„Vom bezahlten Sport ferngehalten“ Zwischen Großklub und Familienatmosphäre: Der OTB-Spagat

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Osnabrück. Eigentlich ist es nur eine Frage der Dehnung und des Trainings, aber wenn er gelingt, dann sind anerkennende Blicke garantiert: Der Spagat gehört zu den anspruchsvolleren Turn-Übungen. Für den Osnabrücker Turnerbund ist er deshalb eine Pflichtübung: der Spagat zwischen Tradition und Moderne, zwischen Leistungs- und Breitensport, zwischen Großverein und familiärer Atmosphäre.

Turnen gab dem Verein den Namen. „Ganz im Sinne von Vater Jahn“ widmeten sich die ersten Mitglieder 1876 dieser Disziplin, weiß Dieter Brockfeld zu berichten, das historische Gedächtnis des Vereins. Turnen gibt es auch heute im OTB. „Seit zwei, drei Jahren ist das wieder auf dem Vormarsch“, sagt Matthias Strauß, aber der Vorsitzende räumt gleich ein: „Wir sind noch nicht so weit, dass wir Wettkämpfe bestreiten können.“ Turnen steckt zwar immer noch im Vereinsnamen und ist Verpflichtung. In einer bewegten Geschichte musste der OTB sich aber immer wieder der Herausforderung stellen, mit der Zeit zu gehen.

Boxen, Tischtennis, Handball – „es gibt nichts, was es nicht schon gegeben hat“, sagt Brockfeld. „Würd’s Handball geben, würde ich wieder Handball spielen“, wirft Nicole Hehemann spontan ein. Beim OTB hat sich ihr Fokus auf Judo und Sumoringen verschoben. Als sie 1998 zu ihrer ersten Europameisterschaft fuhr, verkörperte Hehemann die gesamte Sumoabteilung. Inzwischen kommen 14- und 15-jährige Jugendliche einmal wöchentlich zum Training. Der Nachwuchs ist gesichert. Der Zusammenhalt im Verein übrigens auch, darauf legt Hehemann Wert. „Wir machen Krafttraining gemeinsam mit den Leichtathleten“, erzählt Hehemann.

Wenn es um Leichtathletik geht, schwebt Jan Fitschen über allem. Die Abteilung auf ihn zu reduzieren würde der Gegenwart nicht gerecht. Jana Palmowski, Alina Koop und Marius Hüpel sind nur drei von vielen Athleten, die Trainer wie Friedhelm Peselmann und André Wollherr zu Rekorden anspornen. „Die Leichtathleten sind ein Markenzeichen für den OTB“, sagt Reinhold Tegeder. Das hat seinen Ursprung in den 60er-Jahren. Als die Schlosswallhalle gebaut wurde, musste der OTB umziehen. Die alte Heimat an der Heinrichstraße ist Geschichte. Die Stadt überließ dem Verein in Erbpacht die Fläche an der Illoshöhe – und damit beste Trainingsbedingungen für Leichtathleten.

Zurück zum Zusammenhalt: Der ist hochgelobt, aber auch leicht zerbrechlich. Nicole Hehemann kennt den Vergleich zu Vereinen auf dem Land: „Wenn ich auf dem Land Helfer brauche, ist das kein Problem. In der Stadt kommen die Leute, machen ihren Sport und gehen wieder nach Hause.“ Die Kinderwelt ist dafür das beste Beispiel: Mehr als 600 Kinder gehören der Abteilung zurzeit an, aber die Fluktuation ist hoch. Passt bei einem anderen Verein die Trainingszeit besser, sind Mitglieder schnell wechselwillig. Der OTB beschwert sich nicht darüber, betont aber lieber den Zuwachs. „Wir sind da ganz rege, die Jugend an den Sport heranzubringen, ganz ohne Wettkampfidee“, sagt Geschäftsführerin Kirstin Gnoth über die Kinderwelt, in der von Montag bis Samstag Leben herrscht. „Die Nachfrage und der Zulauf sind groß.“ Die Angebote reichen vom Eltern-Kind-Turnen über Krabbelgruppen bis Schwangeren-Pilates. Um für die Mitglieder attraktiv zu bleiben, wird gerade das Athleticum gebaut mit Fitnessstudio und Kursräumen – alles behindertengerecht: Der OTB hat sich der Inklusion verschrieben, was jüngst vom Landessportbund prämiert wurde.

