Widerstand wie einst im Wendland Umweltaktivisten protestieren gegen Braunkohleabbau

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Braunkohle-Gegner protestieren in Neurath (Nordrhein-Westfalen) vor dem Braunkohle-Kraftwerk gegen den Abbau und die Verstromung der Kohl. Foto: dpaBraunkohle-Gegner protestieren in Neurath (Nordrhein-Westfalen) vor dem Braunkohle-Kraftwerk gegen den Abbau und die Verstromung der Kohl. Foto: dpa

Kerpen. Tausende Umweltaktivisten protestieren im rheinischen Revier überwiegend friedlich gegen den Abbau der Braunkohle. Klimaschützer und die Gewerkschaft der Polizei in NRW kritisieren voreilige Vergleiche mit den Ausschreitungen beim G20-Gipfel in Hamburg.

Einige stehen nach dem heißen Tag freiwillig auf, die meisten aber lassen sich nur schwerfällig und unter großem Getöse wegtragen. Ihre weißen Maleranzüge hängen in Fetzen an ihnen herab, staubig vom Acker, auf dem sie seit Stunden verharren, eingekesselt von der Polizei, die nun mit der Räumung beginnt.

Drüben auf dem Hügel dampfen die Kühltürme des Kraftwerks Neurath, und die Klimaaktivisten empören sich in geübter Theatralik, sobald einer aus ihrer Gruppe härter angegangen wird. „Wir sind friedlich, was seid ihr?“, skandieren sie, und: „Stoppt die Gewalt!“

Tausende Braunkohle-Gegner

Tausende Menschen sind am Wochenende aufgebrochen, um sich im rheinischen Revier gegen die Nutzung der Braunkohle zu stellen. Es gibt Klimacamps, Workshops und Aktionen des „zivilen Ungehorsams“ für den sofortigen Ausstieg aus der Kohle - so nennt das Umweltbündnis „Ende Gelände“ seinen hartnäckigen Protest.

Einige Hundert Aktivisten schaffen es auf die Gleise der Nord-Süd-Trasse, schneiden das Kraftwerk des Energiekonzerns RWE so stundenlang von der Kohle ab. Ihr Plan ist aufgegangen und Insa Vries von „Ende Gelände“ freut sich nach den ersten Aktionstagen über den „großen Erfolg“.

Zwischen den Tagebauen entstehen Bilder, wie man sie jahrelang nur von den Atomkraftgegnern im niedersächsischen Wendland gekannt hat. Erst jetzt gewinne der Protest im Rheinland „so richtig an Zugkraft“, sagt Peter Weissenfeld vom Netzwerk Attac.

Der 64-jährige Kölner trägt ein rotes T-Shirt und eine rote Hose - die Farbe des Tages am Hambacher Forst, eine halbe Autostunde vom Kraftwerk Neurath entfernt. Nahe der Abbruchkante eines der riesigen Erdlöcher fassen sich rund 3.000 Menschen an den Händen, bilden eine „rote Linie“: Sie verlangen ein Ende der Abholzung des uralten Waldes zwischen Köln, Aachen und Mönchengladbach.

Bergarbeiter vom Protest genervt

Mit fast 24 Prozent hat Strom aus Braunkohle den zweitgrößten Anteil am deutschen Energiemix, hinter den Erneuerbaren Energien und noch vor Steinkohle, Kernkraft und Erdgas.

9.000 Menschen arbeiten nach Angaben des Konzerns für RWE Power. Die Bergarbeiter zeigen sich vom Protest zunehmend genervt. „Ohne Braunkohlestrom stirbt die ganze Region“, steht auf einem Plakat der Gewerkschaft Verdi am Kraftwerk Neurath, und - ziemlich arg zugespitzt: „Kein Bild, kein Ton? Deutschland ohne Braunkohlestrom.“

Peter Weissenfeld legt die Stirn in Falten. „Die ökologischen Gründe wiegen einfach schwerer“, sagt er. Gewiss, man habe Flächen wieder irgendwie nutzbar gemacht, es gibt eine „rheinische Rekultivierung“ mit neu angelegten Wäldern, Äckern und Seen - landschaftlich aber natürlich kein Vergleich zu vorher, raunt der Attac-Mann. „Nur ein Pflaster auf der Wunde.“

Überhaupt vergesse man bei den Überlegungen die Artenvielfalt, sagt Wibke Brems. Die Gütersloher Abgeordnete der Grünen hat sich auf der „roten Linie“ eingereiht. Sie kennt die realpolitischen Zwänge aus dem Landtag, hält den sofortigen Ausstieg aus der Kohlekraft für „sehr schwer“. Bis zum Jahr 2030 sollte sie aber doch gelingen, sagt Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir, die „Abkehr von den schmutzigen Kohlekraftwerken aus der Zeit von Sepp Herberger“.

Aktivisten aus ganz Europa

Jahrelang war der Widerstand eher ein regionales Phänomen. Nun sitzen Studentengruppen aus Großbritannien und Südeuropa auf Äckern und Bahngleisen im rheinischen Revier. Insa Vries blinzelt in die Abendsonne und lächelt siegesgewiss: „Es gibt inzwischen eine europäische Klimabewegung.“

Auf den Schienen der Kohlebahn steht Arnold Plickert, Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in NRW. Er scheint ganz zufrieden mit dem Einsatz, abgesehen von einem nächtlichen Zwillenangriff auf einen Polizeiwagen sei die Lage „stabil und ruhig“ geblieben. Der Aachener Polizeipräsident Dirk Weinspach sagt, er setze auf Deeskalation - ein angebrachter Kurs. Zumal das CDU-geführte NRW-Innenministerium in den Tagen zuvor einen Zusammenhang zwischen den Kohlegegnern und den gewalttätigen Ausschreitungen beim G20-Gipfel in Hamburg hergestellt hat. „Wer eine Sonnenbrille trägt, gehört noch lange nicht zum Schwarzen Block“, sagt der GdP-Vorsitzende Plickert. „Das hier ist keine Klientel wie in Hamburg.“

Auch RWE-Chef Rolf Martin Schmitz hat vor gewalttätigen Umweltschützern gewarnt, vor dem Aufbau der Klimacamps von „Ökoterroristen“ gesprochen. Auf dem Kraftwerkgelände Neurath stehen Wasserwerfer und Räumfahrzeuge, man weiß ja nie. „So kriminalisiert man legitime Protestformen“, sagt Insa Vries, während die Polizei die Aktivisten vom Acker in gemietete Linienbusse schleppt. Noch am Abend dürfen sie die Gefangenensammelstelle in Mönchengladbach wieder verlassen.


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