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Kreuz oberflächlich intakt Gestohlenes Borghorster Stiftskreuz ist wieder da


KNA/pm Münster. Große Erleichterung in Westfalen: Das vor mehr als drei Jahren gestohlene Borghorster Stiftskreuz ist wieder aufgetaucht. Münsters Bischof Felix Genn präsentierte sichtlich erfreut bei einem Pressegespräch am Freitag das auf mehrere Millionen Euro geschätzte Kunstwerk.

„Das Borghorster Stiftskreuz ist wieder heil und unversehrt zurück“, sagte Genn. Er sprach von einem „wichtigen und freudigen Ereignis“. Zugleich lobte er die Polizei, den ehemaligen Generalvikar Norbert Kleyboldt und den von der Diözese beauftragten Osnabrücker Rechtsanwalt Jürgen Römer. Das Kreuz, bei dem der moderne Plexiglas-Fuß fehlt, soll noch gründlich überprüft werden.

Das Kunstwerk aus dem 11. Jahrhundert war laut Römer am Dienstagabend in einer Bremer Anwaltskanzlei übergeben worden. „Es ist kein Geld geflossen“, sagte der Anwalt. Eine wesentliche Rolle habe der Mann gespielt, der als Auftraggeber des Raubes verdächtigt wird und vor fünf Monaten festgenommen worden war.

(Lesen Sie auch: Erste Spur von Dieben des Borghorster Stiftskreuzes)

Angeklagter aus Untersuchungshaft entlassen

Wegen des Raubes hatte das Landgericht Münster 2015 drei Männer aus Bremen zu Freiheitsstrafen zwischen viereinhalb bis fünf Jahren verurteilt. Ein vierter angeklagter Mann wurde derweil aus der Untersuchungshaft entlassen, teilte das Landgericht Münster mit.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, das Kreuz von den drei verurteilten Männern gekauft zu haben. Vor der Freilassung hatte der Mann laut Staatsanwaltschaft erklärt, er kenne den aktuellen Besitzer des Kreuzes und könnte dieses wiederbeschaffen. Ein Schuldeingeständnis habe es jedoch nicht gegeben; der Angeklagte streitet die Tat weiter ab.

„Historisch-religiöse Bedeutung“

Wegen der „historisch-religiösen Bedeutung“ des Kreuzes, habe das Gericht dem Mann bei einer unbeschädigten Rückgabe des Reliquienkreuzes Einfluss auf das Strafmaß in Aussicht gestellt, sollte es zu einer Verurteilung kommen. Eine Fluchtgefahr sieht das Gericht nicht gegeben und geht davon aus, dass der Mann sich auch ohne Untersuchungshaft stellen werde.

Der Angeklagte muss sich ab 8. März vor dem Landgericht verantworten; der mutmaßliche Auftraggeber wurde vor fünf Monaten festgenommen. Auch zwei der drei verurteilten Täter bereuen nach den Worten des Rechtsanwalt Römers ihre Tat und hätten Informationen zur Wiederbeschaffung des Kreuzes geliefert. Sie verbüßen ihre Strafe nun im offenen Vollzug. Die vier Männer gehören zu einer mafiaähnlich organisierten libanesisch-arabischen Großfamilie in Bremen.

Täter auf Tankstellen-Videos erkannt

Die etwa 40 Zentimeter große Arbeit aus Gold und Edelsteinen war am 29. Oktober 2013 aus der Nikomedes-Kirche in dem westfälischen Ort Steinfurt-Borghorst gestohlen worden. Die Diebe brachen eine diebstahlgesicherte Vitrine auf und entwendeten das Kreuz, das als Zeugnis sakraler Kunst aus der Salierzeit gilt. Zeugen hatten die Täter mit einem Kombi beobachtet und später auf Tankstellen-Videos wiedererkannt.

Nach den Worten Genns ist noch offen, wann das Kreuz nach Borghorst zurückkehren wird. Er habe jeden Tag für die Rückkehr gebetet und werte die Rückgabe als Erhörung. „Hier haben Himmel und Erde zusammengewirkt“, so der Bischof. Ähnlich äußerte sich der inzwischen emeritierte Borghorster Pfarrer Heinrich Wernsmann.

Bedeutung des Raubgutes zunächst nicht bewusst

Laut Kleyboldt war den Dieben die Bedeutung des Raubgutes zunächst nicht bewusst. Ihnen sei aber schnell der ideelle Wert klar geworden und daher hätten sie das Gold nicht eingeschmolzen. Zwischenzeitlich habe ein Polaroid-Foto mit einer Zeitung im Hintergrund belegt, dass das Kreuz existiert. Die aus dem arabischen Raum stammenden Täter hätten am Ende das Kreuz mit Gegenständen aus einer Moschee verglichen, die sie nicht stehlen würden. (Lesen Sie auch: Borghorster Stiftskreuz: Weitere Anklage nach Festnahme in Bremen)


Das Borghorster Stiftskreuz

Das nur 40 Zentimeter hohe Borghorster Stiftskreuz gehört laut dem Bistum Münster zu den bedeutendsten sakralen Kunstschätzen Europas aus der Zeit des 11. Jahrhunderts. Bis zum Diebstahl am 29. Oktober 2013 war das ottonische Kreuzreliquiar des ehemaligen Borghorster Kanonissenstiftes im Chorraum der St.-Nikomedes-Pfarrkirche in einer Glasvitrine ausgestellt.

Das Reliquienkreuz ist in dreierlei Hinsicht von besonderer Bedeutung: Es handelt sich um ein Objekt, das in einem kostbaren Bergkristallfläschchen 17 Reliquien - von Gläubigen verehrte Körperteile oder persönliche Gegenstände von Heiligen - enthält und bis heute zu besonderen Anlässen in religiöse Feiern und Zeremonien integriert wird. Kunsthistorisch ist das Kreuz laut Bistum eines der herausragenden Zeugnisse sakraler Kunst aus der Salierzeit und ein historisches Zeugnis des differenzierten Stiftungswesens des Mittelalters. Als Gegenleistung für wertvolle Gaben erhofften sich die Menschen damals ihr Seelenheil. Das Borghorster Kreuz wurde zur Sühne nach einem Konflikt gestiftet.

Das Kreuz hat einen Holzkern und ist auf der Vorderseite mit einem dünnen Goldblech, auf der hinteren Seite mit vergoldetem Kupferblech verkleidet. Rein materiell betrachtet, ist das Kreuz nach Aussage von Historikern verhältnismäßig wertlos. Daran ändern auch die als Verzierung eingesetzten Halbedelsteine nichts. Für dieFrömmigkeitsgeschichte der Christen, besonders für die Pfarrei St. Nikomedes, hat das Borghorster Kreuz hingegen eine große Bedeutung. (pm)

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