Verdient haben sich auch andere gemacht: Die Orientierungsläufer beispielsweise, „die kleinste Leistungssportabteilung mit weniger als zehn Mitgliedern“, berichtet Abteilungsleiter Brockfeld stolz. Immerhin stehen in den vergangenen knapp 30 Jahren 33 Deutsche Meistertitel und 174 Landesmeistertitel zu Buche.

Auch di e Basketballer sorgen für Bekanntheit : Die Jugendarbeit boomt, die Männer und Frauen spielen hochklassig, „aber der nächste Schritt wäre gewaltig“, erklärt Matthias Strauß. Bislang hat sich der Verein „immer vom bezahlten Sport ferngehalten“, sagt er. „Der Schritt in die Professionalität kostet Geld“, pflichtet ihm Tegeder bei, aber das ist keine Option: Der OTB sieht sich bei allen ambitionierten Ansätzen noch immer als Breitensportverein. „Jede Leistung ist für sich zu würdigen“, lehnt Tegeder ein Aufrechnen von Erfolgen ab. Denn dabei würden Gruppen wie die Gesundheitssportler übersehen, die keine sportlichen Wettkämpfe bestreiten, aber seit 20 Jahren zum Verein gehören. Nicht zu vergessen: Die Dienstagsgruppe, die seit 51 Jahren „gefühlt eine eigene Abteilung“ beim OTB ist, sich sportlich fit hält und viel Energie in ehrenamtliche Aufgaben steckt – sei es bei handwerklichen Einsätzen oder der Organisation des Silvesterlaufs.

In einer Hinsicht hat der OTB den Schritt in die bezahlte Professionalisierung gewagt. Seit 1996 gibt es eine hauptamtliche Geschäftsführung. „Es war eine sehr schwierige Entscheidung, aber sie hat sich bezahlt gemacht“, sagt Reinhold Tegeder. Seit September 2011 führt Kirstin Gnoth den OTB. „Sie hat den Laden im Griff“, sagt Dieter Brockfeld über die frühere niederländische Studentenmeisterin im Speerwurf. „Wenn man die Arbeit im Vorstand vernünftig machen will und sich sowieso schon um vieles kümmern muss, ist man froh, wenn nicht auch noch das Tagesgeschäft ehrenamtlich geführt werden muss“, stimmt Vorsitzender Strauß zu. Angesichts der Vereinsgröße und der Immobilien, die verwaltet und erhalten werden müssen, sei eine professionelle Führung unumgänglich. Mit dem Ehrenamt ist es eh so eine Sache. „Der Vorstand war noch nie so jung“, hebt Strauß hervor, aber Brockfeld wendet ein: „Der Vorstand war auch noch nie so klein.“

Dabei arbeitet der Verein an seiner Zukunft: Im Trendsport Parkour gibt es schon drei Gruppen, „und wir müssen schon Interessenten ablehnen“, bedauert Gnoth. Dafür ist noch Platz bei den Fußballern. „Da sind wir immer ein Außenseiter gewesen“, sagt Strauß. Inzwischen gibt es Mannschaften von den Bambinis bis zur C-Jugend. „Damit wollen wir nicht aufhören, sondern den Jugendlichen eine Perspektive bieten“, sagt er. Der Verein liebäugelt mit dem Ausbau der Abteilung, den Stefan Wessels als neuer Abteilungsleiter ab dem Sommer intensivieren soll. Es gibt eben kaum einen Spagat, den der OTB scheut. Schließlich gilt es, eine altehrwürdige Vereinsgeschichte fortzuschreiben, die ihre Lücken hat. Bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg brannte die alte Vereinshalle am Schnatgang aus, „und mit ihr das gesamte Archiv“, sagt Dieter Brockfeld. „Keiner der Osnabrücker Vereine weiß so wenig über seine Geschichte wie wir.“ Brockfeld nimmt das erstaunlich gelassen. „Pech gehabt, aber nach dem Krieg wird’s besser.“ Für den Chronisten bietet der Verein seitdem ausreichend Stoff. Der ein oder andere Spagat ist darunter, aber für einen Turnerbund sollte das kein Problem sein.


