Lesung mit Ex-Werder-Profi Uli Borowka spricht über sein Leben als Alkoholiker

Meine Nachrichten

Um das Thema OS-Sport Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Über die Massenphänomene Fußball und Alkohol sprach Uli Borowka (links) mit Harald Pistorius. Foto: Elvira PartonÜber die Massenphänomene Fußball und Alkohol sprach Uli Borowka (links) mit Harald Pistorius. Foto: Elvira Parton

Bissendorf. Podiumsdiskussion zur Aktionswoche „Alkohol? Weniger ist besser!“. Klingt langweilig – nach Vortrag mit Fachchinesisch und erhobenem Zeigefinger. Doch in Kombination mit einem trockenen Alkoholiker, dem Thema Fußball und einer Prise Prominenz zog die Veranstaltung 350 Menschen an, die hören wollten, wie Uli Borowka von seinem Doppelleben als Fußballstar und Alkoholiker erzählt.

Schon beim Betreten des lichtdurchfluteten Solarlux-Forums in Bissendorf wurde deutlich: Diese Podiumsdiskussion zieht Zuhörer an. Eine ältere Dame hatte am Dienstagabend in der letzten Reihen der von Wintergärten eingefassten Halle Platz genommen, das Handy am Ohr: „Ich bin schon drin. Ich sitze hinten und halte einen Platz frei.“ Ein guter Plan – kurze Zeit später waren die 400 Stühle fast bis auf den letzten Platz besetzt, darunter viele Fußballfans und Trainer, die den Ex-Fußballprofi Uli Borowka (Borussia Mönchengladbach und Werder Bremen) sehen wollten. Außerdem viele trockene Alkoholiker.

In den folgenden zwei Stunden wechselten sich ernste Töne, humorvolle Anekdoten und Fußballromantik ab. NOZ-Sportchef Harald Pistorius eröffnete das Gespräch: „Uli Borowka spricht mit uns über die Verknüpfung von zwei Massenphänomenen – Fußball und Alkohol.“ Pistorius, der Borowkas Karriere als Spieler bei Werder Bremen in den 80ern und 90ern verfolgt hatte, sagte: „Ich habe nicht gewusst, wie der andere Uli Borowka ist.“

Seit zweieinhalb Jahren, seit dem Erscheinen seiner Biografie, tourt der Ex-Profi durch die Republik – kurz zuvor war er in einer Kirche in Hamm und im Gefängnis zu Gast. Im grauen Cord-Blazer, die Lesebrille auf der Nasenspitze, las der 53-Jährige mit leicht schnarrender Stimme aus seiner Alkoholiker-Biografie „Volle Pulle“. Als Einstieg zeichnete Borowka routiniert das Bild des abgehalfterten Fußballstars, der auf einer „vollgekotzten Matratze“ in seiner leeren Villa liegt – Kinder weg, Ehefrau weg, nur Alkohol und Halluzinationen blieben übrig. Borowka las: „Wäre es nicht besser, der ganzen Scheiße ein Ende zu setzen?“ Der Ex-Fußballer schluckte einen Tablettencocktail, starb aber nicht. „Ich bin dann 14 Stunden später aufgewacht und hatte ein schlechtes Gewissen.“

Nach dem harten Einstieg leitete Moderator Harald Pistorius zum Gespräch mit dem mittlerweile trockenen Alkoholiker über: „Ich glaube, wenn man das gehört hat, bleibt einem das Wort erst mal im Halse stecken, und man muss das erst mal verdauen.“ Uli Borowka, durch zahlreiche Lese-Auftritte vom Fußball-Profi zum Anti-Alkohol-Aktivisten gewandelt, umriss daraufhin ein Bild seines Alkoholiker-Lebens: Eine Kiste Bier, jeweils eine Flasche Wodka und Whiskey habe er täglich konsumiert. Trotzdem sei er häufig Erster beim Training gewesen. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Wenn du Leistung bringst, kannst du machen, was du willst“, so Borowkas Fazit. Warum er getrunken hat? „Ich hatte Versagensängste und konnte nicht über meine Gefühle sprechen“, erklärte der als „Eisenfuß“ bekannte Defensivspieler. Auch über das Buch hinaus gewährte er einen Einblick in den Alltag eines Alkoholikers. Ein Beispiel: Borowka organisiert für seine Freundin und sich abends Pizza. Die Freundin will bestellen, Borowka behauptet, zur Pizzeria zu fahren ginge schneller. An der Theke habe er dann in zwanzig Minuten „vier Halbe“ heruntergestürzt. „Wenn meine Freundin dann gefragt hat: ,Warum hat es so lange gedauert?‘, habe ich gesagt: Da haben sich wieder drei vorgedrängelt.“ Um die Alkohol-Fahne in der Kabine zu kaschieren, besorgte sich der Fußballer kurzerhand eine Flasche Doppelherz im Reformhaus. „Das galt ja als gesund.“

Dr. Uwe Schwichtenberg vom Ameos-Klinikum nahm als Experte ebenfalls auf dem Podium Platz und lobte Borowkas Ehrlichkeit und Deutlichkeit. „Häufig wird das Thema verklärt. Das ist bei Ihnen nicht so.“ Schwichtenberg ergänzte: Angefangen bei der Brauereiwerbung vorm Länderspiel bis zu Bierduschen nach dem Spiel sei die Verbindung zwischen Alkohol und Fußball so eng wie in keiner anderen Sportart. Der Experte rät, Betroffene anzusprechen, auch auf die Gefahr einer Abfuhr hin. Borowka bestätigt: „Die Freundschaft geht ja sowieso kaputt durch den ganzen Suff.“ Die Zuschauer beteiligten sich mit Fragen. Einer wollte wissen, warum Borowka seine Trainerlizenz zurückgegeben habe. Borowka: „Ich kann nicht mit einem Verband zusammenarbeiten, der nichts Menschliches hat.“ Er habe sich beim DFB um eine Kooperation mit seinem Verein „Uli Borowka Suchtprävention und Suchthilfe“ bemüht. Das sei an der Ablehnung des Verbandes gescheitert. „Dabei könnten sie im Jugendbereich so viel machen.“

Geholfen haben Borowka eine Therapie und seine zweite Ehefrau. Heute lebt er mit Frau und drittem Kind in Hannover. Als Aktivist hofft er, Trainer und Eltern für das Thema Sucht zu sensibilisieren, damit die zum Beispiel nach gewonnenem Spiel keinen Belohnungskasten Bier in die Kabine der Jugendlichen stellen. Abgesehen von viel Applaus und Standing Ovations erreichte Uli Borowka an diesem Abend in Bissendorf immerhin dies: Viele seiner Zuhörer standen nach der Podiumsdiskussion in Gruppen vor dem Solarlux-Forum und tauschten eigene Erfahrungen zum Thema Alkoholmissbrauch aus.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN