Manchmal sogar Morddrohungen Erdogan-Anhänger denunzieren deutsch-türkische „Volksverräter“

Von Florian Pfitzner

Boykott-Aufruf gegen Gülen-nahe Betriebe: Lange Listen in den sozialen Netzwerken. Foto: dpaBoykott-Aufruf gegen Gülen-nahe Betriebe: Lange Listen in den sozialen Netzwerken. Foto: dpa

Düsseldorf . Trotz aller Ermahnungen von Politikern, türkische Konflikte aus Deutschland fernzuhalten, bleibt die Lage vor allem in Nordrhein-Westfalen angespannt. Anhänger des islamischen Exilpredigers Fethullah Gülen sehen sich Einschüchterungsversuchen ausgesetzt, manchmal sogar Morddrohungen. Hinter den Hassbotschaften vermuten sie hiesige Gefolgsmänner des türkischen Präsidenten.

Sie sind vorsichtig geworden, halten sich zurück mit ihrer Meinung: Geschäftsleute mit türkischen Wurzeln, die den Vorgängen in der Türkei seit dem gescheiterten Putschversuch kritisch gegenüberstehen. Zu groß die Angst vor Vergeltung, zu hässlich die Bilder der vergangenen Wochen. Engin Izgi spricht über das, was schief läuft. Er leitet eine Werbeagentur in Schwerte.

Wer mit seinen Waren und Dienstleistungen auf eine deutsch-türkische Käuferschaft angewiesen ist, kann es in diesen Tagen schwer haben. „Viele werden boykottiert“, sagt Izgi und erzählt von einem Freund, der sein Lokal verkaufen musste, weil ihn die Kunden ob seiner Haltung verlassen hätten. Ähnlich geht es Einzelhändlern in Essen und Herne. Liest jemand die Bücher des Islampredigers Gülen , drohe ihm mindestens die gesellschaftliche Ächtung, sagen Deutsch-Türken in Solingen. „Wer anders denkt als Erdogan, gilt als Volksverräter“, sagt Izgi.

Namenslisten in den sozialen Netzwerken

In den sozialen Netzwerken kursieren lange Listen mit Namen von Geschäften und Einrichtungen, die Gülen nahestehen und daher gemieden werden sollen. Inzwischen fürchten viele um ihre Existenz. Ali D., Betreiber eines Handyladens im Ruhrgebiet, steht auf einer der Listen. Er sagt: „So langsam wirkt sich das auf meinen Umsatz aus.“

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat Gülen die Verantwortung für den Putschversuch im Juli mit Hunderten Toten zugeschrieben. Anhänger des US-Exilanten sehen darin eine böse Anschuldigung. Die Stiftung Dialog und Bildung, hervorgegangen aus Gülens Hizmet-Netzwerk, hat die Vorgänge in Deutschland nachgezeichnet. Demzufolge erhielten viele türkischstämmige Menschen die Aufforderung, Gülen-Anhänger zu denunzieren. Eine Rufnummer des Präsidialamts in Ankara sei gleich mitgeliefert worden. Man möge ihnen Namen aus ihrer Region melden, „so dass sie Selbstjustiz üben können“. In deutschen Sicherheitskreisen heißt es, man habe „ein Auge darauf“.

Arbeitgeberverband sieht Rechtsstaat in der Pflicht

Luitwin Mallmann, Hauptgeschäftsführer der Landesvereinigung der Unternehmensverbände NRW, verurteilt die Boykottaufrufe. Er erneuert die Forderung einiger Politiker, wonach Deutschland nicht Austragungsort für innertürkische Konflikte werden dürfe. Dies gelte für alle Formen der Auseinandersetzung. „Dort, wo durch Boykottaufrufe deutsches Recht verletzt wird, muss der Rechtsstaat die Wirtschaftsordnung und alle Marktteilnehmer schützen – gleich welcher Herkunft.“

Einige der aufgelisteten Unternehmer vermuten hinter dem Aufruf Organisationen, die der türkischen Regierungspartei AKP nahestehen, etwa die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) oder die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib). UETD-Chef Zafer Sirakaya weist den Vorwurf zurück. Von der UETD habe „bis heute keine einzige Person zu einem Boykott oder zur Denunziation aufgerufen“. Im Gegenteil lehne seine Organisation Anstiftungen zum Denunziantentum ab.

Angriffe auf Jugendtreffs und Kulturzentren

In NRW ist es bereits zu handfesten Übergriffen auf Hizmet-Einrichtungen gekommen. In Hamm wurde ein Nachhilfezentrum angegriffen, in Essen ein Kulturzentrum. In Gelsenkirchen wurden Fenster eines Jugendtreffs eingeworfen. Die Polizei spricht von einer politisch motivierten Straftat, die Stiftung Dialog und Bildung von einer „Hexenjagd“.

„Rechtsgesinnte türkische Nationalisten“ , so beschreiben es die Angefeindeten, sollen Morddrohungen an Gülen-Anhänger verschickt haben – so etwa Dursun Bas, Vorsitzender der UETD in Essen. „Ihr Ehrlosen – Euer Tod wird nicht einfach sein. Wie könnt Ihr es wagen, auf die Straße zu gehen“, schrieb er bei Twitter. „Der Tweet wurde aus dem Zusammenhang gerissen“, sagt Sirakaya. Bas habe den Text wieder gelöscht. „Als Verband distanzieren wir uns von solchen Aussagen, die für Irritationen sorgen können.“

„Zu viele werfen noch alles in einen Topf“

Von einer Versöhnung sind die Lager weit entfernt. Mitunter geht der Riss sogar durch Familien. Wie viele Deutsch-Türken reagiert Engin Izgi ratlos auf die Frage, wie sich der Konflikt beilegen lässt. „Zu viele werfen noch alles in einen Topf“, sagt er: „Politik und Religion, Staat und Partei.“ Verantwortung sieht Izgi in den deutschen Moscheegemeinden. „Solange türkische Imame die aggressive Stimmung gegen uns schüren, wird es keinen Frieden geben.“