Gestrandet im Braunkohlerevier Warum Flüchtlinge in einer NRW-Geisterstadt leben

Von Florian Pfitzner

Ungefähr hundert Manheimer leben noch in ihrem alten Dorf - und mit ihnen 125 Flüchtlinge. Foto: dpaUngefähr hundert Manheimer leben noch in ihrem alten Dorf - und mit ihnen 125 Flüchtlinge. Foto: dpa

Kerpen-Manheim . An der Abbruchkante im rheinischen Braunkohlerevier werden geflüchtete Menschen in einem nahezu verlassenen Dorf untergebracht. Eine zweischneidige Sache, meinen ehrenamtliche Flüchtlingshelfer.

Mohammed Hüsseyin Abedini springt auf und schwirrt durch die abgenutzte Küche. Er hat vergessen, seinen Gästen etwas anzubieten, eilig füllt er eine Schale mit Pistazien und getrockneten Feigen. Der Wasserhahn tropft, an der vergilbten Tapete hängt ein eingerahmtes Foto mit der Silhouette von Manhattan, dazu ein schwerer bronzener Karnevalsorden. Gehörte beides mal dem früheren Hauseigentümer. Zufälligerweise ist Abedini am traditionellen Sessionsbeginn, einem 11.11., nach Deutschland gekommen. Nun lebt er in einer Geisterstadt.

Es war in der Hochphase der Flüchtlingskrise 2015, als man auch im Rhein-Erft-Kreis händeringend nach Unterkünften gesucht hat. Die Stadt Kerpen wählte dabei einen, wie sie sagt, „pragmatischen Ansatz“. Sie schickte nach und nach Hunderte zugewanderte Menschen in den entlegenen Stadtteil Manheim. Er trägt den traurigen Zusatz „alt“, was an der Nähe zur Abbruchkante des Tagebaus Hambach liegt. In der Gegend wühlen sich schon jahrzehntelang gigantische Maschinen durch die Erde. Dutzende Dörfer haben sie bereits abgebaggert, bald ist Manheim-alt dran.

Es gibt eine Nutzungsvereinbarung mit RWE Power

Man bereitet sich schon länger auf den Tag X vor. Das Dorf im rheinischen Braunkohlerevier ist nahezu „umgesiedelt“, wie es im Bergbaujargon heißt. Einige der ursprünglich 1400 Einwohner gingen auf Angebote des Energiekonzerns RWE ein und zogen ins sieben Kilometer entfernte Manheim-neu. Ein Ersatzort mit dem Charme einer bunten Musterhaussiedlung. Manche sind lieber ganz weggegangen. Ungefähr hundert Manheimer verharren indes noch in ihrem alten Dorf - und mit ihnen 125 Flüchtlinge.

Es gibt eine Nutzungsvereinbarung, wonach die RWE Power AG der Kommune die leer stehenden Häuser übergangsweise zur Verfügung stellt, wie der Konzern auf Anfrage erklärt. Die Verwendung sei „grundsätzlich unentgeltlich“.

Fenster sind vernagelt, Tote umgebettet

Bis vor Kurzem wohnten in dem nahezu verlassenen Dorf noch fast 300 geflüchtete Menschen. In Abedinis Wohngemeinschaft herrschte zu der Zeit großes Gedränge. In dem zweistöckigen Backsteinhaus tummelten sich 13 Männer, Iraker, Iraner, Syrer. Inzwischen lebt es sich entspannter, man ist nur noch zu dritt. „Es ist ruhig, das ist gut“, sagt Abedini kurz vor seinem 24. Geburtstag. Im Dorf ist es ihm manchmal zu ruhig. „Wenn man jung ist, kann das schwer sein.“

Vor der Eingangstreppe des Hauses wuchert das Unkraut über die Gehwege. Fenster und Türen der Nebengebäude sind aus Angst vor Plünderern vernagelt. Die Toten vom Friedhof hat RWE umbetten lassen. „Es ist wie in einer Zombiestadt“, sagt Abedini.

