Wahlkampfauftritt in Herford Merkel trotzt Regen und Protest

„Lassen uns von niemandem hineinreden“: Angela Merkel auf dem Herforder Rathausplatz. Foto: Kiel-Steinkamp„Lassen uns von niemandem hineinreden“: Angela Merkel auf dem Herforder Rathausplatz. Foto: Kiel-Steinkamp

Herford. Gedämpfter als geplant sollte es ablaufen. Wegen des Anschlags in Barcelona hängen die Fahnen am Herforder Rathaus auf Halbmast, und als Angela Merkel am frühen Freitagabend bei der Veranstaltung ihrer CDU eintrifft, gibt es weder Musik noch irgendein Showprogramm. Aus Respekt haben die meisten Parteien Zurückhaltung im Wahlkampf verabredet.

Angela Merkel spricht von einem traurigen Tag. Man stehe zusammen gegen diejenigen, die „unsere Art zu leben zerstören wollen“, sagt die CDU-Chefin auf dem Rathausplatz. Von ganz hinten, am Herforder Münster, tönen grelle Pfiffe. Einige Männer halten AfD-Plakate hoch, brüllen der Bundeskanzlerin „Hau ab!“ entgegen, krakeelen auch während der Gedenkminute für die Terroropfer von Spanien. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt der Vorsitzende der ostwestfälisch-lipischen CDU, Ralph Brinkhaus, am Ende, „unsäglich.“

Obwohl es zu regnen begonnen hat, sind schon eine Stunde vor dem Auftritt der Bundeskanzlerin kaum noch Plätze am Rathaus frei. Ungefähr zweitausend Menschen sitzen auf den Bierbänken. „Sie haben Interesse an Frau Merkel – und an der CDU“, sagt der lokale Bundestagsabgeordnete Tim Ostermann. Brinkhaus erklärt der parteieigenen Moderatorin, wie die Menschen in der Region so ticken („Stehen zur Scholle“) und was ein Pömpel ist („Pfosten“). Im Publikum halten sie ihre Regenschirme fest und die ausgeteilten CDU-Wahlkampfpappen.

Gröhe: „Pfeifen und Rabauken“

Merkel ist da – heftiger Regen, heftige Pfiffe, höflicher Beifall. Als Hermann Gröhe, Spitzenkandidat der NRW-CDU zur Bundestagswahl, seine Vorsitzende begrüßt, zeigen die Herforder, dass die Anständigen klar die Mehrheit stellen. Sie jubeln, als Gröhe die „Pfeifen und Rabauken“ anspricht. Im sächsischen Annaberg-Buchholz gab es unter der Woche bereits ähnliche Bilder mit AfD- und Pegida-Anhängern. „Um uns herum scheint einiges nicht in Ordnung zu sein“, konstatierte Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU), und Merkel verteidigte ihre Flüchtlingspolitik.

In Herford bürstet sie zunächst die Autoindustrie ab, anschließend den türkischen Präsidenten. Im Wahlkampf verbittet sie sich Einmischungen jeder Art. „Wir werden uns von niemandem, auch nicht von Präsident Erdogan, hineinreden lassen“, tadelt sie. In Deutschland genieße jeder als Staatsbürger, auch die Deutsch-Türken, ein freies Wahlrecht. Erdogan hatte die türkischstämmigen Wähler in Deutschland aufgefordert, bei der Bundestagswahl am 24. September weder für die Parteien der Regierungskoalition noch die Grünen zu stimmen.

Merkel dankt denjenigen, die angepackt haben

Auf dem Rathausplatz nehmen bierselige Beobachter eine zweite und dritte Trillerpfeife in den Mund, als Merkel schließlich denjenigen dankt, die im Sommer der Flüchtlingsbewegung angepackt haben. „In den letzten vier Jahren haben wir auch harte Zeiten gehabt“, räumt sie ein: „Sie erinnern sich alle an das Jahr 2015, als so viele Flüchtlinge zu uns kamen.“ Ehrenamtliche und hauptamtliche Helfer hätten in einer humanitären Notlage herausragend reagiert, die geflüchteten Männer, Frauen und Kinder „wunderbar aufgenommen“, sagt Merkel. „Ich sage danke dafür.“

Es gießt wie aus Kübeln, als Merkel ihren Redebeitraf verkürzt. Man sei sich inzwischen einig, sagt sie noch: „Ein Jahr wie 2015 kann und darf sich nicht wiederholen.“ Sie habe inzwischen verstanden, dass es nötig sei, den Menschen in ihren Weltregionen zu helfen, bevor man sie in die Arme von Schleppern und Menschenfängern treibt und „ihr Leben in Gefahr setzt“.


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