An Leichen vorbei auf den Gipfel Bielefelderin als wohl jüngste Deutsche auf dem Mount Everest

Von Nadine Sieker | 24.06.2017, 07:00 Uhr

Sie ist 27, kommt aus Bielefeld und hat jetzt den Gipfel des Mount Everest erklommen – als möglicherweise jüngste Deutsche überhaupt. Im Interview erzählt Anja Blacha von Leichen am Wegesrand, einem blinden Bergsteiger und wie sie vor wenigen Jahren überhaupt zum Bergsteigen gekommen ist.

Frau Blacha, wie hat es sich angefühlt, als Sie auf dem Gipfel des Mount Everest standen?

Das war ein Wahnsinnsgefühl. Man ist da am allerhöchsten Punkt der Erde und hat eine unglaublich weite Aussicht über den Himalaja. Alle Berge sehen bedeutend kleiner aus, weil man so hoch steht. Als wir von der Nordseite den Gipfel erreichten, kamen von der Südseite auch Bergsteiger. Zurück sind wir wieder in verschiedene Richtungen gegangen. Doch dort oben zusammenzutreffen war schon besonders.

Trotz aller Schönheit da oben ist es aber auch nicht ganz ungefährlich…

Man muss vorsichtig sein und sich immer bewusst machen, dass man erst die Hälfte geschafft hat, wenn man auf dem Gipfel ist. Man hört auch immer wieder von Schicksalen.

Dass es schief gehen kann, haben Sie sogar selbst miterlebt.

Schon eine Stunde nachdem wir losgegangen sind, hat eine Gruppe den Weg versperrt. Jemand beschwerte sich noch, ob sie nicht woanders Pause machen könnten. Dann stellte sich heraus, dass ein Mitglied der Gruppe dringend Hilfe brauchte. Würde er nicht bald nach unten kommen, würde er sterben. Unsere Hilfe wurde abgelehnt; seine Begleiter hatten genug Unterstützung und zudem bereits einen Arzt informiert. Wir sind weitergegangen. Da hatte ich ein ungutes Gefühl. Nicht allzu lange später sind wir an einer Leiche aus Vorjahren vorbeigekommen; es war die erste von mehreren, die ich entlang der Route gesehen habe. Das war ein Warnsignal: Es ist ein gefährlicher Ort, an dem ich bin. In gewisser Weise habe ich mich zwischenzeitlich gefühlt, als würde ich einen Friedhof begehen.

Auf dem Abstieg kam ich an einem Mann vorbei, der in derselben Nacht gestorben ist. Er lag im Schnee kurz unter dem höchsten Camp, am Fixseil gesichert. Ich hatte wieder dieses ungute Gefühl und habe mich gefragt, ob man seinen Tod hätte verhindern können. Zeitgleich lief der Profibergläufer Kilian Jornet vorbei, der gerade einen Rekord im Gipfelaufstieg aufstellte. Ich finde es schwer zu fassen, wie unterschiedlich es einem am Berg ergehen kann. An meiner Seite war am Gipfeltag immer ein Sherpa, ich fühlte mich gut betreut.

Endlich oben: An der Seite ihres Sherpas fühlte sich die 26-Jährige (links) immer gut aufgehoben. Foto: Anja Blacha

Hatten Sie denn mal Angst, es nicht auf den Gipfel oder nicht zurück zu schaffen?

Vor der Expedition war da dieses Fragezeichen, ob ich bereit bin und es schaffen kann. Für viele ist es ein Traum, auf den sie sich lange vorbereiten und bei mir war das relativ spontan. Aber am Gipfeltag selber lief es gut und von der Anstrengung her war einfacher als gedacht. Ich war in weniger als sechs Stunden oben am Gipfel. Auch der Rückweg war besser machbar als erwartet. Das lag nicht zuletzt mit am guten Wetter. Allerdings ging es große Teile der Strecke steil zur Seite hinunter. Ich bin immer sehr vorsichtig gewesen, um nicht abzustürzen.

Wie fanden Ihre Familie und Freunde Ihren Plan?

Da war die ganze Bandbreite an Gefühlen dabei. Zum Teil haben sie sich gefreut, dass ich mir diese Herausforderung vorgenommen habe. Zum Teil haben sie auch mit den Schultern gezuckt und gesagt: „Anja macht das ja eh, egal was ich sage.“ Aber sie alle haben mir gesagt, dass ich bloß aufpassen soll.

Möglicherweise sind Sie jetzt die jüngste Deutsche, die den Mount Everest erklommen hat. Was ist das für ein Gefühl?

