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So werden Sie glücklich(er) An Bielefelder Schule wird „Glück“ unterrichtet

Was ist Glück? Auf diese Frage gibt es keine Universal-Antwort, sagt Martina Reiske, Schulleiterin an der Sudbrackschule in Bielefeld. Foto: Nadine GrunewaldWas ist Glück? Auf diese Frage gibt es keine Universal-Antwort, sagt Martina Reiske, Schulleiterin an der Sudbrackschule in Bielefeld. Foto: Nadine Grunewald

Bielefeld. Eigentlich strebt doch jeder danach, glücklich zu sein. Eine Bielefelder Schule hilft seinen Schülern dabei, genau das zu werden – in der Arbeitsgemeinschaft „Glück“. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes sieht das aber skeptisch.

Der Stundenplan der Viertklässler der Sudbrackschule, einer Grundschule in Bielefeld, hebt sich wohl von den meisten anderen in Deutschland ab: Donnerstag, 1. Stunde: Glück, steht da. Seit dem neuen Schulhalbjahr wird diese Arbeitsgemeinschaft (AG) angeboten. Die Teilnahme ist freiwillig – und obwohl die 89 Viertklässler die erste Stunde am Donnerstag sonst frei hätten, nehmen alle daran teil.

Schulleiterin will Kinder stärken

Doch wie kommt eine Schulleiterin darauf, neben Fächern wie Mathe und Deutsch eine solch außergewöhnliche AG anzubieten? „Viele Menschen sind pessimistisch und suchen nach dem Glück. Schon die Kinder haben sehr viel erlebt, wenn sie in die Schule kommen: Trennungen der Eltern, Flucht- und Gewalterfahrungen. Wenn nicht persönlich, dann durch die Medien. Das ist in der Vergangenheit gefühlt mehr geworden. Deshalb ist es wichtig, dass wir die Kinder stärken“, sagt Martina Reiske.

Die Ziele der AG

In der AG wenden die Lehrer häufig Erlebnispädagogik an. Zum Beispiel, wenn sich alle Kinder in einen Kreis stellen und ein Seil festhalten. Am Ende soll zwischen jedem Kind ein Knoten im Seil sein – ohne dass jemand dieses zwischendurch losgelassen hat. Zu lernen, dass man gemeinsam etwas erreichen kann, ist eines der Ziele der AG. „Die Schüler sollen ihre Stärken kennenlernen und sich fragen, welche Visionen sie haben und wie sie diese verwirklichen können. Sie sollen ihre Ziele und Herzenswünsche formulieren und dabei mögliche Hindernisse in den Blick nehmen“, erklärt Reiske. Das kann zum Beispiel die Frage sein, welchen Beruf man später ausüben möchte oder was man in der weiterführenden Schule erreichen möchte. Gerade weil die Viertklässler mit der ungewissen Zukunft kämpfen, müssten sie gestärkt werden.

Mehrere Lehrer ausgebildet

Als Reiske nach ihrer einjährigen Glücksausbildung den Eltern ihre Idee vorstellte, seien einige zunächst skeptisch gewesen. Am Ende des Infoabends aber waren sie laut Reiske aber begeistert. Genauso, wie es die Schüler jetzt sind: „Sie kommen morgens müde an und wünschen sich nach der Stunde, dass sie jeden Tag so starten können“, sagt Lehrerin Viviane Schimmang, die seit Sommer ebenfalls zur Glückslehrerin ausgebildet wird. Bereits fünf weitere Lehrer sowie Schulsozialarbeiter, vier Studenten und eine ehrenamtliche Mitarbeiterin des Kinderschutzbundes sind zum Glückslehrer ausgebildet worden.

Was den Schülern gefällt

Und was gefällt den Schülern so gut an ihrer AG? „Wir haben schon mal ein Kopfkino gemacht und uns dabei vorgestellt, wie es in der neuen Schule ist. Das ist gut, weil ich schon aufgeregt bin“, sagt der zehnjährige Kai. Gabriel und Lucy (beide 10) finden die Spiele toll, bei denen sich die Kinder gegenseitig helfen müssen. „Die Schule fällt einem danach leichter und man ist nicht mehr so gestresst“, sagt die ebenfalls zehnjährige Incila.

DL-Präsident skeptisch

Während die AG an der Sudbrackschule so gut ankommt, steht Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), dem Thema eher skeptisch gegenüber. „Glück ist nicht einfach vermittelbar, sondern eine vielfältige Angelegenheit. Damit werden Erwartungen geweckt, die so einfach nicht erfüllt werden können“, sagt er. Solange eine Schule „Glück“ als Wahlfach anbiete, spreche nichts dagegen. „Als Pflichtfach möchte ich das aber nicht. Jedes neue Fach, das ich einführe, kostet Zeit für andere Fächer. Und wir hätten Grund, zentrale Fächer wie Deutsch oder Mathematik zu stärken.“ Zudem werde das Thema „Glück“ auch in Ethik, Religion oder literarischen Fächern behandelt.

Was ist Glück?

Doch was ist überhaupt Glück? Gabriel ist glücklich, wenn es seiner Familie gut geht oder er sich mit Freunden trifft; Kai, wenn er etwas bekommt, was er sich lange gewünscht hat; Lucy, wenn sie mit ihrer Familie zusammen ist und Incila, wenn sie bei ihrem Pflegepferd sein kann. Laut dem Duden ist Glück ein „Zustand der inneren Befriedigung und Hochstimmung“. Für Schulleiterin Reiske ist es ein Zustand, den jeder selbst herstellen muss und der zur Zufriedenheit führt. Und: „Es ist etwas sehr Individuelles.“

Vorreiter aus Heidelberg

Die Sudbrackschule ist nicht die erste Schule, an der „Glück“ unterrichtet wird. Vorreiter war die Heidelberger Willy-Hellpach-Schule. Eingeführt wurde das Fach dort vom ehemaligen Schulleiter Ernst Fritz-Schubert, bei dem auch Reiske ihre Ausbildung zur Glückslehrerin machte. Zwar sei sie schon immer ein positiver Mensch gewesen, doch seit der Ausbildung packe sie schwierige Aufgaben noch direkter an. „Das Bewusstsein für die Dinge, die ich tue, ist anders geworden. Ich habe immer im Hinterkopf, was die positiven Aspekte an einer Entscheidung sind.“

An der Sudbrackschule soll die AG auch im kommenden Jahr weitergeführt werden. In der vierten Klasse auf jeden Fall – und bei Lehrerkapazitäten auch in den untereren Jahrgängen.


So werden Sie glücklich(er)

Die Schulleiterin der Sudbrackschule, Martina Reiske, hat ein paar Tipps, wie jeder ein bisschen glücklicher werden kann:

  • Gucken Sie immer erst auf das Positive. Was ist gut an einer Sache?
  • Wenn etwas Negatives mitschwingt, fragen Sie sich, wie Sie es minimieren können.
  • Gehen Sie Ihre Visionen auch wirklich an.
  • Lassen Sie sich von Enttäuschungen nicht von Ihrem Ziel abbringen.

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