Das wissen wir bislang zu dem Fall Prozess führt immer tiefer in die Hölle von Höxter

Von dpa

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Das Wohnhaus des beschuldigten Ehepaares in Höxter-Bosseborn. Foto: Jonas Güttler/dpaDas Wohnhaus des beschuldigten Ehepaares in Höxter-Bosseborn. Foto: Jonas Güttler/dpa

Paderborn. Kaum ein Verbrechen hat 2016 soviel Entsetzen ausgelöst: Jahrelang soll ein Ex-Paar Frauen nach Ostwestfalen gelockt und misshandelt haben, zwei von ihnen starben. Der Prozess um das Geschehen hat erst begonnen und offenbart schon jetzt unvollstellbaren Horror.

Es ist ein Kriminalfall, der in Abgründe schauen lässt: In Höxter bei Detmold sollen ein Mann und eine Frau jahrelang mehrere Frauen schwer misshandelt haben - zwei von ihnen überlebten das Martyrium nicht. Sie kommen aus Niedersachsen. Die gerichtliche Aufarbeitung des Geschehens läuft seit Herbst - und steht doch erst am Anfang.

Der Fall

Es sind sonnige Frühlingstage am Rande des Teutoburger Waldes, in die die Nachricht platzt, dass der beschauliche Ort Höxter-Bosseborn zum Schauplatz grausamer Verbrechen geworden sein soll. In einem schäbig wirkenden Hof, den die Medien schnell das „Horror-Haus“ nennen, sollen über Jahre hinweg Frauen gequält worden sein. Dort leben Angelika W. und Wilfried W., die sich als Bruder und Schwester ausgeben, tatsächlich aber ein geschiedenes Ehepaar sind. Sie sollen mit Kontaktanzeigen Frauen nach Ostwestfalen gelockt, ihr Vertrauen gewonnen und sie später schwer misshandelt haben.

Die Taten

Der Staatsanwalt spricht davon, dass sie die Frauen wie Leibeigene gehalten hätten. Folgten sie nicht den strengen Regeln im Hause W. wurden sie geschlagen, verbrüht, nächtelang gefesselt. In der U-Haft wird die geständige Angelika W. später einen Katalog mit mehr als 70 Misshandlungsarten aufschreiben, die den Frauen zuteil wurden. Auch sie selbst soll nach eigener Aussage immer wieder grausam von Wilfried W. gequält worden sein. Später sei ein Großteil der Gewalt gegenüber den anderen Frauen von ihr ausgegangen.

Die Opfer

Es sind mehrere Frauen, die auf die Annoncen antworten und schließlich auch nach Ostwestfalen kommen. Von manchen sollen Angelika W. und Wilfried W. größere Summen Bargeld erschlichen haben. Vier wurden laut Anklage Opfer massiver Gewalt, zwei Frauen aus Niedersachsen überlebten nicht. Das erste Todesopfer ist Anika W. aus Uslar, die Wilfried W. nach seiner Scheidung sogar heiratete. Sie stirbt 2014, völlig ausgezehrt, vermutlich an den Folgen eines Sturzes. Wie Angelika W. aussagen wird, verbrennen sie die in einer Kühltruhe gelagerte Leiche nach und nach in einem Ofen. Im Frühjahr 2016 verschlechtert sich der Zustand eines weiteren Misshandlungs-Opfers so sehr, dass Susanne F. zurück in ihre Heimat nach Bad Gandersheim gebracht werden soll. Als das Auto liegen bleibt, verständigen sie einen Rettungswagen. Noch in der Nacht stirbt die Frau im Krankenhaus.

Die Ermittlungen

Ihre Verletzungen lassen die Polizei hellhörig werden. Die Spur führt schnell in das Haus in Bosseborn. Dort stellt die Polizei zahlreiche Spuren sicher. Darunter sind Handyfotos und -videos, zettelweise schriftliche Versicherungen der misshandelten Frauen, dass es angeblich keinen Zwang gegeben habe. Angelika W. kooperiert zudem mit der Polizei, sagt stundenlang aus, belastet sich und ihren Ex-Mann. Im September hat der Staatsanwalt genug zusammengetragen, um Anklage zu erheben. Wegen zweifachen Mordes stehen Angelika W. und Wilfried W. seit Oktober vor dem Landgericht Paderborn. Doch die Mordkommission geht noch den insgesamt rund 3000 Hinweisen auf mögliche weitere Opfer nach. Dann zeichnet sich ab: Schwerwiegende weitere Taten sollen nicht zur Anklage gebracht werden. Alles was die Ermittler fanden - „Betrügereien, mal eine Nötigung, mal ein Schlag“ - falle für das Strafmaß nicht ins Gewicht, sagt Staatsanwalt Ralf Meyer.

Die Angeklagten

Der großgewachsene Mann mit Dreitagebart stellt sich zwar offen den Kameras, schweigt aber bislang. Seinen Anwälten zufolge hält Wilfried W. (46) seine Ex-Frau für die Triebfeder hinter der Gewalt, zu einem späteren Zeitpunkt sei seine Aussage zu erwarten. Zunächst aber ist Angelika W. (47) an der Reihe: Detailliert, aber nach außen hin kalt schildert sie grausame Details. Wie sie selbst Opfer und dann Täterin wurde, beschreibt sie ohne ersichtliches Unrechtsbewusstsein. Nach ihrer Weltsicht scheinen die Frauen selbst Schuld an den Übergriffen zu tragen.

Der Prozess

Begleitet von großem Medien- und Zuschauerinteresse stand bislang Angelika W.s Aussage im Mittelpunkt. Stück für Stück wurde und wird sie zu ihren bisherigen Angaben befragt. Auch im kommenden Jahr will das Gericht fortfahren, sie mit ihrer Aussage bei der Polizei zu konfrontieren. Es zeichnet sich ein langer Prozessverlauf ab: Erhellt werden muss die Frage, wer bei den Misshandlungen welche Rolle spielte und wie glaubwürdig die Angeklagten sind. Dazu werden 2017 auch weitere Opfer in den Zeugenstand gerufen, wie Christel P. aus Magdeburg, die nach Wochen der Gewalt entkam. Maßgeblich für die Bewertung des Geschehens werden ebenso die Einschätzungen der psychologischen und medizinischen Gutachter sein. „Bis Mitte des Jahres haben wir sicherlich zu tun“, sagt der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus.


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