Osnabrücker TB

Sportzentrum an der Oberen Martinistraße 50, 6 Sporthallen (eine mit Tribüne), Fitnessstudio („Athleticum“ – voraussichtlich ab April), Wellnessanlage und Bistro. – Kontakt: Tel. 0541/45441, Fax 0541/59458, E-Mail: info@otb.de.

Präsidium und Co.

Vorsitzender Matthias Strauß (43, Rechtsanwalt, Foto); Stellvertreter, Finanzen: Kilian Lescow (48, Dipl.-Kaufmann); Sport: Nicole Hehemann (39, techn. Systemplanerin); Presse: Nicole Niemeier (35, Geografin). – Abteilungsleiter: Petra Bartram-Burde (Kinderwelt), Wolfgang Riesinger (Fußball), Tim Strangmann (Volleyball), Heinz Reisige (Judo), Nicole Hehemann (Sumo), Dieter Brockfeld (Orientierungslauf), Wolfgang Schnieder (Leichtathletik), Thomas Messerschmidt (Karate), Anna Wahlen (Basketball), Birthe Klumpe (Lateintanzen), Manfred Hörnke (Badminton), Jana Lehnfeld (Group-Fitness).

Mitarbeiter

Der Verein beschäftigt außer Geschäftsführerin Kirstin Gnoth mit Petra Bartram-Burde und Swetlana Margackij zwei Sportlehrerinnen in Vollzeit, mit Roland Senger einen sportfachlich-angestellten Mitarbeiter, mit Anita Aßmann eine Mitarbeiterin in der Verwaltung und die FSJler Johanna Pilatus, Lukas Hohnsträter, Johannes Hartmann und Phil M. Nawracala. Im technischen Bereich sind Abbas Forsati und Alberto Fandino angestellt. Daneben arbeiten ca. 125 Mitglieder ehrenamtlich.

Historie

1876: Vereinsgründung.

1920: Gründung einer Spiel- und Sportabteilung.

1962: Einweihung der neuen Sportstätte an der Oberen Martinistraße.

1974: Einweihung des 3. Bauabschnitts mit Kindergarten und Schwimmhalle (bis 1988).

1980: 1. Silvesterlauf.

2006: Bau einer neuen Sporthalle („Halle 13“).

2011: Die Kinderwelt wird inklusiv.

2015: Anbau (Fitnessstudio und erweitertes Fitnessangebot).

Frühere Präsidenten

1876–1947: Friedrich Gerisch, Wilhelm Thörner, Friedrich Gerisch, Ernst Sommer, Heinrich Goesmann, Hermann Goeder, Fritz Goesmann, Christian Rommel, Conrad Lehker, August Timmer, Hans Hinrichs, Lisbeth Hinrichs. – Nach 1947: Albert Lienhard (1947–1949), Dr. Jochen Benecke (1949–1959), Heinz Helmich (1959– 1969), Veronika Hohenspein (1969–1978), Reinhold Dirks (1978–1979), Günter Kochbeck (1979– 1981), Reinhold Dirks (1981–1982), Hans-Adolf Welp (1982–1987), Friedhelm Hütker (1987–1990), Wolfgang Fisse (1990–1996), Jürgen Knocke (1996– 2004), Prof. Dimitris Maretis (2004–2008), Gunnar Kraus (2008–2012).

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