg in die Große Freiheit oder so. Wenn es größer werden soll, spielt man halt zwei- oder dreimal hintereinander. Wo wir übrigens auch nicht hingehören sind Sporthallen. Da muss man Videowände bringen und all das. Da haben wir keinen Bock drauf. Das wäre dann so eine Art von Stadionrock- und Massenphänomen, mit dem wir nichts zu tun haben.

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Wird man als Band irgendwann zu groß, sodass es unangenehm wird? Schließlich kann man sich seine Fans nicht aussuchen.

Nein, wir könnten ja in solchen Hallen spielen. Aber das passt einfach nicht gut zu uns. Ich glaube übrigens, ich muss jetzt rüber zum Soundcheck. Brennt Ihnen noch eine Frage auf den Nägeln?

Vielleicht diese: Ihr erster Roman Herr Lehmann ist von 2001. Würden Sie ihn heute anders schreiben?

Ich finde das Buch so, wie es ist, eigentlich ganz gelungen. Aber ich habe es auch lange nicht mehr gelesen.

Ein Lied adaptiert man immer wieder…

Ja, stimmt, und Liveversionen sind sowieso noch mal anders. Beim Lesen von eigenen Büchern fallen einem vielleicht Kleinigkeiten auf, die man anders machen könnte. Aber nein, eigentlich doch nicht. Ich würde auch keine Platten neu aufnehmen wollen, weil ich meine, es jetzt besser zu können. Die bilden ab, wie man in der Zeit drauf war. Diese Dinge haben ihre Zeit, das gilt für Bücher wie für Platten. Das war übrigens das Verwirrende vieler Musiker, die in der Nazizeit ins Exil gehen mussten, zum Beispiel nach Amerika. Viele mussten neue Versionen ihrer Musikstücke machen, damit die Urheberrechte nicht verfallen. Von Strawinsky zum Beispiel gibt es ganz viele Neufassungen, damit er diese Einnahmequelle behalten konnte.

Urheberrechte, ein gutes Stichwort für die wirklich letzte Frage: Sie haben sich vor Jahren sehr dafür stark gemacht, dass die Urheberrechte bei den Künstlern bleiben und diese auch angemessen vergütet werden. Sind die Menschen heutzutage eher bereit, für Kunst zu bezahlen?

Ja, das hat mittlerweile wirklich jeder verstanden. Es war damals eine Art Kampagne der Google-Leute. Man wollte mit Musik Geschäfte machen, ohne die Musiker daran zu beteiligen. Das hat alle überrumpelt, und mich hat das genervt. Wir reden ja über Errungenschaften, die seit dem späten 18., frühen 19. Jahrhundert da sind und die man versucht hat, in breiter Front auszuhebeln. Da habe ich gesagt: Nein, ich habe keine Lust, dass wir demnächst alle quasi als Straßenmusiker unterwegs sind. Mittlerweile ist allerdings jedem klar ist, was auf dem Spiel steht.

Würden Sie heute jemandem empfehlen, Musiker zu werden?

Ach, ich würde niemandem etwas empfehlen, jeder muss das selber wissen. Aber es ist ein schönes Leben.

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