„Das System ist krank“ Hendricks unter Feinden: Bundesministerin trifft auf Bauern


Porta Westfalica. Vor rund 300 Bauern in Nordrhein-Westfalen hat Bundesumweltministerin Barbara Hendricks am Freitagabend versucht, ihre Vorstellung von Landwirtschaft zu verteidigen. Auf Verständnis stieß sie dabei nicht. Beobachtungen aus Porta Westfalica.

Nein, Freunde werden die Landwirte und Bundesumweltministerin Barbara Hendricks nicht mehr. „Quatsch“, „Unsinn“ und „Blödsinn“ waren am Freitagabend die Begleitworte eines Vortrags der SPD-Politikerin, den sie dort hielt, wo sie nun wirklich niemand mag: auf einem Verbandstag von Landwirten in Nordrhein-Westfalen.

An gute Manieren erinnert

Die Gastgeber wussten wohl um die Brisanz der Situation. Und so mahnte ein Vertreter des Kreisverbandes Minden-Lübbecke noch vor Eintreffen der Ministerin: „Keine Kommentare unter der Gürtellinie!“ Gäste müsse man stets zuvorkommend behandeln. Die Erinnerung an die guten Sitten war nicht grundlos. Hendricks ist in diesen ökonomisch wie gesellschaftlich schwierigen Zeiten für Bauern zur Hassfigur geworden.

Hendricks und die Bauernregeln

Immer wieder hatte sich die Umweltministerin in den vergangenen Monaten zu Agrarthemen geäußert. „Ich bin nicht für Agrarpolitik zuständig, aber für den Schutz von Boden, Wasser, Luft und für Artenvielfalt“, begründete sie ihr Engagement zuletzt in einem Interview. Mit der mittlerweile gestoppten Bauernregeln-Kampagne brachte sie dann etwas zum Überlaufen, was schon länger gekocht hatte. Der Protest war so laut und breit, dass die SPD-Politikerin einknickte, die Kampagne stoppte und sich öffentlich entschuldigte. (Weiterlesen: Bauernregeln: Reim-Kampagne kostet bis zu 1,6 Millionen Euro)

„Das System ist krank“

Damit müsse es dann aber auch endlich mal gut sein, befand die Ministerin am Freitagabend zum Auftakt ihrer Rede, die von allerlei Unmutsbekundungen begleitet wurde. Mal wurden die Bauern wütend, mal Hendricks und immer redeten sie aneinander vorbei. „Das System ist krank“, rief die Umweltministerin an einem Punkt in den Saal, als eine Landwirtin die Politik für die halbwegs überstandene Milchkrise der vergangenen Monate verantwortlich machte. Ein anderer beschwerte sich darüber, dass der örtliche Landkreis Hecken zu stark zurückschneide.

Entgeistert nahm die Ministerin solche Wortmeldungen und Schuldzuweisungen zur Kenntnis. „Sie sollen eine Tradition weiterführen, ohne dabei immer wachsen zu müssen“, versuchte sie, ihre Vorstellungen einer zukunftsfähigen Landwirtschaft zu skizzieren. So wie jetzt geht es ihrer Auffassung nach nämlich nicht weiter. Die Artenvielfalt und damit die Schöpfung werde zerstört. Ein Zuhörer schimpfte: „Und die Schuld kriegen immer die Bauern.“

Mettwurst und Eierlikör

Man verstand einander nicht, auch wenn man im Ziel einig ist: Auch künftig sollen Bauern in Deutschland wirtschaften können. Wie die Ausgangslage zu bewerten ist, darin werden Hendricks und die Bauern aber wohl nicht mehr einig. Sie sei dennoch ganz zufrieden mit dem Auftritt gewesen, sagte Hendricks danach dem Lokalradio. Alles sei gesittet abgelaufen. Als Dank bekam die Ministerin vom Verband Mettwurst und Eierlikör.

Derweil entwickelt die von ihr gestoppte Bauernregeln-Kampagne ein Eigenlegen: Tierschutzaktivisten vom „Deutschen Tierschutzbüro“ kündigten an, die umstrittenen Reime in mehreren deutschen Städten zu plakatieren. Wo und in welcher Auflage blieb zunächst offen. Im Internet mutmaßen Bauern nun, Hendricks habe den Aktivisten ihre Plakate überlassen. Die Ministerin versicherte, dass sie damit nichts zu tun habe. „Uns hat niemand gefragt“ und ihr Ministerium überprüfe jetzt, ob es sich rechtlich verhindern lasse. Und in Anspielung auf eines der Plakate sagte sie: Sie wisse genau, dass ein Schwein nicht auf einem Bein stehen könne. Immerhin darin war man sich an diesem Abend einig.


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