„Schwimmen ist schön kräftezehrend“ Bissendorferin Riekje Heuter lebt ihren Traum von den Paralympics

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Osnabrück. Bei der Fahrt zur Gala nach Hannover hatte Riekje Heuter angesichts von sechs Kandidaten auf den Titel „Niedersachsens Behindertensportler des Jahres“ diesen Triumph nicht erwartet. Als sie als Siegerin auf die Bühne gebeten wurde, war sie „ziemlich überrascht“ – und die Freude riesig. Denn die 16-Jährige ist erst seit drei Jahren Leistungssportlerin.

„Es war schon ein heftiges Gefühl, auf der Bühne zu stehen“, gesteht die 16-jährige Erfolgs-Schwimmerin der SG Osnabrück. „Immerhin waren 280 Gäste im GOP-Varieté. Da war es ganz gut, dass mir das Licht doch sehr ins Gesicht schien“, sagt sie lächelnd und steht zu ihrer Nervosität in diesem besonderen Augenblick.

Mit Videos und kurzen Interviews waren die Kandidaten zuvor vorgestellt worden. Als André Breitenreiter, Cheftrainer des Fußball-Bundesligisten Hannover 96, die Gewinnerin verkündete, begann dieser zunächst mit vagen Umschreibungen. Erst beim Satz „Sie fühlt sich im Wasser wohl“ war sich Riekje Heuter „ziemlich sicher“, dass die Wahl auf sie gefallen ist. Beim Onlinevoting mit rund 15.000 abgegebenen Stimmen hatte mehr als jeder Vierte für die gebürtige Ulmerin gestimmt, die mit ihren Eltern 2013 nach Bissendorf gezogen ist. „Das kam unerwartet. Ich war eine der jüngsten Kandidaten – und bin ja erst seit rund drei Jahren Leistungssportlerin“, sagt Riekje Heuter, die bereits überrascht gewesen war, als sie in der Unterrichtspause in der Ursulaschule per Handy von der BSN-Nominierung erfahren hatte.

Riekje Heuter hat sich auch in Ballett versucht

Von klein auf ist Schwimmen der Lieblingssport von Riekje Heuter, die sich auch in anderen Sportarten wie Ballett und Hip-Hop-Tanz versuchte: „Man hat beim Schwimmen so gut wie keine Einschränkungen. Und es ist schön kräftezehrend“, sagt Riekje Heuter, der seit der Geburt der linke Unterarm fehlt. Mit einer elektrisch unterstützten Prothese ist sie in der Lage, auch mit dem linken Arm acht Handbewegungen wie das Ballen der Faust und den „Computermaus-Griff“ auszuführen.

In Osnabrück entschloss sie sich 2014, in einen Schwimmverein einzutreten. Die heute 16-Jährige wechselte in der SG Osnabrück bald in die Wettkampfgruppe. Seit zwei Jahren gehört sie zur Leistungsgruppe. Da hatte sie bereits die ersten 13 großen Medaillen bei den deutschen Kurzbahn- und Langbahn-Meisterschaften 2015 gesammelt, darunter drei goldene. Auch 2016 und 2017 verliefen erfolgreich. Über 200 Meter Brust holte sie im Vorjahr sogar bei den Erwachsenen die Silbermedaille. Mittlerweile hält Riekje Heuter die deutschen Rekorde über 50 Meter Brust in der Startklasse S9 auf der Kurz- und Langbahn.

„Riekje war von Beginn an äußerst ehrgeizig. Manchmal muss man sie bremsen“, sagt SGO-Trainerin Mareile Strauß über ihre „meganormale Athletin.“ Durchschnittlich achtmal die Woche ist Riekje Heuter, die beeindruckend offen und locker mit ihrer Behinderung umgeht, im Nettebad oder im Kraftraum anzutreffen. Dazu kommt Physiotherapie, um körperlichen Dysbalancen vorzubeugen. Ihr zweitliebstes Hobby ist das Singen. „Ein schöner Ausgleich, der mir atemtechnisch auch beim Sport hilft“, sagt Riekje Heuter. Trotzdem entschied sie sich 2016, aus dem Domchor auszuscheiden. „Ich musste mich zeitlich zwischen Leistungsschwimmen und Domchor entscheiden. Beides geht nicht, denn das Abitur 2019 hat die höchste Priorität.“

Deshalb hält sie auch ihren Traum, 2020 bei den Paralympics in Tokio zu starten, für schwerer umsetzbar als einen Start 2024 in Paris. 2016 hatte sie die Spiele in Rio als Teilnehmerin an einem paralympischen Jugendlager hautnah erlebt. Bei der Eröffnungs- und Abschlussfeier war sie ebenso im Publikum wie bei Wettkämpfen. „Das war sehr cool und motivierend – alleine die Eröffnungsfeier…“, sagt Riekje Heuter. Eine der Fackelläuferinnen im Stadion empfand sie als besonders vorbildlich: „Sie stürzte, berappelte sich und lief vor vielen Zuschauern einfach weiter, als sei nichts gewesen. Das hat mich schwer beeindruckt.“


Gelegenheit für Kinder und Jugendliche mit Behinderung

Die SG Osnabrück ist ein Partnerverein des Behinderten-Sportverbandes Niedersachsen (BSN). Am Samstag, 5. Mai, bietet die Schwimmgemeinschaft von 10.30 Uhr bis 12 Uhr im Nettebad ein Schnupperschwimmen für Kids und Jugendliche mit Behinderung an. Der Verband, der Club und seine behinderte Spitzenschwimmerin Riekje Heuter wollen mittel- bis langfristig eine Schwimmgruppe für unterschiedlich gehandicapte Heranwachsende aufbauen. Ansprechpartnerin ist Karin Heuter, die per Mail (heuter.pvl@icloud.com) sowie telefonisch (0170/83 96658) erreichbar ist. „Bei meinen Kader-Lehrgängen ist es echt cool, mit anderen Behinderten zu schwimmen und sich auszutauschen. Das Training ist individuell auf die eigene Behinderung zugeschnitten, und alle Teilnehmer haben ähnliche Probleme – zum Beispiel wenn es darum geht, den Führerschein zu machen“, sagt Riekje Heuter.

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