Extremlauf von Sylt zur Zugspitze Osnabrücker finisht nach 1300 Kilometern beim Deutschlandlauf

Von Peter Vorberg

Mehr als 1300 Kilometer legte Günter Liegmann beim Deutschlandlauf zurück. Im Osnabrücker Stadtteil Haste endete die 6. Etappe. Foto: Moritz FrankenbergMehr als 1300 Kilometer legte Günter Liegmann beim Deutschlandlauf zurück. Im Osnabrücker Stadtteil Haste endete die 6. Etappe. Foto: Moritz Frankenberg

pv Osnabrück. Ultraläufer sind hart im Nehmen: Mal sind es 50 Kilometer, mal 90, mal auch 160, die sie am Stück zurücklegen. Günter Liegmann finishte wie 39 Mitstreiter Anfang August den Deutschlandlauf über 19 Etappen und insgesamt 1321 Kilometer. Für den Osnabrücker wurde der Lauf an den vergangenen Tagen zu einem großen Kampf gegen den inneren Schweinehund. Die Eindrücke des Rennens sind bei ihm noch frisch – und die nächsten Herausforderungen schon in Sicht.

Donnerstag, 3. August, in den Nachmittagsstunden: Günter Liegmann kraxelt über Geröllfelder mühsam der Zugspitze entgegen. Die Achillessehne schmerzt, die blutigen Blasen an den Füßen brennen. Es sind die letzten von insgesamt 1321 Kilometern quer durch Deutschland, von Sylt bis zu den Alpen. Der Eversburger hat in diesem Moment das Ziel des Deutschlandlaufs ganz dicht vor Augen. Die letzte Etappe ist noch mal ein Hammer: 2500 Höhenmeter auf 24,3 Kilometer. Aufgeben ist für Liegmann jetzt keine Option mehr. Kurze Zeit später sitzt er mit seiner angereisten Frau Birgit völlig ausgepumpt am Restaurant „Sonnalpin“ und lässt sich die vergangenen 19 Tage mit jeweils einem Ultramarathon noch einmal durch den Kopf gehen. Die gelaufene Gesamtzeit ist 221 Stunden und 28 Minuten.

„Man hatte keine Kraft zum Jubeln“

„Ich war völlig kaputt, aber total froh, meine Frau zu sehen“, erklärt Günter Liegmann rückblickend, wie er sich in diesem Augenblick gefühlt hat. „Es war eine gewisse Leere da, man hatte keine Kraft zu jubeln. Die Freude kam erst ein paar Tage später. Das ging den anderen aber genauso. Wir wollten nach dem Ziel abends alle gemeinsam einen trinken. Das haben wir nicht mehr geschafft – Siegerehrung und dann waren alle schnell weg.“ Kein Wunder: Jeden Tag hieß es um 4 Uhr aus dem Schlafsack aufstehen, dann um 5 oder 6 Uhr Start mit anschließenden Laufzeiten von acht bis 16 Stunden. „Zwischendurch ging es neben den offiziellen Verpflegungspunkten öfters mal rechts ran an die Tanke und ein Wassereis kaufen“, berichtet Liegmann. Das ein oder andere alkoholfreie Weizenbier durfte nicht fehlen. Abends wurde gegrillt, es gab Pizza, Nudeln oder Bratkartoffeln.

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Ein Stein wird fast zum Verhängnis

Vier Tage vor dem Ende wäre für den Osnabrücker beinahe alles vorbei gewesen, als Liegmann ein Stein auf der 16. Etappe nahe Ulm fast zum Verhängnis geworden wäre. Ein Stich in die Achillessehne – Ende. „Direkt danach habe ich gedacht, das war‘s“, blickt der 62-Jährige zurück. „Da musste ich aber noch 35 Kilometer laufen. Ich habe mich schließlich irgendwie durchgekämpft und abends ein Eisbad genommen“, erzählt er. „Am nächsten Morgen konnte ich nicht auftreten. Irgendwie ist es dann doch gegangen.“ 76,4 Kilometer von Memmingen bis nach Füssen lagen da vor ihm.

„Das bin ich alles gelaufen?“

Bei Günter Liegmann sind viele schöne Landschaften in Erinnerung geblieben. „Als ich acht Stunden im Auto zurück nach Osnabrück gesessen habe, habe ich manchmal gedacht: Wie weit ist das denn? Das bin ich alles gelaufen?“ Sylt, der Hamburger Hafen, endlose Geraden in der norddeutschen Tiefebene, Osnabrück und das Klubheim der Spvg. Haste als Etappenziel, der Signal-Iduna-Park in Dortmund, die Wuppertaler Schwebebahn, der Kölner Dom, die Loreley, steile Weinberge am Rhein, das Ulmer Münster und Schloss Neuschwanstein sind nur einige Stationen und Sehenswürdigkeiten, die die Teilnehmer auf ihrem Lauf durch die Republik passierten.

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Lieber bei Hagel und Gewitter laufen als aufgeben

Einmal gab es ein Gewitter kurz vor dem Etappenende mit dickem Hagel. Autofahrer hätten angefragt, ob sie ihn nicht mitnehmen sollten. „Das kam für mich überhaupt nicht in Frage“, erzählt Liegmann. Es hätte das Ende des Laufes bedeutet. „Es war richtig, nicht so schnell zu laufen“, erklärt Liegmann seine Strategie. „Die, die das nicht gemacht haben, mussten schon früh aufgeben. Man muss sein eigenes Tempo laufen und auch den einen oder anderen mal davon ziehen lassen, mit dem man sich beim Laufen eine Weile unterhalten hat.“ Auf die Ergebnislisten habe er deshalb gar nicht geschaut. Anzukommen war sein Ziel.

„Einen Lebenstraum verwirklicht“

Mittlerweile ist ein Monat seit dem Zieleinlauf vergangen. Einen kleinen Trainingslauf von zehn Kilometern hat Günter Liegmann, der zunächst große Probleme mit den Füßen hatte, schon wieder hinter sich. Ob er noch einmal am Deutschlandlauf teilnimmt? Auf diese Frage antwortet der pensionierte Realschullehrer etwas zögerlich. „Man soll ja nie nie sagen, aber so etwas macht man nur einmal im Leben, glaube ich. Es war ein Lebenstraum, den ich mir verwirklicht habe. Was soll danach noch kommen?“

Start beim Münster-Marathon

Laufen wird Liegmann trotzdem weiterhin: Am kommenden Sonntag beim Münster-Marathon und Anfang Oktober beim Ultramarathon „Taubertal 100“. „Auf geht‘s“, kann man da nur sagen – unfassbar.