Prozessauftakt in Münster 40-Jähriger gesteht Vergewaltigung von Rentnerin auf Friedhof

Von Stefanie Witte

Auf dem Friedhof von Ibbenbüren wurde im vergangenen Juli eine Rentnerin vergewaltigt. Foto: Michael GründelAuf dem Friedhof von Ibbenbüren wurde im vergangenen Juli eine Rentnerin vergewaltigt. Foto: Michael Gründel

Münster. Ein 40-jähriger Mann aus Eritrea hat vor dem Landgericht Münster zugegeben, eine 79-jährige Seniorin in Ibbenbüren vergewaltigt zu haben. Am Dienstag begann der Prozess.

Der Richter beginnt mit einem Vorwort. An ein knappes Dutzend Pressevertreter gewandt sagt er: „Es gibt keinen Grund, etwas zu verallgemeinern.“ Damit meint er offensichtlich die Debatte um einen Flüchtling aus Afghanistan, der eine Studentin in Freiburg ermordet haben soll. Während in Münster noch die Verhandlung lief, bestätigte die Staatsanwaltschaft in Bochum, dass ein Flüchtling aus dem Irak ebenfalls wegen zweier Sexualdelikte festgenommen wurde. Vor dem Landgericht Münster steht an diesem Dienstag ein 40-jähriger Mann aus Eritrea, dem die Staatsanwaltschaft Vergewaltigung vorwirft.

Im grauen Schlabberpullover sitzt der Angeklagte, ein zierlicher Mann, neben seinem Verteidiger. Die Augen schlägt der Eritreer in den folgenden Stunden meist nieder. Als das Opfer eintritt, sieht er weg. Die Dolmetscherin muss immer wieder nachfragen, weil er so leise spricht. Auch der Kammervorsitzende hakt häufig nach, weil Antworten zu knapp oder ungenau sind.

Schließlich stehen die Eckdaten zum Leben des 40-Jährigen fest: Acht Jahre lang sei er zur Schule gegangen. Anschließend habe er als Maurer gearbeitet und sei schließlich vom Militär eingezogen worden. Nach einigen Jahren sei er in den Sudan geflohen. „Er hat die Unterdrückung der Regierung gehasst“, erklärt die Dolmetscherin. Was das genau bedeute, fragt der Vorsitzende. Der Angeklagte verzieht das Gesicht in einer Mischung aus Ärger und Schmerz. „Er will nicht darüber reden“, antwortet die Dolmetscherin. Später bestätigt der Mann eine andere Version, die in den Akten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge steht. Nämlich, dass er als Polizist politische Häftlinge in Eritrea freigelassen haben soll – dafür könne man in dem Land erschossen werden.

„Keine sozialen Kontakte“

Aus dem Sudan sei er nach Libyen weitergereist. „Dort hat man nur zwei Möglichkeiten: Man wird festgenommen oder getötet“, sagt der 40-Jährige. Ein halbes Jahr habe er dort gearbeitet, die restlichen sechs Monate saß er nach eigenen Angaben im Gefängnis. Im Juli 2013 sei er dann übers Mittelmeer nach Italien geflohen, zwei Wochen später nach Deutschland.

Seit September 2013 lebte der Mann in Hörstel, als Flüchtling anerkannt aber ohne Asylstatus, weil er über Italien eingereist war. „Was haben Sie den ganzen Tag über gemacht?“, fragt der Richter. „Gar nichts. Einfach nichts“, antwortet der Mann. Kontakt zu Landsleuten habe er alle paar Monate gehabt. Eine Freundin hatte er nicht.

Betrunken Fahrrad gefahren

Als es um seinen Alkoholkonsum geht, muss sich die Dolmetscherin immer wieder zu dem 40-Jährigen herüberbeugen, um ihn besser zu verstehen. Der Mann verstrickt sich in Widersprüche. Über 20 Halbliterflaschen Bier will er jeden Tag alleine zu Hause getrunken haben – finanziert durch Geld, das er vom Staat bekommen habe, 400 Euro monatlich.

Geständnis

Auch in der Nacht vor der Vergewaltigung auf dem Friedhof habe er in einer Kneipe mehrere Biere getrunken, behauptet der Angeklagte. Er gibt zu, die alte Dame vergewaltigt zu haben. „Es ist alles mein Fehler“, sagt er. Bei einer früheren Befragung hatte er zu Protokoll gegeben, dass es die 79-Jährige gewesen sei, die ihn zum Geschlechtsverkehr gezwungen habe. Nun gab der Mann zu, dass er sie geschubst und festgehalten habe.

„Die Polizei hat mich befreit“

Als die Rentnerin zur Befragung eintritt, wendet der Angeklagte den Blick ab. Die 79-Jährige nimmt umständlich Platz, wirkt mürrisch. Weiße Haare, beigefarbener Anorak, ein schwarzer Rock, der über ihre Knie reicht, eine Plastiktüte in der Hand. „Die hat sie immer dabei“, sagte eine Angestellte des Altenheims, in dem die Frau wohnt, später. Die Rentnerin erzählt: „Ich bin zu meiner Mutter auf den Friedhof gegangen.“ Der Angeklagte habe sie dort zu Boden geworfen und ihre Unterwäsche zerrissen. Als nächstes erinnert sich die 79-Jährige daran, wie sie um Hilfe gerufen und sich gewehrt habe und die Polizei gekommen sei. „Die hat mich befreit.“

Ein Anwohner hatte die Schreie der Seniorin gehört und war auf den Friedhof gegangen. „Da ging was vor – das war in meinen Augen nicht richtig“, sagt der junge Familienvater bestürzt. „Ich hatte Angst. Ich bin niemand, der auf solche Situationen zugeht.“ Deswegen sei er zurück zu seiner Wohnung gerannt und habe die Polizei gerufen. Zwei Polizisten beschreiben anschließend übereinstimmend, wie sie den Täter von der alten Dame heruntergezogen haben. „Er wirkte überrascht“, sagt die Polizistin. Die Dame habe dagegen geistesabwesend gewirkt, konnte aber klar auf Fragen antworten.

„Sie grüßt immer nett“

Ob sie danach etwas an ihrem Verhalten geändert habe, fragt der Richter. „Ich bin mit dem Taxi gefahren, weil ich Angst hatte, dass das noch mal passiert“, antwortet die Frau. Ein Mitarbeiter des Altenheims, in dem die Rentnerin wohnt, beschreibt die Frau als in sich gekehrt und wenig kontaktfreudig. „Aber sie grüßt immer nett.“ Als der Angeklagte sich bei der Frau zu entschuldigen versucht, antwortet sie abwesend: „Ja, dann kann ich ja gehen.“ Der Prozess soll am 16. Dezember fortgesetzt werden.


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