Alles im Griff – auch ohne Hände Selbstbewusst: Die Bohmter Übungsleiterin Birgit Wulf

Von Luis Rewwer

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Hindernisse gibt es keine: Birgit Wulf leitet die Kurse auch ohne Arme. Foto: Philipp HülsmannHindernisse gibt es keine: Birgit Wulf leitet die Kurse auch ohne Arme. Foto: Philipp Hülsmann

Bohmte. „Trainieren wir heute die Arme?“ – „Nicht so mein Ding, aber können wir machen“, antwortet Birgit Wulf. Alles scheint normal, doch irgendetwas ist anders: Die Kursleiterin des TV Bohmte hat keine Arme und demonstriert deshalb die Übung mit den Füßen.

Ohne Arme auf die Welt gekommen bekam die 57-Jährige im Alter von sieben Jahren eine Prothese als Ersatz für ihre Hände und Arme. „Die Prothese war viel zu schwer und hat mich nur behindert. Also habe ich sie wieder an die Seite gelegt und es ohne versucht“, erzählt sie.

Birgit Wulf ist ein Contergan-Kind. In den späten Fünfzigerjahren verursachte das für Schwangerschaftsbeschwerden empfohlene Beruhigungs- und Schlafmittel Contergan bei Tausenden von Neugeborenen Behinderungen, weil ihre Mütter das als unbedenklich und rezeptfrei eingestufte Medikament genommen hatten.

Stets mit dem Rad zur Arbeit

Für die in Herringhausen aufgewachsene Ehrenamtliche des TV Bohmte ist Sport lebenswichtig. „Der Sport sorgt dafür, dass ich beweglich und alltagsfähig bleibe. Er hält mich fit. Gäbe es den Sport nicht, säße ich jetzt zu Hause mit Rückenschmerzen“, sagt Birgit Wulf.

Mit ihrem speziell für Personen ohne Arme umgebauten Fahrrad fährt sie regelmäßig zum Vereinsheim an der Ovelgönne, um Kurse zu geben – auch bei Temperaturen im Minusbereich. „Wieso sollte ich nicht mit meinem Rad fahren? Ich wohne doch nur anderthalb Kilometer entfernt“, entgegnet sie.

„Man muss es nicht in den Armen haben, sondern im Kopf“

Sie lebt zwar ohne Arme, doch Hindernisse sind ihr fremd: „Ich versuche einfach, mein Ding zu machen. Ich finde schon Lösungen. Man muss es nicht in den Armen haben, sondern im Kopf.“ Auch Übungen mit dem Flexi-Bar stellen keine Probleme dar. Normalerweise wird der biegsame Stab mit der Hand geschüttelt, Birgit Wulf hingegen demonstriert die Übung vor ihren Kursmitgliedern problemlos mit den Füßen. „Es gibt kein Hindernis, zur Not ändere ich die Übungen so ab, wie es für mich passt“, sagt sie.

Die Fußarbeit ist die große Stärke der selbstbewussten 57-Jährigen. Seit 2006 ist sie auch Abteilungsleiterin und für die Geschäftsstelle des TV zuständig. Computer- und Büroarbeit erledigt sie im Handumdrehen – mit ihren Füßen.

Auch Hemd bügeln geht mit Füßen

Die meisten Menschen begegnen ihr beim ersten Aufeinandertreffen „ganz normal und ohne Distanz“. Sollte doch mal jemand verblüfft gucken, lässt sie ihre Taten sprechen. „Man muss einfach zeigen, was man kann“, sagt sie, „Einmal habe ich das Hemd meines damaligen Freundes mit den Füßen gebügelt, erst dann haben seine Eltern gemerkt, dass ich eigentlich ganz normal bin.“

Es ist bemerkenswert, wie offen und selbstbewusst Birgit Wulf mit ihrer Behinderung umgeht: „Wenn man mit solch einer Einschränkung lebt, muss man einen starken Charakter haben. Ich muss auf die Leute zugehen und keine Angst haben. Der Sport hat mir dabei sehr geholfen.“

Sport verbindet

Und der Humor, den sie nie verloren hat. „Wenn mich jemand fragt, ob er mir helfen kann, antworte ich in der Regel mit: ‚Ja, aber bitte erst in zehn Jahren‘“, scherzt sie. Besonders wichtig ist der Sportliebhaberin, die seit 1986 im Verein aktiv ist, dass der Sport nicht nur verbindet, sondern auch Grenzen überwindet.


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