150 Salafisten in OWL Bielefelder Lehrerin kämpft gegen salafistische Szene

Als junge Salafisten in der Bielefelder Innenstadt regelmäßig Korane verteilen, gab Birgit Ebel (dritte von rechts) mit ihrer Initiative „extremdagegen!“ im Gegenzug das deutsche Grundgesetz aus. Foto: Birgit EbelAls junge Salafisten in der Bielefelder Innenstadt regelmäßig Korane verteilen, gab Birgit Ebel (dritte von rechts) mit ihrer Initiative „extremdagegen!“ im Gegenzug das deutsche Grundgesetz aus. Foto: Birgit Ebel

Herford. In Ostwestfalen-Lippe leben rund 150 Menschen, die der salafistischen Szene zugerechnet werden. Mit dem Projekt „Wegweiser“ will das nordrhein-westfälische Innenministerium verhindern, dass die Szene wächst. Doch eine Lehrerin aus Bielefeld findet, dass zu wenig unternommen wird – und kämpft seit mehreren Jahren selbst gegen die Salafisten an.

„Im Bereich der Prävention wird immer noch zu wenig getan. Die Sicherheitsbehörden sind überfordert mit dem Ausmaß extremistischer Gewalt und viele Menschen wollen gar nichts von dem Thema hören“, sagt die Bielefelderin Birgit Ebel, die als Lehrerin an einer Schule in Herford arbeitet. Noch bis vor wenigen Jahren habe sie sich selbst kaum mit Islamismus befasst. Mittlerweile sieht das anders aus: Zum Treffen kommt sie mit einer dicken Mappe voller Informationen über Salafisten aus Herford und Umgebung, Fotos und Zeitungsberichten über die Aktionen ihrer Präventionsinitiative.

2900 Salafisten in NRW

Rund 2900 Salafisten verzeichnet das nordrhein-westfälische Innenministerium im Land. In Ostwestfalen-Lippe werden 150 Menschen zur salafistischen Szene gerechnet, 20 davon leben in Herford. „In der Regel halten sich die meisten in Ballungszentren auf, im Ruhrgebiet beispielsweise“, sagt ein Ministeriumssprecher. Mindestens vier bekannte IS-Terroristen kommen aus Herford.

Recherche im Internet

Durch einen fremden 15-Jährigen sei Birgit Ebel vor drei Jahren auf das Salafismusproblem in der Region aufmerksam geworden. Der Jugendliche habe sich in ihrem Unterricht als neuer Schüler ausgegeben und diesen massiv gestört. Die anderen Schüler hätten behauptet, den Schüler nicht zu kennen. Bei einer Recherche im Internet und bei Facebook habe sie Fotos gefunden, auf dem der Schüler mit Waffen – möglicherweise Attrappen – posiert habe. Schließlich habe sie sich an die Kripo gewandt und Kontakt zum Staatsschutz aufgenommen.

Projekt „extremdagegen!“ aufgebaut

„Ich habe weiter gesucht und bin bei Facebook auf gefährlich wirkende Profile gestoßen.“ Viele Schüler hätten Salafisten in ihren Freundeslisten gehabt und radikale Inhalte gepostet. „Ich glaube, viele Jugendliche wissen oft gar nicht, mit wem sie da online befreundet sind. Und die Eltern bekommen davon erst recht nichts mit.“ Zusammen mit anderen Erwachsenen baute sie das Projekt „extremdagegen!“ auf. Seit September 2014 klärt sie gemeinsam mit Jugendlichen über die Themen Extremismus und Salafismus auf. In den vergangenen drei Jahren seien knapp 70 Jugendliche aktiv geworden.

Die Initiative werde häufig zu Veranstaltungen eingeladen, Ende Juni beispielsweise zu einer internationalen Frauenkonferenz in den Bundestag. „Wir wollen verhindern, dass Jugendliche in diese extremistischen Szenen abdriften. Also bieten wir Alternativen an und zeigen mit Aktionen und Projekten, dass sich das Leben in der Demokratie lohnt“, sagt Ebel. Besonders häufig zögen Salafisten entwurzelte Jugendliche in ihren Bann, häufig seien es junge Männer, die ohne Vater aufgewachsen oder in einer Lebenskrise sind.

Initiative des Innenministeriums

Das Innenministerium will die Szene auf zwei Arten bekämpfen. „Zum einen werden Straftaten knallhart geahndet, zum anderen haben wir das Präventionsprogramm ‚Wegweiser‘ ins Leben gerufen“, sagt der Sprecher des Ministeriums. Dort werden Angehörige von Menschen beraten, die in die salafistische Szene abzurutschen drohen, individuelle Hilfsangebote für gefährdete Jugendliche gemacht und Lehrer sensibilisiert. So soll verhindert werden, dass Jugendliche sich radikalisieren.

13 Beratungsstellen

Landesweit gibt es derzeit 13 Beratungsstellen, in diesem Jahr sollen noch zwölf dazukommen. Seit Mai ist „Wegweiser“ auch mit jeweils einem Büro in Herford und Bielefeld vertreten. „Das Angebot wird sehr gut angenommen. Bislang gab es etwa 6000 Kontakte verschiedener Art“, sagt der Ministeriumssprecher. In 390 Fällen seien Angehörige gefährdeter Jugendliche intensiv beraten worden.

Begegnung fördern

Dennoch glaubt Ebel, dass zu wenig gegen radikalen Salafismus unternommen wird. Vor allem an Schulen sei das ein Tabuthema. Dort herrsche das große Schweigen, vielleicht aus Angst um den eigenen Ruf. „Viele Menschen haben Angst und es ist ihnen unangenehm, öffentlich über das Thema zu sprechen“, erklärt Omar Aref, warum seiner Meinung nach so wenig gegen den Salafismus getan werde. Der 23-jährige Herforder kommt gebürtig aus dem Libanon und ist gläubiger Moslem. Seit zwei Jahren macht er bei „extremdagegen!“ mit. Vor Kurzem gründete er den interkulturellen Sport- und Bildungsverein Herford. „Wir wollen die offene Begegnung fördern. Die Begegnung von Menschen ist die beste Prävention vor Rassismus. Es sind die Ausgegrenzten, die Halt im Radikalen finden“, sagt er.

Fatih Gündag (23) engagiert sich ebenfalls in dem Verein und will gegen Vorurteile kämpfen. „Das Thema geht uns etwas an, weil wir Muslime sind. Alle werden in einen Topf geworfen, doch es gibt Millionen integrierter Muslime, die hier für die Demokratie kämpfen“, sagt er. „Manchmal werden wir auf der Straße komisch angeguckt. Wir wollen nicht darunter leiden.“


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