Als ich vom Berg kam, hatte ich schon die ersten Nachrichten auf der Mailbox, weil verkündet worden war, dass ich die jüngste Deutsche sei, die auf dem Mount Everest war. Die Himalaja-Chronistin geht davon aus, da die bislang Jüngste 32 Jahre alt war und in dieser Saison keine jüngere Deutsche gemeldet war. Sie konnte es bislang aber noch nicht offiziell bestätigen, weil in diesem Jahr wohl über 600 Menschen auf dem Gipfel waren und sie die Erfassung dieser erst noch abschließen muss. Es wäre natürlich eine schöne Zugabe zum Gipfelerfolg. Es zeigt aber auch, dass es noch etwas braucht, bis sich mehr Frauen in die bis dato eher von Männern geprägte Welt des Bergsports wagen.

Wie sind Sie überhaupt zum Bergsteigen gekommen? Früher waren Sie Leistungsfechterin.

Das hat eigentlich gar nichts miteinander zu tun. Die einzige Verbindung ist, dass man für beides eine gute Beinmuskulatur benötigt. Als ich 2012 in Island gewesen bin, war ich das erste Mal outdoor unterwegs. Ich hatte mir vorher extra Outdoorschuhe gekauft, die man aber auch in der Stadt tragen kann. Ein Jahr später habe ich dann Südafrika erkundet. Da gibt es viele Wanderwege. Ich bin auch auf dem Tafelberg gewesen, der ist ein beliebtes Touristenziel. Das erste Mal, dass ich zelten und trekken war, war etwas später im Urlaub in Peru. Der Ausflug auf den Machu Picchu zählt zu den beeindruckendsten Touren, die man da machen kann. So hat alles angefangen.

Und wie ging es dann weiter?

2015 habe ich einen Urlaub in Argentinien geplant. Da bin ich auf den Aconcagua aufmerksam geworden. Das ist der höchste Berg in Südamerika, der aber technisch nicht schwierig ist. Ich habe mich zu einer zweiwöchigen Expedition angemeldet. Zusammen mit einem argentinischen Bergführer und einem anderen Expeditionsteilnehmer habe ich den Berg bestiegen. Von den beiden habe ich viel über andere Berge und das Bergsteigen gelernt, auch was die Technik und die Vorbereitung angeht, das Energiemanagement und die Ernährung. Bis dahin kannte ich mich damit gar nicht aus.

Was hat Ihnen so gut am Bergsteigen gefallen, dass Sie sich immer neue Berge ausgesucht haben?

Für mich ist es ein super Ausgleich zum Büroalltag. Ich bin draußen an der frischen Luft, in der Natur und sitze nicht immer in geschlossenen Räumen vor dem Computer. Ich war zwar erst auf vergleichsweise wenig Bergen, aber mir gefällt das Gefühl von Weite und Freiheit. Und dass man ein Ziel erreicht, das man sich gesteckt hat.

Und da haben Sie sich gedacht, jetzt steige ich auch noch den Mount Everest?

So ähnlich. Nachdem ich aus Argentinien zurück nach London gereist war, wo ich zu der Zeit arbeitete, traf ich auf einer Feier Freunde, die über den Mont Blanc sprachen. Das klang so spannend, dass ich mich über den Berg informiert und ihn an einem Wochenende bestiegen habe. Er ist komplett anders als der Aconcagua, man besteigt ihn weitestgehen im Alpinstil. Und als ich dann später in Afrika gearbeitet habe, bin ich zwischen zwei Businesstrips auf den Kilimandscharo. Das war die dritte Bergbesteigung in 2015. So kam eben einer zum nächsten. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Der Mount Everest war aber noch nicht dabei…

Für 2016 habe ich mir erst mal den Denali in Alaska vorgenommen. Das war eine ganz besondere Erfahrung. Man reist zuerst in ein kleines Dorf irgendwo im nirgendwo in Alaska. Von da nimmt man einen kleinen Buschflieger, mit dem man auf einem Gletscher landet. Man ist ausgesetzt in einer Schnee- und Eislandschaft und sieht nichts außer weiß. Auf dem Denali muss man sich autark bewegen. Man muss die gesamte Ausrüstung und Nahrung für drei Wochen mitnehmen. Also schleppt man einen riesengroßen, schweren Rucksack und einen Schlitten mit sich. Der Vorteil ist: Je weiter man kommt und je mehr man isst, umso leichter werden sie (lacht).

Das klingt schon sehr anstrengend.

Das war es, auch wegen der großen physischen Anstrengung. Der Denali, der Aconcagua und der Kilimandscharo gehören zu den sieben höchsten Bergen der jeweiligen Kontinente, den sogenannten Seven Summits. Ebenso der Elbrus, ein beliebter Berg in Russland, und die Carstensz Pyramide in Indonesien, die ich 2016 noch bestieg. Bei letzterem war man wieder in einer komplett anderen Welt. Man läuft durch Dörfer von Ureinwohnern und läuft durch den Dschungel. Auf diesen Expeditionen gab es immer Leute, die sagten, der Denali sei schwieriger als der Everest und dass ich besser unterwegs sei als andere, die schon mal auf dem Everest waren. Das setzte mir einen Floh ins Ohr. Die Stimme wurde immer lauter und nach einiger Recherche habe ich dann im Februar einen Expeditionsanbieter kontaktiert, der mich schließlich ins Team mit sechs anderen Expeditionsmitgliedern aus Österreich und den Niederlanden aufgenommen hat.

