Passagier erinnert sich Zugunglück in Ibbenbüren: „Ich hatte furchtbare Angst“

Christian Glösekötter zeigt auf einem Bild auf die Stelle, auf der er in dem Abteil gestanden hat. Foto: Matthias Schrief/ Münsterländische VolkszeitungChristian Glösekötter zeigt auf einem Bild auf die Stelle, auf der er in dem Abteil gestanden hat. Foto: Matthias Schrief/ Münsterländische Volkszeitung

Osnabrück. Christan Glösekötter erinnert sich an Glas- und Metallsplitter, die durch das Abteil flogen. Er erinnert sich an Schreie. Der 33-Jährige saß in der Westfalenbahn, die am 16. Mai in Ibbenbüren in einen Gülleanhänger raste. Zwei Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben.

Christian Glösekötter war an dem Samstag mit seiner Familie auf dem Rückweg aus dem Urlaub. Zusammen mit seiner schwangeren Frau, seinem fünfjährigen Sohn, seinem Schwiegervater und zwei Schwägern hatte er ein paar Tage in einem Ferienhaus in Blomberg verbracht. In Herford steigen sie in den Zug der Westfalenbahn. Die Familie will zurück nach Hause, nach Rheine. (Zugunglück in Ibbenbüren: Zurück bleiben Trümmer und Trauer)

„Wir sind in den ersten Waggon hinter der Lok gestiegen“, berichtet Glösekötter. Eigentlich will die Reisegruppe zusammensitzen. Es sind aber nicht genügend Plätze frei. Der 33-Jährige bleibt beim Gepäck stehen, das die Familie an den Notsitzen abgestellt hat. „Ich habe mich an der Haltestange festgehalten.“ Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich ein Viererplatz, der aber besetzt ist.

Als der Zug hält, wird der Viererplatz frei. Eine junge Frau steigt ein und setzt sich dorthin. „Ich habe überlegt, ob ich mich dazusetzen soll, meine Füße haben mir langsam wehgetan.“ Dazu kommt es nicht mehr. Glösekötter: „Plötzlich hat es einen großen Knall gegeben, Glas- und Metallsplitter sind durch das Abteil geflogen.“ Glösekötter wird zu Boden geschleudert. Als er hochguckt, sieht er Staub aufsteigen, Gülle ist in den Wagen gelaufen. Die Seite mit dem Viererplatz, auf dem die junge Frau gesessen hat, ist komplett aufgerissen.

„Was ist mit meiner Familie?“

„Mein erster Gedanke war; was ist mit meiner Familie?“, erinnert sich Glösekötter. Er steht auf. Er sieht seine Frau unter Trümmern liegen. Mit einem seiner Schwäger befreit er sie. Sein Schwiegervater kümmert sich um seinen Sohn.

Die ersten Momente sind chaotisch. Die Familie rettet sich aus dem Zug. Was genau geschehen ist, lässt sich zu dem Zeitpunkt nicht sagen. „Ich wusste nicht; war es das, oder passiert noch mehr?“, erzählt Glösekötter. Vermutlich steht er zum Zeitpunkt des Unglücks unter Schock.

Glösekötter, sein Schwiegervater und sein Schwager gehen zurück in den Waggon, um zu helfen. Sie finden die junge Frau, die auf dem Viererplatz gesessen hatte. Sie liegt inmitten der Trümmer. Sie heben sie vorsichtig an und legen sie neben den Zug. Die Frau ist zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich schon tot. Außer der 18-Jährigen stirbt der Lokführer bei dem Unglück. (Weiterlesen: Westfalenbahn sammelt Geld für Familie des verunglückten Lokführer)

Psychologische Betreuung

Christian Glösekötter wird bei dem Unfall im Gesicht verletzt; ein langer Schnitt zieht sich seine linke Wange hinunter. Auch die anderen Familienmitglieder sind verletzt. Ein Schwager liegt bis heute im Krankenhaus.

Christian Glösekötter, seine Frau und sei Sohn sind in psychologischer Betreuung. Einmal in der Woche treffen er und seine Frau einen Psychologen. Sein Sohn bekommt im Kindergarten eine spezielle Betreuung. Sie haben sich einen Anwalt genommen, es geht um möglichen Schadensersatz, die Ermittlungen laufen noch. (Weiterlesen: Zugunglück bei Ibbenbüren: Zeugenaufruf in Niederlanden)

„Der Alltag hat sich seit dem Unglück komplett geändert“, berichtet Glösekötter. Am vergangenen Samstag war er mit dem Auto unterwegs, es war halb zwölf, es hat geregnet. „Es war alles wie an dem Unglückstag. Ich hatte auf einmal furchtbare Angst.“


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