Julia Brinkmann trainiert Herren-Fußballer „Unser Boss ist eine Frau“

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Wallenhorst. Rauchen auf der Auswechselbank? „Für mich als Trainerin kostet das nichts, das ist zur Beruhigung der Nerven. Aber ein Spieler zahlt natürlich in die Mannschaftskasse, wenn er im Trikot raucht“, sagt Julia Brinkmann. Die Trainerin hat bei den Fußballern der Eintracht Neuenkirchen IV in der 3. Kreisklasse Nord B die Hosen an – auf den vor einiger Zeit gedruckten Team-T-Shirts steht der Spruch: „Unser Boss ist eine Frau.“

Es sind in der Tat klare Kommandos, die die 33-Jährige im Spielerkreis direkt vor dem Anstoß zum Spitzenspiel bei SF Lechtingen III an ihre Mannschaft richtet. „Auf die 10 aufpassen. Kein Gemecker gegen den Schiedsrichter!“ Brinkmann ist nicht der Typ Frau, dem man sofort widerspricht: Sie kann resolut sein, Tattoos auf der gebräunten Haut verleihen ihr genauso eine Aura des Respekts wie ihr Blick aus großen blauen Augen. Sie kann aber auch anders – und zwar die Waffen einer Frau ins Feld führen.

„Ich begrüße den Schiedsrichter vor jeder Partie schon selbst. Viele sind begeistert, dass ich als Frau das mache – was dann manchmal gut für uns ist im Spiel. Sozusagen ein weiblicher Vorteil“, lacht Brinkmann. In der 10. Minute in Lechtingen deutet sich dieser an, als ihr Spieler Viktor Scherle bei einem Wechsel zweimal zu früh das Feld betritt – und der erfahrene Referee die Bank zwar mit einer 180 Dezibel lauten Ansage zusammenstaucht („Sie hatten noch keine Genehmigung!“), aber auf die regeltechnisch eigentlich zwingende Gelbe Karte gegen den Spieler verzichtet.

Da hatte sich ein taktischer Kniff von Brinkmann bereits bezahlt gemacht: Und zwar den nun ausgewechselten, nicht unbedingt flinken, aber körperlich richtig guten Ersatztorhüter Arthur Groo in den Sturm zu stellen. Prompt hatte der die Lücke freigepresst für Pascal Mertens, der nur zu gerne seine Trainerin mit dem Führungstor nach sechs Minuten beeindruckte.

Brinkmann („Schieß, Pass, schieß“) hatte die Aktion begleitet, nun sprang sie auf („Jaaa“) und feierte das Tor mit ihren Männern. Dass sie emotional voll dabei ist, sieht man auch danach, als sie oft die Hände vor das Gesicht schlägt. „MP, ihr müsst ein bisschen weiter hinten raus“, ruft sie mit sich überschlagender Stimme ihrem verlängerten Arm Matze Philipp auf dem Platz zu – wobei der angesichts des hohen Drucks der Lechtinger eher ratlos die Arme hebt. Dass die für die 3. Kreisklasse sehenswerte Partie etwa 10 Kippen und eine Energy-Drink-Dose später für Brinkmann 3:1 verloren geht, regt die Trainerin dann aber nicht sonderlich auf.

„Bei uns kicken Studenten, Polizisten, Bauern und Russen. Uns ist es viel wichtiger, dass wir uns gut verstehen und hinterher eine Kiste Bier zusammen trinken“, bringt sie den Charme des Amateurfußballs, der in ihrem Team auf sympathische Art und Weise gelebt wird, auf den Punkt. In den Trainerjob ist Brinkmann eher zufällig gerutscht: „Mein Ex-Mann hat hier gespielt, sodass ich immer dabei war. Als dann der Coach aufgehört hat, habe ich gesagt: Ich mach das wohl“, erklärt sie. Ein wenig stolz sei sie schon, dass sie auch im Verein Anerkennung genieße. Wer mit ihr auf dem Platz ist, kann das nachvollziehen: Sie zeigt die nötige Lockerheit und das Improvisationstalent, wenn sie die Aufstellung auf einen kleinen Block malt und ihren Spielern zeigt. „Dazu hat sie richtig Ahnung vom Fußball“, sagt Kapitän Philipp. Und dass sie eine Frau sei, sei für das Team kein Thema, ergänzt Mitspieler Felix Kenning: „Wir sind ja schon alt genug.“


Einwurf aus der Sportredaktion:

Ein Küsschen für die Spielerfrau beim Fußball – ein seltenes Ereignis während einer laufenden Partie. Vor allem, wenn der Kuss von einem gegnerischen Spieler kommt.

Gesehen bei der Partie SF Lechtingen III gegen Eintracht Neuenkirchen IV, als Lechtingens Dominik Wilkinson nach einem Zweikampf das Gleichgewicht verlor und in die Auswechselbank der Neuenkirchener krachte: nicht absichtlich zwar, aber doch heftig und direkt auf Annika, dort sitzende Spielerfrau von Eintracht-Kapitän Matze Philipp. Bevor es allerdings wegen dieser „billigen plumpen Anmache“ (Zitat aus Kreisen der Neuenkirchener Abordnung) zur unvermeidlichen Rudelbildung kommen konnte, nahm Wilkinson den Gästen den Wind aus den Segeln: und zwar überaus selbstbewusst, indem der verschwitzte Kicker einfach zu Annika ging und Ihr einen langen Kuss auf die Stirn drückte. Da war die ansonsten absolut lebhafte Gästebank sowie Annika selbst erst einmal baff – bis der erfahrene Jörg Melcher die Situation rettete. „Ich werde gleich auf dieser Seite eingewechselt, muss sicher viele Zweikämpfe führen“, heckte der Neuenkirchener Kicker seinen perfiden Racheplan an den Gastgebern aus, den er folgendermaßen präzisierte: „Ich schaue mir jetzt erstmal ganz genau an, welche Spielerfrauen dort auf der Bank sitzen...“

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