Unachtsamkeit als Ursache A-33-Unfall mit Windradflügel – Lkw-Fahrer saß rauchend am Steuer

Von Meike Baars

67 Meter lang, verborgen und zerborsten: Dass der Windradflügel keinen größeren Schaden anrichtete, nennen die Helfer auf der Autobahn „das Wunder von der A 33.“ Foto: Christian Mathiesen67 Meter lang, verborgen und zerborsten: Dass der Windradflügel keinen größeren Schaden anrichtete, nennen die Helfer auf der Autobahn „das Wunder von der A 33.“ Foto: Christian Mathiesen 

Osnabrück. Zentimeter entschieden über Leben und Tod: Der Schwerlast-Unfall auf der A 33 bei Bielefeld ist glimpflich ausgegangen. Ein riesiger Windradflügel bohrte sich in gleich drei Fahrzeuge. Die Fahrer überlebten durch viel Glück. Der mutmaßliche Verursacher gibt Unachtsamkeit zu.

Die Frontscheiben zertrümmert, die Führerhäuser durchbohrt, die Dächer abgefräst: Totalschaden an gleich zwei Lastwagen. Den Helfern auf der A 33 bei Bielefeld bot sich am Dienstag ein Bild der Verwüstung – angerichtet vom 67 Meter langen Rotorblatt eines Windkraftrades, das bei dem Schwerlast-Unfall die Fahrzeuge durchstochen hatte.

„Wunder auf der A 33“

Den Schaden beziffert die Polizei inzwischen auf mehr als eine halbe Million Euro. Trotzdem sprechen die Einsatzkräfte vom „Wunder auf der A 33“. Denn dass alle Beteiligten den Unfall überlebten, niemand lebensgefährlich verletzt wurde, scheint angesichts der gewaltigen Zerstörungskraft, die bei dem Aufprall freigesetzt wurde, als pures Glück.

Als Verursacher gilt der 61-jährige Fahrer eines Lkw, der offenbar das Begleitfahrzeug des Schwerlasttransporters übersah, der das Rotorblatt transportierte. Bei einem anschließenden Ausweichmanöver fuhr der 61-Jährige auf die Spitze des Windradflügels auf. Das massive Motorblatt bohrte sich durch das Lkw-Führerhaus. Bei dem Aufprall wurde das Windrad vom Schwerlaster geschoben und schwenkte mit der Spitze voran auf die Gegenfahrbahn.

„Und dann war es nur noch ein Knirschen und Rauschen“

Dort prallte ein zweiter Lkw gegen den Flügel. Der 46-jährige Fahrer wurde dabei schwer verletzt. Auch an seinem Fahrzeug entstand ein Totalschaden. Ein weiteres Auto touchierte das Windrad und wurde beschädigt.

Vor WDR-Kameras hatte der 61-jährige Lkw-Fahrer schon unmittelbar nach dem Unfall eine Mitschuld eingeräumt. „Ich weiß noch, dass ich geraucht habe und einen Kaffeebecher in der Hand hatte. Und dann war es nur noch ein Knirschen und Rauschen und dann war’s vorbei“, sagte der sichtlich aufgewühlte Mann. Die Warnleuchten des Begleitfahrzeuges habe er wohl zu spät gesehen.

Das Rotorblatt bohrte sich durch zwei Lkw. Die Fahrer wurden verletzt, aber sie überlebten den Unfall. Foto: Christian Mathiesen

Sein Schuldeingeständnis habe der Fahrer später gegenüber den Ermittlern wiederholt, bestätigt Polizeisprecherin Kathryn Landwehrmeyer. Der 61-Jährige müsse sich nun wegen fahrlässiger Körperverletzung und Unachtsamkeit im Straßenverkehr verantworten.

Um wenige Zentimeter verfehlt

Dass er selbst bei dem Unfall lediglich ein paar Kratzer davontrug, sei nicht mehr als eine Laune des Schicksals gewesen, glaubt der Lkw-Fahrer. Normalerweise sitze er erhöht im Führerhaus. Ausnahmsweise habe er an diesem Tag seinen Sitz aber tiefer eingestellt als sonst. „Warum auch immer, ich weiß es nicht.“ So verfehlte ihn das riesige Rotorblatt um wenige Zentimeter. Sie entschieden über Leben und Tod.

Die Bergung nach dem Unfall stellte die Rettungskräfte vor große Herausforderungen. Zwei Spezialkräne mussten den verbogenen und zerborstenen Flügel von der Fahrbahn heben. Mit Helmen, Masken und Spezialkleidung schützten sich die Helfer vor feinsten Fieberglassplittern. 15 Stunden dauerte es, bis das riesige Rotorblatt von der Autobahn geräumt war. Der Verkehr staute sich kilometerweit.


Logistische Höchstleistung: Transport von Windrädern

Deutschland hat nach Angaben des Bundesverbandes Windenergie 27 270 Windräder (Stand: Ende 2016). Vergangenes Jahr wurden 1624 davon neu errichtet. Gängige Anlagen sind heute bis zu 130 Meter hoch, rund 90 Meter Durchmesser haben ihre Rotoren. Die Einzelteile werden erst am Standort zusammengesetzt.

Die Gondel, an welcher der Rotor angebracht ist, wird in der Regel komplett montiert per Lkw dorthin gefahren. Sie kann je nach Leistung des Windrades zusammen mit dem Rotor bis zu 109 Tonnen wiegen. Wenn die Rotorblätter maximal 35 Meter lang sind, werden meist alle drei mit einem Mal transportiert. Sind sie länger, dann einzeln.

Die gängigsten Türme sind aus Stahl. Diese sind in zwei bis fünf Segmente von je 20 bis 30 Meter Länge unterteilt, wovon jedes bis zu 250 Tonnen wiegen kann. Haben sie einen Durchmesser von mehr als vier Metern ist der Transport – etwa unter Brücken hindurch – schwierig. Zuweilen werden sie dann erst am Standort hergestellt.