Lernen im Takt der Bässe Lehrer lassen Lotter Hauptschüler in Disco „entführen“

Von Erna Berg | 12.09.2011, 13:10 Uhr

450 Schüler der Gemeinschafts-hauptschule Lotte und ihre ahnungslosen Lehrer wurden am vergangenen Freitag in acht Bussen entführt – in den Ibbenbürener Partytempel „Aura“.

Diese Geheimaktion war von einer Steuergruppe kurzfristig vorbereitet worden. Diese „Spezialeinheit“ formierte sich nach einer Lehrerfortbildung, die im Januar dieses Jahres an der GHS während eines Projekts stattgefunden hatte. Dort hatte der Diplom-Psychologe Thomas Grüner, Mitbegründer des Instituts für Konflikt-Kultur in Freiburg, auf überzeugende Weise sein Erziehungskonzept vorgestellt. Es erhielt eine breite Zustimmung des Kollegiums und wird seit Montag in Wersen umgesetzt.

In der Fortbildung unter dem Motto „An einem Strang ziehen“ erfuhren die Lehrer Methoden, wie sie den Schülern – konsequent, aber nicht bestrafend – Werte, Normen, Arbeitshaltungen und soziale Spielregeln vermitteln können sowie Tipps zum Umgang mit Regelverstößen. Grüner beschrieb Rituale, die bessere Lernbedingungen schaffen, Belohnungssysteme und -kataloge, die in den Klassen nach eigenen Wünschen erstellt werden, sowie Ruhe-, Benimm- und Arbeitsregeln. In einer Feedback-Liste notiert der Lehrer einmal täglich, ob die Regeln eingehalten wurden.

Das Erziehungskonzept wurde auch kritisch betrachtet und als Einschränkung der pädagogischen Freiheit mit zusätzlichen Belastungen begründet. „Das sind berechtigte Einwände und reale Sorgen“, versteht die Schulleiterin ihre Kollegen. „Wir werden auch immer wieder nachjustieren und das Konzept modifizieren müssen, bis sich eine Lernhaltung etabliert. Das ist eine lebendige Entwicklung, ein Prozess, der nie aufhört.“ Günter Büter ist überzeugt, dass sich das Konzept langfristig positiv auszahlen wird.

Thomas Grüner habe auch betont, dass kein Kollege verpflichtet sei, die einheitlichen Rituale anzuwenden. Die GHS Lotte sei die zehnte Schule im Kreis, die an diesem Erziehungsprojekt nach Grüner teilnehme, berichtete Arbeitsgruppenleiter Ludger Vorndieck vom Kreisjugendamt.

Nicht Grüner hatte die ausgefallene Idee mit der Entführung an jenem Tag X, die kam aus der Steuergruppe und forderte Sekretärin Heidrun Zimmer und Günter Büter heraus. Wie sollten sie innerhalb von ein paar Vorbereitungstagen so viele Busse organisieren, dass alle 19 Klassen gleichzeitig starten konnten? Wie sollten Schüler und Lehrer überzeugt werden, sich an diesem Tag besonders schick zu machen?

Nach einem Telefonmarathon gelang es, das Neuenkirchener Reiseunternehmen Husmann für diese Aktion zu gewinnen. Schüler und nicht eingeweihte Lehrer erfuhren im Vorfeld nur, dass am Freitagmorgen in der Turnhalle Klassenfotos gemacht werden sollten. Um acht Uhr begann am Freitag die letzte geheime Besprechung im Arbeitszimmer von Schulleiterin Annette Ohlig, an der Ludger Vorndieck, Schulsozialarbeiter Günter Büter und Jugendpfleger Robert Budde teilnahmen. „Ich fühle mich total overdressed“, vertraute sich eine Kollegin dem Schulsozialarbeiter an. Gut, dass Günter Büter nicht nur für die Schüler ein offenes Ohr hat.

Das akustische Signal „Final Countdown“ von Europe läutete in allen Klassen den Tag X ein. In der Turnhalle begrüßten Ohlig und Vorndieck die noch entspannten Anwesenden. Dann kam der Hammer aus dem Munde der Schulleiterin: „Wir werden um neun Uhr 450 Schüler entführen. Die Busse stehen bereit!“ Freudiges Entsetzen, völlig überraschte Gesichter auf und vor der Tribüne, Schmunzeln bei den Eingeweihten.

Es wurde ein toller Disco-Besuch mit Getränkewertmarke, Lasershow und Nebelmaschine und zwei DJs, die die Schüler mit „Guten Abend“, in eine andere Welt versetzten. „Das können wir jede Woche machen, danke, Frau Ohlig, das war schön“, bedankte sich eine Schülerin nach der aufregenden Entführung. „Eine tolle Maßnahme zur Stärkung der Schulgemeinschaft und ein tolles Zeichen in die Zukunft, dass Schule nicht nur den Auftrag erfüllt, Lehrstoff zu vermitteln“, meinte Robert Budde.

Das Schlusswort hat diesmal einer der erfahrenen DJs: „Das war eine coole Nummer, die Jugendlichen hatten gute Laune, waren total unkompliziert. Wenn alle Disco-Besucher so wären, bräuchte man sich keine Sorgen zu machen.“