„Fangen ist da nicht mehr“ Rasenkraftsport: Sechs Deutsche Meistertitel für TSG Dissen

Von Benjamin Kraus


Dissen. Es ist Zeit, mit Vorurteilen aufzuräumen: Menschen, die Steine stoßen oder Gewichte werfen und von sich schleudern, sind keine unförmigen Kraftprotze, sie bestechen vielmehr durch Ästhetik in der Ausübung ihrer Sportart. Und deutsche Nachwuchsmeisterschaften im Rasenkraftsport finden nicht zwingend auf Rasen statt. Vor allem dann nicht, wenn man moderne Wurfanlagen bieten kann wie die TSG Dissen am vergangenen Wochenende.

„Wir sind als Ausrichter superzufrieden: Viele Zuschauer waren da, darunter auch neue Gesichter. Unsere Athleten haben gut abgeschnitten – und einen deutschen Rekord gab es auch zu feiern“, zieht Stephanie Bewarder ein positives Fazit. Die 40-jährige Mitorganisatorin der Meisterschaften ist Nachwuchsbundestrainerin im Steinstoßen: eine der drei Disziplinen im Rasenkraftsport neben dem Gewichtwerfen und dem aus der klassischen Leichtathletik bekannten Hammerwurf.

Diesen konnten die Fans in Dissen so hautnah wie sonst nur selten erleben: Wer unmittelbar neben dem Wurfkäfig stand, sah Anspannung wie Konzentration direkt in den Augen der Athletinnen und Athleten. Ihr Blick scheint in die Ferne zu schweifen, ist aber nach innen gekehrt, die Sinne sind auf perfekte Rotation und Koordination gerichtet. In dem Moment, wo der je nach Geschlecht und Alter drei bis 7,26 Kilogramm schwere Hammer die Wurfhand verlässt, spürt man die Energie dieses Sports, die sich dann entlädt: krachend, wenn der Wurf den Sektor verfehlt und der Hammer in den Käfig oder in die angrenzende Umzäunung der Tennisplätze rauscht.

Oder in einem schönen und im Idealfall weiten Flug, den auch Kampfrichter und Weitenmesser im Auge behalten müssen – denn „Fangen ist da nicht mehr“, wie Bewarder augenzwinkernd sagt angesichts der waltenden Kräfte. Wie bei der 17-jährigen Michelle Döpke, die mit 64,54 Metern den deutschen Rekord nur um 20 Zentimeter verfehlte. Dafür stellte die Athletin vom Leichlinger TV (Rheinland) mit 27,15 Metern im Gewichtwurf der weiblichen A-Jugend – Gewichtsklasse unter 68 Kilogramm – eine neue bundesweite Bestmarke auf, die zuvor Kirsten Münchow (Olympiadritte in Sydney im Hammerwurf) gehalten hatte.

Erfolgreichster Athlet der TSG Dissen war Alexander Priem: Im Stoßen des 15 Kilo schweren Steines (7,48 Meter), im Gewichtwerfen (4,12 Meter) und im Dreikampf aus allen Disziplinen dominierte er die Konkurrenz – und das, obwohl er grippegeschwächt an den Start gehen musste. Was sich beim Hammerwerfen (29,45 Meter) bemerkbar machte, wo er zehn Meter unter seiner persönlichen Bestmarke blieb. Profitiert hatte Priem davon, dass in Jens Böttinger (Ludwigsburg) der größte erwartete Konkurrent das geforderte Maximalgewicht von 68 Kilogramm beim Wiegen am Morgen überschritten hatte.

Denn beim Rasenkraftsport treten die Athleten der Altersklassen auch in unterschiedlichen Gewichtsklassen gegeneinander an. So gewann Dissens Marco de Cuzzi bei den Schülern A unter 52 Kilogramm die Konkurrenz im Steinstoßen (6,84 Meter), zwei weitere Titel für die TSG holte Luisa Flottmann im Steinstoßen der weiblichen Jugend A und B (9,31 Meter, 9,46 Meter).

Dass die Meisterschaften insgesamt den Charme eines gemütlichen Sommergrillabends ausstrahlten, lag nicht nur am exzellenten Wetter. Sondern auch an Fans, Sportlern und Trainern, die in Grüppchen auf mitgebrachten Campingstühlen neben der Anlage zusammensaßen, die Würfe verfolgten und den neuen Kunstrasenplatz zwischen den Wurfanlagen als Liege- und Ausruhfläche nutzten. „Wir Rasenkraftsportler sind schon eine spezielle kleine Familie“, sagte Bewarder.