Missverständliche Satire Münsters Stadtmagazin „Ultimo“ wegen Volksverhetzung angezeigt

Von Meike Baars

Missverstandene Satire: Das Gedicht in der Kolumne „Setzers Abende“ sollte Parallelen zwischen AfD-Formulierungen und Nazi-Kampfliedern aufzeigen. Doch mindestes zwei Leser bekamen die Zeilen in den falschen Hals. Foto: Meike BaarsMissverstandene Satire: Das Gedicht in der Kolumne „Setzers Abende“ sollte Parallelen zwischen AfD-Formulierungen und Nazi-Kampfliedern aufzeigen. Doch mindestes zwei Leser bekamen die Zeilen in den falschen Hals. Foto: Meike Baars

Osnabrück. Satire oder Volksverhetzung? Mit einer Kolumne hat sich die Münsteraner Stadtillustrierte „Ultimo“ zwei Strafanzeigen eingehandelt. Ein erster Werbekunde zog die Konsequenzen. Dabei sollte der umstrittene Beitrag eigentlich nur AfD-Hetze anprangern.

Das Münsteraner Stadtmagazin „Ultimo“ steht eigentlich nicht im Verdacht Sprachrohr völkischer oder gar rechtsradikaler Gruppierungen zu sein. Im Gegenteil: Das bei Studenten beliebte Blatt gilt traditionell als links. Umso überraschender sind die Anschuldigungen, die gegen ein in der aktuellen Ausgabe erschienenes Gedicht erhoben werden.

Zwei Anzeigen, zwei Vorwürfe

Nun ermittelt sogar die Staatsanwaltschaft Münster gegen das Szenemagazin. Zwei Anzeigen seien eingegangen, bestätigte Behördensprecher Martin Botzenhardt unserer Redaktion. Es geht um den Vorwurf der Volksverhetzung und des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen – in diesem konkreten Fall seien damit textliche Passagen gemeint. Zuerst hatten die „Westfälischen Nachrichten“ über die Anzeigen berichtet.

Was war passiert? In der Kolumne „Setzers Abende“ hatte die „Ultimo“ ein Gedicht veröffentlicht, in dem es unter anderem hieß: „1000 Jahre Deutschland – ich gebe euch nicht her. Auf, auf zum Kampf, zum Kampf, zum Kampf fürs Vaterland. Wir werden sie jagen. (...) Schleift die langen Messer. Wir werden sie jagen. Bis das Judenblut vom Messer spritzt.“

Braunes Liedgut und AfD-Zitate

Die Zeilen stammen allerdings nicht originär aus der Feder des stets provokanten Kolumnisten, wie Ultimo-Geschäftsführer Rainer Liedmeyer gegenüber unserer Redaktion betont. Vielmehr seien die Verse zweier Quellen entnommen. Das Gedicht kombinierte Textstücke aus Nazi-Liedgut mit Aussprüchen von AfD-Politikern. „Wir wollten eigentlich die Geistesverwandtschaft in den Zeilen zeigen. Gauland, Höcke und Co. reihen sich vom Duktus und thematisch in NS-Rhetorik ein. Diesen Rechtsruck wollten wir ausdrücken, aber man kann uns vorwerfen, dass wir bei einigen Lesern einen gegenteiligen Eindruck bewirkt haben könnten“, sagte Liedmeyer.

„Achtung, Satire!“

Tatsächlich gab es zu dem Gedicht keinerlei redaktionellen Hinweis oder eine erklärende Einordnung, was der Leser dort gerade vor sich sieht. „Wir wollen nicht künftig über jeden Beitrag ‚Achtung, Satire!‘ schreiben müssen. Aber in diesem konkreten Fall war das Fehlen sehr unglücklich und wir entschuldigen uns dafür“, so der Ultimo-Geschäftsführer.

In der 30 Jahre alten Geschichte des Magazins sind die beiden Anzeigen ein einmaliger Vorgang – mit wirtschaftlichen Konsequenzen. Die Stadtwerke Münster hatten als Werbekunde eine ganzseitige Anzeige in der kommenden Ausgabe storniert, wie die „WN“ berichteten. „Das ist für uns leider nicht ohne. Wir hoffen, dass sich das wieder einrenken lässt“, sagte Liedmeyer.

Meinungsfreiheit oder Beleidigung?

Wie lange die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dauern werden, sei nicht abzusehen, so Sprecher Martin Botzenhardt: Im Zweifelsfall werde jede einzelne Zeile geprüft. Letztlich geht es um eine Abwägung: Was ist durch das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Pressefreiheit gedeckt? In welchem Kontext wurden die umstrittenen Zeilen veröffentlicht? Und wer könnte sich von ihnen beleidigt oder verunglimpft fühlen?

In der am kommenden Freitag erscheinenden Ausgabe will sich die „Ultimo“-Redaktion bei ihren Lesern entschuldigen. Die Stammleserschaft habe die Botschaft der Kolumne aber ohnehin richtig eingeordnet, glaubt Liedmeyer.


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