Wie lange waren Sie unterwegs?

Knapp zwei Monate. Anfang April bin ich in Zürich losgeflogen, 50 Tage später stand ich auf dem Gipfel. Erst sind wir nach Katmandu gereist, von da nach Tibet. Wegen schlechten Wetters konnten wir nicht landen und sind deshalb nach Zentralchina weiter geflogen. Von da ging es dann nach Tibet ins Basislager.

Wie haben Sie sich auf den Aufstieg vorbereitet?

Eine indirekte Vorbereitung hatte ich, indem ich in den beiden Vorjahren relativ viel in den Bergen unterwegs war. Weil ich mich erst im Februar angemeldet habe, hatte ich wenig Zeit. Ich habe versucht, den Alltag zur Vorbereitung zu nutzen. Zum Beispiel bin ich mit Fußgelenkgewichten zum Supermarkt und zur Arbeit gegangen. Das sieht zwar lächerlich aus, ist aber sehr effektiv. Ein bis zwei Mal in der Woche bin ich fechten gegangen und zwei Mal habe ich noch eine Schneeschuhtour in den Bergen gemacht, um meine Expeditionsschuhe einzulaufen. Vor Ort war dann die Akklimatisierung an die Höhe wichtig. Es braucht Zeit, bis sich der Körper daran gewöhnt hat, dass in der Luft weniger Sauerstoff ist.

Was war das Beste an der Tour?

Für mich war es toll, mit den Sherpas hochzusteigen. Sie zeigten tolles Teamwork, hundertprozentigen Einsatz und Freude an der Herausforderung. Man kann viel von ihnen lernen, sie haben viel Erfahrung. Einer unserer Sherpas bestieg in diesem Jahr zum 17. Mal den Everest. Spannend waren aber auch die anderen Bergsteiger, die man antraf, unter ihnen einige bekannte und besondere Persönlichkeiten. Da nimmt man viel Inspiration mit.

Und was war die größte Herausforderung?

Die Nerven und Geduld zu bewahren. Das Ganze hat wirklich lange gedauert. Bevor man hochgeht, macht man noch eine Akklimatisierungsrotation, bei der man den halben Berg hoch- und dann wieder herunterläuft, um den Körper an die Höhe zu gewöhnen. Als wir wieder unten waren, hieß es, dass es ein gutes Wetterfenster geben würde. Also sind wir hoch ins vorgeschobene Basislager gelaufen. Doch dann mussten wir den Aufstieg verschieben, weil sich das Wetter verschlechterte. Beim nächsten guten Wetterfenster sind wir dann los. Von da ging es an drei Tagen in mehreren Etappen hoch. In Camp eins und zwei haben wir übernachtet, im dritten konnten wir uns nur noch ausruhen und viel trinken, ehe wir die finale Gipfeletappe antraten. Lange bleiben kann man auf dieser Höhe nicht, weil die Luft da oben zu dünn ist.

In Ihrem Team war auch ein blinder Bergsteiger. Was war das für eine Erfahrung?

Beim Laufen ist man unabhängig voneinander. Er hatte aber ein zwei Bergführer an seiner Seite, die ihm dabei halfen, sich sicher bewegen zu können. Er zeigte mir, dass man eine Behinderung nicht als solche sehen muss, sondern sich trotzdem ambitionierte Ziele setzen kann.

Welchen Berg wollen Sie als nächstes bezwingen?

Konkrete Pläne habe ich derzeit noch keine, habe aber natürlich den Mount Vision als verbleibenden der Seven Summits ins Auge gefasst. Ich könnte mir auch vorstellen, beispielsweise in den Alpen das Matterhorn zu besteigen – quasi ein Muss, wenn ich in der Schweiz lebe, meinten meine hiesigen Arbeitskollegen.

Obwohl Sie noch nicht lange Bergsteigen, haben Sie schon fünf der Seven Summits bestiegen. Ist das für Sie etwas Besonderes?

Für mich sind die Seven Summits eine super Gelegenheit, in ganz verschiedene Länder zu reisen und die dortigen Kulturen und die Umgebung kennenzulernen. Sie sind also Anlass, aber nicht alleiniger Grund für meine Reisen. Hinzu kommt für mich die sportliche Leistung, die mit dem Erreichen der Gipfel verknüpft ist und einen physisch wie mental fordert und trainiert.

TEASER-FOTO: