Weinert Brothers aus Rheda-Wiedenbrück Ostwestfalen filmen Elend der Welt und begeben sich dafür in Gefahr


Osnabrück. Sie sprechen mit Rebellen im Kongo oder Menschenhändlern in Dubai und lassen dabei heimlich die Kamera laufen. Für ihre Dokumentationen über das Elend der Welt bringen sich Patrick und Dennis Weinert aus Rheda-Wiedenbrück in Gefahr.

In Dubai haben Dennis und Patrick Weinert die Nerven verloren. Vollkommen niedergeschlagen sitzen die beiden in ihrem Hotelzimmer. „Wir riskieren unser Leben für den Dreck und dann funktioniert das wieder nicht“, sagt Dennis Weinert enttäuscht und fährt sich mit der Hand über das Gesicht. Sein Bruder Patrick starrt ins Leere, bringt keinen Ton heraus. Die Kamera hält die entsetzliche Situation fest. Der Dreck von dem Dennis Weinert spricht, ist ihr Job.

Eigentlich kommen die beiden Brüder aus dem beschaulichen Rheda-Wiedenbrück in Ostwestfalen. Weniger als 50.000 Einwohner zählt die Stadt, in der Dennis, 24 Jahre, und Patrick, 22 Jahre, ihre Kindheit und Jugend verbracht haben. Mehrere Millionen Einwohner zählen die Städte, Regionen und Länder, in denen sie nun leben und arbeiten. Dubai oder Bangkok, Nepal, Burkina Faso oder der Kongo – als Journalisten spüren die Brüder Orte auf, an denen Menschenrechte mit Füßen getreten werden.

In Dubai sind die Weinerts illegaler Zwangsprostitution auf der Spur. Getarnt als Freier sprechen sie mit Zuhältern und Prostituierten. Das Handy, verstaut in der Hemdtasche, filmt heimlich, was sich hinter der glitzernden Hochhausfassade der Millionenstadt verbirgt. Prostitution und außerehelicher Sex sind in den Vereinigten Arabischen Emiraten verboten. Doch wenn genug Geld im Spiel ist, schauen Polizisten weg und Freier erhalten, was sie wünschen. Für die Undercover-Recherche riskieren die Brüder Weinert viel. Was ihnen blüht, wenn sie beim Filmen entdeckt werden, möchten sie sich nicht ausmalen. Bislang hatten sie Glück. „Wir sind jedes Mal sehr froh, wenn wir heil aus diesen Situationen herauskommen“, sagt Dennis Weinert im Gespräch mit unserer Redaktion. Umso ärgerlicher sei dieser Moment in Dubai gewesen, als sie bemerken, dass ihre letzten Aufnahmen umsonst waren. Die SD-Karte ist futsch, die neusten Bilder aus illegalen Bordellen sind verloren.

Doch die Brüder sind zu diesem Zeitpunkt fast am Ende ihrer Recherche und haben noch ausreichend Material zur Hand. Von 2015 bis 2016 reisen sie durch Osteuropa, den Mittleren Osten und Südostasien, sind Menschenhandel und illegaler Prostitution auf der Spur. Ende Februar werden sie auf ihrer Homepage den Dokumentarfilm dazu veröffentlichen. Parallel arbeiten sie aktuell an einem Buch über den Menschenhandel in Indien und Nepal.

In Burkina Faso erkrankte Patrick Weinert schwer. Foto: Weinert Brothers

Produktion im ostwestfälischen Kinderzimmer

Früher folgte auf die Reise in die große, weite Welt die Arbeit im kleinen Kinderzimmer. Im Haus ihrer Familie schnitten die Brüder Sequenzen zusammen, wählten die besten Bilder aus und feilten an den Texten zu ihren Geschichten. Neuerdings ist Bangkok ihr Lebensmittelpunkt. Seit einigen Tagen leben und arbeiten die Brüder in Thailand. Vom südostasiatischen Raum erhoffen sie sich spannende Geschichten und einfache Reisewege. Das Kinderzimmer in Rheda-Wiedenbrück werden sie erst im Sommer wiedersehen. Im Skype-Gespräch erzählen sie von ihren Anfängen.

