Interview mit DM-Dritten Dammermann: Gemischte Gefühlslage nach Verzicht auf EM-Einzelstart

Von Christian Detloff

Drittschnellster Deutscher über 400 Meter: Fabian Dammermann (vorne), hier umrahmt von seinen Vereinskameraden Adrian Düring (links) und Nils Huhtakangas. Foto: Dirk GantenbergDrittschnellster Deutscher über 400 Meter: Fabian Dammermann (vorne), hier umrahmt von seinen Vereinskameraden Adrian Düring (links) und Nils Huhtakangas. Foto: Dirk Gantenberg

Osnabrück. Bei der deutschen Meisterschaft der Leichtathleten in Nürnberg steigerte Fabian Dammermann seine Bestzeit von 46,70 auf 45,94 Sekunden und löste das Ticket zu den Europameisterschaften in Berlin. Im Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung erklärt der 20-Jährige sein Erfolgsrezept und äußert sich zu den Zielen bei der EM sowie zu seiner Gefühlslage nach dem Verzicht auf einen Einzelstart zugunsten der deutschen Staffel.

Herr Dammermann, können Sie nach Ihrer famosen Steigerung auf 45,94 Sekunden mit Bronze bei der DM über 400 Meter mittlerweile fassen, was in Nürnberg passiert ist?

Ich bin immer noch dabei, es zu realisieren. Ich hatte mit einer tieferen 46er-Zeit kalkuliert. Der einzige, der noch mehr im Hinterkopf hatte, war mein Trainer Anton Siemer. Als er in den letzten Wochen wiederholt sagte, dass ich mir im Kopf keine Grenzen setzen solle, habe ich es noch belächelt.

Ihre zweite Bestzeit, drei DM-Medaillen, eine weitere beim Weltcup in London und nun die EM-Teilnahme: Haben Sie in der bisherigen Saison alle Möglichkeiten ausgereizt?

Ich hatte bislang nach meinen Läufen eigentlich immer etwas zu hadern. Nach dem Finale in Nürnberg hatte ich erstmals das Gefühl: Jetzt noch etwas zu bemäkeln, wäre Unsinn. Ich habe alles, was ein Leistungssportler in seiner Karriere unbedingt erreichen will, in den letzten Wochen umsetzen können. Es war bis hierhin eine optimale Saison. Was nicht heißt, dass dies jetzt das Optimum für alle Zeiten war und ist. In der U20 und U23 hatte ich die EM-Einzelnorm verpasst. Jetzt bin ich der beste deutsche U-23-Langsprinter. Die Einzelnorm für die Männer-EM stufe ich noch höher ein.

Auf Wunsch des Bundestrainers verzichten Sie bei der EM zugunsten der Staffel auf den Einzelstart. Wie schwer ist Ihnen dies gefallen?

Die Gefühlslage ist gemischt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es eine einmalige Chance auf einen Einzelstart für Deutschland bei einer Heim-EM oder -WM war. Sich damit auseinanderzusetzen, ist nicht besonders angenehm. Als ich von anderen Athleten zum Einzelstart beglückwünscht wurde und ich ihnen erklärte, dass es anders kommt, kamen Zweifel auf, ob das alles toll und richtig ist. Wenn ich mich mit allen deutschen EM-Teilnehmern ab dem 30. Juli in Kienbaum auf die EM vorbereite und es dann direkt nach Berlin geht, wird es mich aber nicht mehr beeinflussen. Dann werde ich alles für das Staffelteam investieren.

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Sie haben Ihre Bestzeit in einem Jahr von 47,25 auf 45,94 gesteigert. Wie lautet Ihr Erfolgsrezept?

Ich hatte bereits vor zwei Jahren einen ähnlich großen Sprung. Der fiel aber leichter, weil ich damals erstmals professionell trainiert hatte. Den Sprung jetzt schätze ich viel höher ein. Er hat vielschichtige Gründe. Viel hat damit zu tun, wie Anton unsere starke Trainingsgruppe führt. Unsere Verbesserungen entsprechen seinen Plänen und Trainingsinhalten. Der Trainer hat uns mit seiner lieben Strenge und einem kontinuierlich höheren Trainingsniveau auf ein höheres Level gehoben. Er arbeitet mit uns auch an den mentalen Schwächen. Mittlerweile habe ich vor einem Rennen keinen Zweifel mehr, dass ich grundsätzlich in der Lage bin, mein Potenzial auszuschöpfen. Zudem haben wir längst ein optimales Netzwerk mit dem Sportarzt Stefan Schilling und den Physiotherapeuten. Jetzt nutze ich regenerative Maßnahmen zielgerichteter und bemühe mich bei ersten Anzeichen einer Erkältung oder Verletzung unverzüglich um Hilfe. So habe ich es diese Saison geschafft annähernd 100 Prozent meines Leistungsvermögens auf die Bahn zu bringen.

Welche Steigerungen peilen Sie noch an?

Ich habe noch nicht den Eindruck, an meinem Zenit angekommen zu sein. Das ein oder andere Zehntel sitzt bestimmt noch drin. Ich hoffe, das Optimum noch zu erfahren. Ich setze mir da bestimmt keine Grenzen.

Was sitzt mit der deutschen Staffel in Berlin drin?

Wir haben ein schlagkräftiges Team und müssen uns vor der Konkurrenz nicht verstecken. Wir haben das Potenzial fürs Finale. Wir wollen eine Zeit schaffen, die es ermöglicht, als eine von 16 Staffeln an der WM 2019 teilzunehmen – zwischen 3:01 und 3:02 Minuten, denke ich. Ziehen wir ins Finale ein, sollte mit der heimischen Kulisse im Rücken die Top fünf das Ziel sein.

Werden Sie Ihr Niveau bis dahin halten?

Das haben mein Trainer und ich in der Vergangenheit vor meinen EM- und WM-Einsätzen immer geschafft. Jetzt steht erst mal Regeneration an. Ich freue mich schon auf das Finetuning in Kienbaum. Teil des knapp 100-köpfigen Kaders zu sein, der sich zusammen auf die EM vorbereitet, ist unglaublich schön.


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