zuletzt aktualisiert vor

Demonstrationen Erdogan-Anhänger in Köln: „Wir sind Deutschland“

Von Florian Pfitzner

Wie im Rausch: Anhänger des türkischen Präsidenten Erdogan in Köln. Foto: dpaWie im Rausch: Anhänger des türkischen Präsidenten Erdogan in Köln. Foto: dpa

fpf Köln . Zehntausende europäische Deutsch-Türken haben in Köln ihre Solidarität mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gezeigt. Jenseits des Rheins prangerten verschiedene Gruppen den „Faschismus in der Türkei“ an.

Eingehüllt in Halbmondfahnen stimmen sie ihre Fangesänge an, huldigen gedrängt auf dem Gelände der Deutzer Werft ihrem Idol: Recep Tayyip Erdogan. Zu Zehntausenden haben sich europäische Deutsch-Türken am rechten Rheinufer versammelt – für einen „friedlichen Protest“, wie es in einer Ankündigung heißt. „Zeigt eure Flaggen“, ruft einer der Anheizer auf der Bühne, nachdem erst die türkische, anschließend die deutsche Nationalhymne vom Band gekommen ist. Und: „Wir sind Deutschland.“

Köln erlebt einen aufregenden Tag, die Lage in der Stadt ist angespannt. Polizeipräsident Jürgen Mathies hat seinen Urlaub unterbrochen. Konzentriert läuft er hinter dem Podium auf und ab, spricht von einer „hoch emotionalen Veranstaltung“. Auf den Hochhäusern liegen Scharfschützen, Wasserwerfer stehen bereit, vorne an der gesperrten Deutzer Brücke hat die Polizei gepanzerte Räumfahrzeuge vorgefahren. Man hat den Terroranschlag von Nizza im Hinterkopf.

Polizei löst Versammlung von „Pro NRW“ auf

Auf der anderen Rheinseite zählen die Beamten mindestens vier Gegenveranstaltungen: das Bündnis „ErdoWahn Stoppen“ der Jugendorganisationen von SPD, Grünen, FDP und der Linken tritt „für Demokratie und Menschenrechte in der Türkei“ ein; die Gruppe „Köln gegen Rechts“ hat dagegen vorrangig die Anhänger von „Pro NRW“ im Blick, die zu zwei, drei Dutzend am Hauptbahnhof stehen. Die Polizei löst das Treffen der rechtsradikalen Partei nach wenigen Stunden wegen Auflagenverstößen auf.

Jenseits des Rheins gesellen sich rechtsradikale Türken aus dem ganzen Bundesgebiet zu der Kundgebung der Fans des türkischen Präsidenten Erdogan. Sie sehen sich selbst als „Idealisten“. Verfassungsschützer haben unter anderem die „Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland“ (ADÜTDF) im Blick, zu der bundesweit bis zu 10.000 Anhänger gehören sollen.

„Machtdemonstration der AKP“ in Köln

Ahmed zieht im roten Pulk zur Deutzer Werft. Er lässt seine Baustelle in Gießen ruhen, trägt ein Trikot des Fußballvereins Denizlispor und ein Schild, auf dem er „Frau Merkel“ an das Elend im Nahen Osten erinnert. Eigentlich stand er Erdogan lange kritisch gegenüber, sagt er. „Aber was da zuletzt abgelaufen ist in den deutschen Medien, dieser Rundumschlag gegen die Türkei, hat mich auf die Straße getrieben.“ Viele um ihn herum rufen „Allahu akbar“, Gott ist groß. Ahmed stimmt mit ein, versinkt wieder in der Menge.

Auf dem Heumarkt, wo die verschiedenen Gruppen ihren bunten Protest feiern, steht Yusuf mit einer Fahne der Alevitischen Gemeinde in der Hand. Er hätte sich über einen Zusammenschluss der gemäßigten Gegner Erdogans gefreut, „um die Stoßkraft zu erhöhen“. Seine Auflehnung richtet sich gegen den „Faschismus in der Türkei“ und die „Machtdemonstration der AKP“ in Köln. Kurdische Verbände verzichten auf organisierte Gegenaktionen. Man wolle nicht zusätzlich Öl ins Feuer gießen, heißt es.

In Ankara zeigt man sich erbost

Vor den Menschen an der Deutzer Werft preisen sie zwischen lauter Musik den „Mut und den Widerstand“ des türkischen Volkes. „Wir als Deutsche sollten auf der Seite des wehrhaften türkischen Volkes stehen“, verlangt ein Gastredner unter dem Jubel seiner Zuhörer, der ehemalige Journalist Martin Lejeune. Es sollte langsam mal vorbei sein „mit dem Türkei-Bashing“.

Eigentlich hatten die Veranstalter geplant, den türkischen Präsidenten live auf eine Großleinwand zu zeigen. Das Bundesverfassungsgericht entschied am Vorabend der Versammlung einstimmig dagegen – und bestätigte damit die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Münster, wonach Übertragungen aus dem Ausland nicht mit dem deutschen Versammlungsrecht vereinbar sind. In Ankara zeigte man sich erbost.

„Führer der Widerstandsbewegung“

Angemeldet hat die Veranstaltung die UETD, die Union Europäisch-Türkischer Demokraten – ein eingetragener Verein, der Erdogans religiös-konservativer Partei AKP nahesteht. Hartnäckig hatte die UETD im Vorfeld behauptet, die Versammlung sei keine Demonstration für den türkischen Machthaber. Vielmehr ginge es um Demokratie. „Warum sollte Erdogan dann zugeschaltet werden?“, fragt die  Integrationspolitikerin Serap Güler (CDU).

Mustafa Yeneroglu sieht darin keinen Widerspruch. Erdogan sei nach dem gescheiterten Putsch „der Führer der Widerstandsbewegung in der Türkei“, sagt er. Daher wollten ihm die Menschen zujubeln. Hinter dem deutsch-türkischen AKP-Abgeordneten und Erdogan-Vertrauten rufen die Menschen wie im Rausch ihre Parolen. Als sich über Köln ein gewaltiges Gewitter entlädt, rollen sie Planen über ihren Köpfen aus.

„Wir fühlen uns verfolgt“

Selbstverständlich wäre in der Türkei eine Demonstration für einen ausländischen Staatschef möglich, sagt Yeneroglu und verteidigt die Politik Erdogans, die Entlassungen und Verhaftungen. Neben den Soldaten sieht er für den versuchten Militärputsch in der Türkei „Helfer und Helfershelfer“ in der Verantwortung, also auch die Hizmet-Bewegung des islamischen Exilpredigers Fethullah Gülen.

Auswirkungen des Verdachts schlagen sich häufig in Nordrhein-Westfalen nieder. In der vorherigen Nacht wurden an einem Jugendtreff in Gelsenkirchen, der Gülen nahestehen soll, drei Scheiben eingeworfen. Es war bereits der zweite Angriff

auf das Café in wenigen Tagen. Die Polizei vermutet eine politisch motvierte Straftat. „Wir fühlen uns verfolgt“, sagt ein Hizmet-Funktionär. Er spricht von Schikane, gar Morddrohungen. „Es ist ein Drama.“