Sozialverband legt Bericht vor Armut in NRW wächst rasant

Von Florian Pfitzner | 19.02.2015, 19:51 Uhr

Die Zahl der in Armut lebenden Menschen nimmt bundesweit zu. Das geht aus einem Bericht zur regionalen Armutsentwicklung des Paritätischen Gesamtverbandes hervor. Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider sprach von einem Allzeithoch. In Nordrhein-Westfalen schätzt er die Lage besonders schlecht ein.

Trotz zuversichtlicher Wirtschaftsprognosen steigt die Armut an Rhein und Ruhr dramatisch an. Den Verbandszahlen zufolge galten im Jahr 2013 bereits 17,1 Prozent der Menschen in NRW als arm. Demnach stieg der Anteil der Gruppe innerhalb eines Jahres um fünf Prozent, in den vergangenen sieben Jahren sogar um 23 Prozent. In NRW breite sich die Armut doppelt so rasant aus wie im Bundesdurchschnitt, hieß es. Neben dem Ruhrgebiet entwickle sich der Großraum Köln/Düsseldorf zu einer Region in relativer Not.

Nach der üblichen EU-Definition sind die Menschen „einkommensarm“, die von weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkünfte leben müssen. Das waren 2013 für einen Singlehaushalt 892 Euro, für eine vierköpfige Familie 1.873 Euro. Vor allem Arbeitslose und Alleinerziehende müssten häufig mit weniger Geld auskommen, schrieb der Verband. Zuwächse verbucht er auch bei Rentnern.

Niemals zuvor sei die „regionale Zerrissenheit“ so tief gewesen wie heute, sagte Schneider. Wie dem Bericht zu entnehmen ist, hat sich die wachsende Armut von der wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt. Armut und Ungleichheit seien politisch mindestens mit verursacht.

SPD-Abgeordneter zweifelt an Verbandszahlen

NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) ließ in einer Pressemitteilung erklären, dass der Anstieg der Armut wesentlich an der Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse liege. „Ein wichtiger Schritt raus aus dieser Spirale ist der gesetzliche Mindestlohn“, teilte Schneider mit. Zudem setze die rot-grüne Landesregierung auf die Einschränkung von Werkvertragsverhältnissen und auf faire Bedingungen in der Leiharbeit.

Der sozialpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Peter Preuß, sieht in dem Bericht ein „Alarmsignal“. Die Landesregierung versage bei der Armutsbekämpfung und breche ihr Versprechen. Ulrich Alda von der FDP rief zu einer „sorgfältigen Analyse“ des Berichts auf. Die rot-grüne Umverteilungspolitik trage „erkennbar keinerlei Früchte“.

Manuela Grochowiak-Schmieding, Sprecherin der Grünenfraktion für Sozialpolitik, sieht ein Verteilungsproblem. „Die Menschen werden für ihre Arbeit einfach nicht anständig bezahlt.“ Mit der Schulsoialarbeit oder dem Sozialticket setze NRW alles daran, die Armut zu lindern.

Günter Garbrecht, Vorsitzender des Sozialausschusses im nordrhein-westfälischen Landtag, zweifelt derweil an der „statistischen Qualität“ der Verbandszahlen. Gleichzeitig räumt er einen Nachholbedarf ein. „Wir versuchen, der Armut präventiv entgegenzuwirken“, sagte Garbrecht. Dazu zählt der Abgeordnete Regierungsprogramme wie „Kein Kind zurücklassen“ oder „Kein Abschluss ohne Anschluss“ für den Übergang von der Schule in den Beruf. „Unsere Instrumente wirken nicht von einem Tag auf den anderen, sondern langfristig.“