Pauschale für die Überlassung der Häuser

So etwas wie Integration gibt es in Manheim-alt nicht. Die Lage sei „schon ziemlich einzigartig“, findet Manuel Carrasco Molina. Er gehört zum Patenkreis, eine lokale Initiative, die sich im sogenannten Flüchtlingssommer gegründet hat. Die Mitglieder treffen sich in der ehemaligen Grundschule. Sie gehen mit den geflüchteten Familien die Post durch, bieten Übersetzungen an und Computerkurse, unterstützen die Kinder bei den Hausaufgaben. „Wir versuchen, den Menschen irgendwie zu helfen“, sagt Carrasco Molina.  Und was tut RWE? Man helfe ja schon, indem man „für die Übergangszeit eine vernünftige Bleibe“ bereitstelle, heißt es lapidar vom Konzern. „Dafür sorgen wir mit der Überlassung der Häuser und mit einer angemessen Wartung und Betreuung“ - die sich RWE im Übrigen bezahlen lässt. Mit der Kommune habe man sich auf eine Pauschale verständigt, eine „Aufwandsentschädigung für Hausmeisterleistungen“.

Auf den Straßen patrouilliert der Werkschutz

Immerhin gibt es noch eine Internetverbindung, wenngleich eine ziemlich langsame. Mit seiner Familie im Iran hält Abedini über Whatsapp Kontakt. In seiner Heimat hat er Bauingenieurwesen studiert, sagt er, inzwischen als Asylbewerber anerkannt, in passablem Deutsch. Bald möchte er sich an einer deutschen Uni einschreiben, für die Aussicht auf einen Nebenjob fehlt ihm aber noch ein Sprachbasismodul. Solange hängt er in der tristen Umgebung fest. Draußen auf der Straße patrouilliert der Werkschutz von RWE. Eine Gruppe von Flüchtlingskindern ruft „Polizei! Polizei!“

An der Abbruchkante im rheinischen Braunkohlerevier werden geflüchtete Menschen in einem nahezu verlassenen Dorf untergebracht. Foto: Florian Pfitzner

Busse fahren in der Gegend nur noch selten. Steht ein Behördengang in Kerpen an, ist man schnell einige Stunden unterwegs. Zur Ablenkung spielt Abedini zwei, drei Mal die Woche in einem Verein Volleyball, sonst bleibt er zu Hause, liest Bücher. Es ist eine zweischneidige Sache, meint Carrasco Molina, der für die Grünen im Kerpener Rat sitzt: Die Stadt habe den Platz eines sterbendes Dorfes genutzt, um Flüchtlingen die Strapazen einer Notunterkunft zu ersparen. Gleichzeitig „leben sie hier am Arsch der Welt“.

Bis 2024 soll das Dorf abgebrochen sein

Zu Beginn hat er gefragt: „Wo sind eigentlich die Deutschen“, sagt Abedini. Von Braunkohle hatte er bis dahin nie etwas gehört, geschweige denn von dem Politikum im rheinischen Revier. Ganze Dörfer abgraben? „Ich habe das nicht verstanden.“

Bis 2024 soll Manheim-alt komplett abgebrochen sein. Die Nutzungsvereinbarung für die Flüchtlinge läuft noch bis August 2018. Bislang sieht die Stadt noch keinen Bedarf nach einer Verlängerung. RWE teilt vage mit, der Konzern werde „in Abhängigkeit vom Stand und der weiteren Planung des Rückbaus prüfen, was wir tun können“.

Vergangenheitsbewältigung in Manheim-neu

Im Ersatzort mit dem merkwürdigen Namen Manheim-neu sortiert eine Frau den Müll an den Containern eines quietschgelben Mehrfamilienhauses. 15 Jahre hat sie in Manheim-alt gelebt, bis sie ihre Heimat verlor. Auf eine Art verbindet sie das mit der syrischen Familie, die nun in ihrem ehemaligen Haus wohnt. Vor Weihnachten sei sie noch einmal hingefahren, erzählt sie im rheinischen Singsang. Sie habe den Kindern Schokolade mitgebracht, das war’s. „Es wäre falsch zu behaupten, ich hätte da irgendeine Beziehung aufgebaut.“

In Manheim-alt sitzt Mohammed Abedini an seinem Küchentisch und knackt eine Pistazie. Neulich hat er den Voreigentümer des Hauses gesehen, in dem er seit bald zwei Jahren lebt. Er sei Dachdecker, erzählt er. Der Mann habe kein Interesse an einem Gespräch gezeigt.