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Sechs Zuschauer, unermessliche Spannung Steeldarts: Eine Sportart im Verborgenen

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Osnabrück. Als die besten Pfeilewerfer bei der Darts-WM in London antraten, schaute auch die deutsche Sportnation zu. Jetzt ist die WM zwar zu Ende, Darts wird aber weiterhin gespielt, wie bei den Rangers DC Belm in einer Kneipe im Osnabrücker Stadtteil Schinkel. Es geht gegen den VfL Wolfsburg, sechs Zuschauer sind dabei. Und unsere Reporterin.

Letzte Runde. Es steht 2:2. Alle schauen gebannt auf die beleuchtete Dartscheibe. Den Rangers DC Belm fehlen noch zwei Punkte zur 3:2 Führung. Der nächste Treffer könnte entscheiden. Marc Popken stellt sich zum Werfen auf. Eine große Spanplatte auf dem Boden trennt ihn von der Dartscheibe. Er lehnt sich nach vorne, hebt seinen Arm zum Werfen an, den Dartpfeil zwischen Zeigefinger und Daumen. Kurz hält er inne, fokussiert. Im hintersten, fensterlosen Raum des Schinkel Treffs ist es plötzlich unglaublich still. „Man kann hier jetzt Stecknadeln fallen hören“, kommentiert einer der Gegner. Popken zielt auf die „Doppel eins“ – und trifft. „Ja, Mann!“, platzt es aus ihm heraus. Damit entscheidet er das letzte Einzel für sich. Gleichstand zwischen den Rangers und den Wolfsburgern. Alles ist noch offen.

Begeisterung durch das Fernsehen

Mit seinen 31 Jahren gehört Popken zu den jüngeren bei den Rangers. Über das Fernsehen ist er zum Darts gekommen – die Weltmeisterschaft der Professional Darts Corporation (PDC) hat ihn schon vor Jahren so fasziniert, dass er selbst spielen wollte. Mit den Profis will er sich aber nicht messen: „Die Präzision, die die an den Tag legen, ist auf Dauer schwierig zu spielen. Man muss auch bedenken, dass die fast täglich trainieren.“

Die Rangers spielen in der Niedersachsenliga, der zweithöchsten Liga in Deutschland. Bevor die Partie gegen die Wolfsburger beginnt, gibt jeder der Rangers den Gegnern einen Faustgruß. Wie beim Fußball stehen sie in einer Reihe und schlagen nacheinander ein. Und dann wird es zum ersten Mal laut an diesem Abend: „We are green, we are white. We are Wolfsburg‘s dynamite!“, rufen die Gegner, während sie in einem Kreis zusammenstehen.

Blitzschnelles Kopfrechnen

Die ersten beiden Spieler jeder Mannschaft stellen sich an den beiden Haupt-Spielscheiben auf und üben sich erst einmal mit ein, zwei Würfen warm. Dann wird es ernst. Nur die Dartscheiben sind beleuchtet. Daneben steht ein Spieler an einer Tafel. Die Punkte der drei Pfeile, die in das Board treffen, rechnet er blitzschnell zusammen und schreibt die verbleibenden Punkte auf, bevor die Darts wieder herausgezogen werden. Ziel ist es, mit möglichst wenig Würfen exakt 501 Punkte abzutragen. Dann ist auch schon der nächste Spieler an der Reihe: Er stellt sich auf, zielt, wirft und wieder werden die Punkte innerhalb weniger Sekunden zusammengerechnet.

„Wenn man die drei Pfeile stecken sieht, weiß man schon, wie viele Punkte das sind. Man rechnet nicht mehr viel, das ist nur noch Abrufen von Wissen“, erklärt Axel Vollmer. „Viele E-Darts-Spieler wissen nicht, wie sie nach ihren Würfen weiter spielen sollen, weil das alles elektronisch für sie gerechnet wird.“ Vollmer ist einer der Dienstältesten bei den Belmer Dartsspielern. Mit E-Darts ist der 56-jährige Teamkapitän vor rund 20 Jahren angefangen. Steeldarts spielt er seit zwölf Jahren. Inzwischen startet er sogar jedes Jahr bei den German Open, dem größten Turnier in Deutschland.

Sechs Zuschauer aus Familie und Freunden

Im Raum der Kneipe ist es ganz ruhig. Nur das Aufprallen der Pfeile ist zu hören, zwischendurch ein „Come on!“ oder „Sauber!“, hin und wieder auch ein Flüstern von den sechs Zuschauern. Hauptsächlich Familie, Freunde, Bekannte der Spieler. Sascha Welge, Sohn vom 1. Vorsitzenden der Rangers Harald Welge, sieht sich zum ersten Mal ein Spiel der Belmer an. „Die Atmosphäre hier finde ich ganz interessant. Wenn man das im Fernsehen schaut, ist es genau das Gegenteil, sehr laut“, merkt er an. Diesen Eindruck bestätigt auch Vollmer: „Das ist hier hauptsächlich eine interne Sache. Normales Darts erhält leider wenig Anerkennung.“

Nach acht Einzelspielen geht es mit den sogenannten Doppel weiter: Zwei Spieler aus einen Team gegen zwei aus dem anderen. Wieder wird von 501 Punkten heruntergespielt. Aufstellen, zielen, werfen – und der nächste ist an der Reihe. Immer wieder ein Schluck Wasser oder Bier, dann geht es wieder weiter. „Zwischendurch ein Bier, das gehört auch dazu. Darts kommt ja aus den Pubs“, erklärt Vollmer.

„Wenn schon kacke, dann kacke mit Schwung“

Letzte Runde. Es ist immer noch still, die Spannung größer als zuvor. Nicht einmal die Zuschauer flüstern mehr. „Hör mal auf zu denken, spiel einfach“, ruft einer der Wolfsburger dem Werfer zu. Doch es hilft nichts, der Wurf geht schief. „Wenn schon kacke, dann kacke mit Schwung“, kommentiert der Kollege aus dem Hintergrund. Dann sind die Rangers am Zug. Doch auch bei ihnen reicht es nicht zum Abschluss.

Alle schauen gebannt auf die beleuchtete Dartscheibe. Der nächste Treffer könnte entscheiden. Der zweite Wolfsburger stellt sich zum Werfen auf. Eine große Spanplatte auf dem Boden trennt ihn von der Dartscheibe. Er lehnt sich nach vorne, hebt seinen Arm zum Werfen an, den Dartpfeil zwischen Zeigefinger und Daumen. Kurz hält er inne, fokussiert. Im hintersten Raum des Schinkel Treffs ist es erneut unglaublich still. Der Wolfsburger zielt – und trifft. Damit entscheidet er das letzte Doppel für sich. Jubel bricht aus. Am Ende freuen sich aber auch die Rangers, denn das Spiel endet 6:6. Drei Stunden Sport im Hinterraum einer Kneipe.


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