Birnbaum am Lager Weg trotzte 1911 Gewitter Der Herr von Ribbeck hätte in Mettingen seine Freude

05.09.2011, 16:02 Uhr

„Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, ein Birnbaum in seinem Garten stand. Und kam die goldene Herbsteszeit, und die Birnen leuchteten weit und breit, da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl, der von Ribbeck sich beide Taschen voll...“ Wer den alten Birnbaum auf dem Hof Krämer am Lager Weg in Mettingen betrachtet, dem könnte schnell das berühmte Ribbeck-Gedicht von Theodor Fontane in den Sinn kommen.

Auch dieser Baum trägt reichlich Früchte, ähnlich wie der, den der Herr von Ribbeck für die Nachwelt pflanzte, indem er sich eine Birne mit ins Grab legen ließ. So hätte der Herr von Ribbeck sicherlich seine wahre Freude auch an dem Mettinger Gewächs gehabt, um auch hier den Jungen in Pantinen zu fragen: „Junge, wiste ’ne Beer?“

Der mehr als 100 Jahre alte Baum hat eine ausgesprochen bewegte Geschichte hinter sich. Als das damalige Wohnhaus auf dem Hof am Lager Weg 1911 bei einem Sommergewitter vom Blitz getroffen wurde und in Brand geriet, bekam auch der Birnbaum etwas ab. „Er hat es letztlich überstanden, musste aber verkohlt weiterwachsen“, erklärt Ralf Krämer. Sein Urgroßvater hatte den Baum seinerzeit gepflanzt.

Heute weist der Baum, der sich schon arg zur Seite neigt, eine weitere Besonderheit auf: Er ist an einigen Stellen innen völlig ausgehöhlt. Am unteren Teil des furchigen Stammes kann man sogar mehrere Zeitungen komplett hindurchstecken, wie bei einem Briefkastenschlitz. Der Spalt ist rund 40 Zentimeter lang und gut zehn Zentimeter breit.

Die beachtlichen Hohlräume im Stamm konnten ihm aber bislang nichts anhaben – der Birnbaum trägt Jahr für Jahr regelmäßig seine Früchte. „Die Leitungsbahnen für die Nährstoffversorgung verlaufen knapp unter der Rinde“, erklärt Ralf Krämer. Der 41-jährige Naturfachmann ist seit 20 Jahren in der Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Tecklenburger Land (ANTL) aktiv, gehört inzwischen auch zu ihrem Vorstand.

Bäume seien in gewisser Weise auch Überlebenskünstler, sagt Krämer. Dass der Baum noch viele Birnen hervorbringe, sodass man sich unter ihm in Ribbeck’scher Manier die Taschen problemlos damit vollstopfen könnte, wundert Krämer nicht: „Gerade Bäume, die geschwächt sind, versuchen dagegenzusteuern.“ Sie produzieren mehr Früchte, um so für Nachwuchs zu sorgen.

Der ANTL-Mann bedauert, dass heute viele solcher alten Bäume vorschnell gefällt werden. Dieses Schicksal wird den Birnbaum auf dem Hof seiner Eltern freilich nicht ereilen. „Der wird irgendwann umfallen“, sagt Krämer. Sein Auto würde er jedenfalls vorsichtshalber nicht mehr darunter abstellen.

Den berühmten Birnbaum aus dem Fontane-Gedicht gab es übrigens wirklich. Und er hat offenbar eine besondere Gemeinsamkeit mit dem Mettinger Exemplar: Wie auf der Internetseite der Familie Ribbeck zu lesen ist, fiel der Baum, der nahe der Kirche über der Familiengruft stand, ebenfalls im Jahr 1911 zwar keinem Gewitter, aber einem Orkan zum Opfer. Im Gegensatz zum Mettinger Artgenossen ist vom Ribbeck-Birnbaum jedoch nur noch ein Stumpf übrig geblieben.

Über ihn sagt die Ballade: „Und die Jahre gehen wohl auf und ab, längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab. Und in der goldenen Herbsteszeit leuchtet’s wieder weit und breit. Und kommt ein Jung’ über’n Kirchhof her, so flüstert’s im Baume: ,Wiste ’ne Beer?‘ Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: ,Lütt Dirn, kumm man röwer, ick gew’ di ’ne Birn.‘ So spendet Segen noch immer die Hand des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.“