Die Perfektion der Unzulänglichkeiten Benni Kuhlhoff erklärt die Liebe zum Amateurfußball

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Erklären das „Eckengesicht“ nach einem Foul aus Nahdistanz: Ilja Behnisch (links) und Benni Kuhlhoff Foto: HehmannErklären das „Eckengesicht“ nach einem Foul aus Nahdistanz: Ilja Behnisch (links) und Benni Kuhlhoff Foto: Hehmann

Osnabrück. Sie bezeichnen das Motto der DFB-Kampagne „Unsere Amateure: Echte Profis“ als Schwachsinn. Aber daraus zu schließen, dass sie den Fußball nie geliebt haben, wäre der totale Trugschluss. Benjamin Kuhlhoff und Ilja Behnisch haben in Osnabrück erklärt, warum die Kreisliga ihre wahre Liebe ist.

„Profis streben nach Perfektion. Unser Fußball lebt von platten Spielbällen und müffelnden Leibchen. Hier unten zwischen Luftlöchern und Torschüssen ins Seitenaus wird der Fußball per Pressschlag am Leben gehalten.“ Das rezitiert Kuhlhoff, Jahrgang 1981, aufgewachsen in Glandorf, am Ende der Lesung aus seinem mit Behnisch verfassten Buch „Alles Amateure“, das neu auf dem Markt ist. Im Grand Hotel, der urigen Eckkneipe am Wall, riecht es zu diesem Zeitpunkt klar nach Sportlerheim – angesichts des in Wolken sichtbaren Zigarettenrauchs und einiger verschütteter Biergläser. Auch deshalb wissen die etwa 60 Zuhörer genau, was der frühere Fußballer des SC Glandorf und des SV Bad Rothenfelde meint. Es ist Heimspiel für den ehemaligen 11Freunde-Redakteur, der vor einiger Zeit 250000 Euro bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär“ gewann und nun für die Plattform „onefootball“ in Berlin arbeitet.

Die Partie war verhalten gestartet: In der ersten Halbzeit groovten sich Kuhlhoff und Behnisch noch ein als Rampensäue auf der Bühne. Mit zunehmender Spieldauer kam aber vor allem der Lokalmatador in Fahrt angesichts seiner mit Inbrunst vorgetragenen, austauschbaren Trainersprüche, die jeder vom Spielfeldrand kennt. „Verschieben“ in Richtung der eigenen Fußballer. „Immer der Vierer!“, in Richtung des Referees, wenn der gegnerische Verteidiger nach dem ersten bis achten Foul die Gelbe Karte sehen sollte. Und natürlich der Klassiker zum eigenen Verteidiger: „Wenn der aufs Klo geht, gehst du hinterher!“ Was eigentlich heißen soll, wie Behnisch spöttisch ergänzt: Wir wissen alle, der Gegenspieler ist schneller, technisch besser und wendiger, aber ich habe keinen anderen, der gegen ihn spielen kann.

Die Doppelpässe zwischen den beiden klappen, die kuriosen Video-Einspieler aus der Kreisklasse nahmen das Publikum natürlich besser mit als der „Videobeweis“ die Fans im Stadion. Und auch die Lese-Passagen machen bald richtig Lust auf die Lektüre des Buches, das die letzten Spieltage eines Kreisliga-Klubs im Abstiegskampf aus verschiedenen Perspektiven begleitet.

Wie der des Ersatztorwartes, der sieben am Spielfeldrand gröhlende TSV-Ultras als „Spätpubertierende, die zu früh das Biertrinken gelernt haben“ bezeichnet und sich über die Gesten des eigenen Eckenschützen vor der Ausführung amüsiert („Vier Finger – als ob wir vier Varianten einstudiert hätten. Dabei haben seine Ecken eine größere Streuung als ein Rollsplitfahrzeug im Winterdienst.“) Oder der Perspektive des Platzwartes, der weiß, dass früher alles besser war, aber auch in zehn Jahren die Ereignisse rund um die aktuelle Elf verklären wird. Und die Sicht des Ex-Profis als Coach, der erkennt: „Eines habe ich auf diesem Niveau gelernt. Das Einzige, was ich als Trainer nicht beeinflussen kann, sind die Spieler.“

Hier kann jeder mitmachen. Groß, klein, blind oder dumm. Keine Idee am Ball ist zu dumm, kein Spruch zu peinlich, keine Beschimpfung zu weit unter der Gürtellinie. Es ist die Perfektion der Unzulänglichkeiten. So erklären Behnisch und Kuhlhoff im Buch, warum sie die Kreisliga lieben. Wer die aktuellen Entwicklungen in den Topligen Europas betrachtet, ist versucht, im Sinne von Sepp Herberger zu ergänzen: Man weiß auch nicht, was passiert und wie es ausgeht. Deshalb gehen wir immer wieder hin. Aus Liebe zum Amateurfußball.

Alles Amateure. Warum die Kreisliga unsere wahre Liebe ist. Benjamin Kuhlhoff & Ilja Behnisch, Piper, 10 Euro


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