Weinert Brüder wollten frei sein

„Wir waren keine Fans von der Schule“, sagt Schulabbrecher Patrick. „Ich habe die Schule gehasst, und habe sie nur abgeschlossen, weil ich es musste“, sagt Dennis, der dafür sein Studium abbrach. Schon früh waren sich die Brüder, die nur zwei Jahre trennen, einig: Sie wollten frei sein und eigenständig kreativ arbeiten. Die Kamera faszinierte sie. Freunde und Familie spannten sie als Kinder für eigene Horror- und Actionfilme ein. Erst wurde ein Skript geschrieben, anschließend kam Opa als Mafiosi zum Einsatz. Vor wenigen Jahren wird aus dem Spaß dann Ernst. Als Patrick beschließt, sein Abitur nicht abzulegen, schmeißt Dennis sein Fernstudium. Mit der Kamera wollen sie sich selbstständig machen – ohne journalistische Ausbildung starten sie ins Ungewisse und veröffentlichen unter dem Namen Weinert Brothers fortan Dokumentarfilme und Fotos.

Massive Armut am anderen Ende der Welt

Die Neugier weckt ihr Fernweh. Doch statt wie Touristen mit dem Rucksack von Attraktion zu Attraktion zu pilgern, wenden sie sich dem Elend der Welt zu. Nach ihrer ersten Reise auf die Philippinen berichten sie von Kindern, die für eine Holzkohlefabrik arbeiten. Später besuchen sie in Manila die Slums und ziehen im Kongo mit Rebellen durch den Busch. Schon vor ihrer Reise nach Dubai zeigen sie, dass in Indien und Nepal Menschenhandel und illegale Prostitution zum Alltag gehören. Ihren Zuschauern wollen sie einen Einblick in diese fremde Welt geben, ihre Protagonisten mit einem Teil ihrer Einnahmen unterstützen. „Uns geht es in Deutschland sehr gut. Wir leben in Sicherheit und Stabilität, weil wir im richtigen Land geboren wurden“, sagt Dennis Weinert. „Aber in diesen Krisengebieten hat die Bevölkerung keine Chance auf ein gutes Leben.“ Vielen Deutschen sei nicht klar, dass andere Kulturen in massiver Armut leben. Die Brüder wollen das ändern.

Ihre Eltern hätten sie stetig an ihren Job gewöhnt, erzählen sie. Langsam arbeiten sie sich von Projekt zu Projekt. Während sie ihre Reisekasse zu Beginn noch mit gelegentlichen Werbedrehs finanzieren, können sie inzwischen von ihren Dokumentationen, Bildbandveröffentlichungen und Auftragsarbeiten beispielsweise für den Discovery Channel oder das junge Netzwerk von ARD und ZDF, Funk genannt, leben. Zudem verkaufen sie über ihren Onlineshop Postkarten und Kalender. „Wir versuchen, unsere Kosten kleinzuhalten“, sagt Patrick Weinert. „Am Ende kommen wir mit unseren Einnahmen gerade so zurecht.“

Wenn sie in fernen Regionen unterwegs sind, melden sie sich täglich bei ihren Eltern. Stehen heikle Dreharbeiten an, hinterlassen sie Notfalltelefonnummern. Trotzdem verraten sie ihrer Familie nicht alle Details. „Oft spielen wir die Gefahr für sie herunter“, sagt Patrick. „Unsere Familie soll ruhig schlafen können.“

Sind die Strapazen den Job wert?

Dass die Gefahr auch abseits der Kriminalität lauert, bekommen die Brüder auf ihrer Reise in Burkina Faso zu spüren. Patrick fängt sich einen Parasiten ein und erkrankt schwer. Eine Woche kann er nicht das Bett verlassen, erst nach zwei Monaten hat sich Patrick komplett erholt. „In diesem Moment habe ich mich gefragt, ob diese Strapazen es wert sind“, sagt sein älterer Bruder Dennis. „Wir sind nicht unverwundbar. Würden wir einem normalen Bürojob nachgehen, hätten wir solche Probleme nicht und jeden Monat regelmäßig Geld auf unserem Konto.“ Diese Gedanken sind jedoch schnell vergessen, wenn die beiden Ostwestfalen ihre Filme und Fotos sehen. „Dann können wir über Situationen wie in Burkina Faso oder Dubai auch wieder lachen“, sagt Patrick. Das nächste Abenteuer kommt somit bestimmt.


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